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Krank im Büro Nichtstun strengt an

28.10.2007 ·  Wer im Beruf ständig Stress hat, läuft Gefahr, am Burnout-Syndrom zu erkranken. Doch es gibt auch das Gegenteil: Beim Boreout leiden die Beschäftigten darunter, zu wenig zu tun zu haben. In den Unternehmen spricht sich das nur langsam herum.

Von Pia Blankenburg
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Nach drei Monaten in der neuen Abteilung habe ich mich nur noch gelangweilt. Ich bat meinen Vorgesetzten um mehr und anspruchsvollere Aufgaben", erzählt Monika L.*, die als Sachbearbeiterin in einer Versicherungsgesellschaft im Rhein-Main-Gebiet arbeitet. "Aber ich rannte gegen verschlossene Türen. Dann lässt man es irgendwann sein." Mit der Zeit entwickelte sie Strategien, um die wenigen Aufgaben in die Länge zu ziehen. "Damit es nicht auffällt, dass ich eigentlich nichts tun hatte." Die Identifikation mit dem Unternehmen ging verloren und damit auch die Zufriedenheit im Job. Erst als ein neuer Vorgesetzter die Arbeitsstrukturen umkrempelte und anders organisierte, besserte sich die Lage. Jetzt geht Monika L. wieder gerne zur Arbeit.

Was sie erlebt hat, ist kein Einzelfall. Das Phänomen der Unterforderung am Arbeitsplatz rückt inzwischen immer stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit - und langsam auch in das der Personalverantwortlichen. Wer in seinem Job - durch Aufträge, die nicht fordern und schnell erledigt sind - viel unausgefüllte Arbeitszeit hat, mag sich anfangs noch über den Freiraum freuen. Wird dies jedoch zu einem Dauerzustand ohne Aussicht auf Änderung, dann kehrt sich die ständige Unterforderung ins Negative. Der Arbeitnehmer macht gelangweilt nur noch Dienst nach Vorschrift und versucht, dies aus Angst um seinen Arbeitsplatz zu verbergen. Auch gesundheitliche Probleme können die Folge sein. Und das Unternehmen leidet ebenfalls: Ihm entsteht durch nicht effizient eingesetzte Mitarbeiter ein handfester wirtschaftlicher Schaden.

Jeder siebte Mitarbeiter fühlt sich unterfordert

Der jüngste Engagement-Index des Marktforschungsunternehmens Gallup zeigt, dass 87 Prozent der deutschen Beschäftigten keine echte Verpflichtung gegenüber ihrer Arbeit empfinden. Darunter finden sich 19 Prozent, die die innere Kündigung schon vollzogen haben. Der gesamtwirtschaftliche Schaden dieser negativen Einstellung geht in dreistellige Milliardenbeträge. Der aktuellen Erwerbstätigenbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und des Bundesinstitutes für Berufsbildung zufolge fühlt sich fast jeder siebte Mitarbeiter in Deutschland angesichts seiner Qualifikation unterfordert.

Über dieses Phänomen haben die zwei Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder ein Buch mit dem Titel "Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht" geschrieben. Boreout übersetzen sie mit "Ausgelangweilt-Sein". Drei Elemente kennzeichnen ihrer Einschätzung nach die Situation: Unterforderung, Desinteresse und Langeweile. "Wir gehen davon aus, dass rund 15 Prozent der im Dienstleistungssektor Beschäftigten betroffen sind", erklärt Werder. "In handwerklichen Berufen ist dies zum Beispiel nicht möglich. Ein Maurer kann nicht so tun, als ob er eine Mauer hochzieht." Zwei Einflussfaktoren haben die Autoren bei ihren Gesprächen mit Betroffenen festgestellt: "Nur Menschen, die an einem Schreibtisch arbeiten, können einen Boreout bekommen. Der zweite Faktor ist die Möglichkeit, das Arbeitsvolumen und die Abgabetermine der anstehenden Aufgaben selber zu steuern", sagt Rothlin. "Menschen, die ihre Arbeit unmittelbar erledigen und abliefern müssen, können auch keinen Boreout bekommen." Beispiele dafür sind Busfahrer oder Kellner.

Im richtigen Beruf, am falschen Ort?

Rothlin und Werder haben unterschiedliche Ursachen für einen Boreout erkannt: "Die einen haben von Anfang an den falschen Beruf gewählt und rutschen über das Desinteresse in den Boreout hinein", erklärt Werder. Die anderen seien zwar im richtigen Beruf, aber am falschen Ort. "Das heißt, sie sind im falschen Unternehmen, im falschen Team oder haben den falschen Vorgesetzten."

Auch Mobbing kann bei Mitarbeitern zum Boreout führen, wie das Beispiel John D.* zeigt. Der Experte für militärische Spezialfahrzeuge kehrte nach einem Auslandsarbeitsaufenthalt wieder an seinen Schreibtisch in Deutschland zurück. Dieser stand nun allerdings in der Büroküche, und auch die Arbeitsaufträge wurden immer unbedeutender. Nachfragen bei der Geschäftsführung brachten nur Ausflüchte, keine konkreten Antworten.

"Für mich war das Schlimmste, nicht zu wissen, warum ich so behandelt wurde", sagt John D., der das Unternehmen mit aufgebaut hat. Die Folgen: Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust, Herzprobleme und Depressionen. Inzwischen wurde ihm gekündigt, er geht dagegen vor. Noch immer kann er nur mutmaßen, was zu diesem Verhalten seitens der Geschäftsführung führte. "Für mich geht das Leiden weiter", sagt er, krank vom Nichtstun.

Bei den Krankenkassen nicht angekommen

In den Geschäftsstellen der Krankenkassen ist das Thema Boreout allerdings noch nicht angekommen. "Wir werten jährlich die Arbeitsunfähigkeitsdaten aus, aber da ist die Unterforderungsproblematik noch nicht aufgetaucht", sagt ein Sprecher der DAK. Es gebe kein Krankheitsbild dafür und entsprechend keinen Schlüssel, mit dem Krankheiten international beschrieben würden. "Auf der Arztrechnung steht dann vielleicht Depressionen, Psychotherapie oder Ähnliches. Die Unterforderung am Arbeitsplatz ist daraus aber nicht ersichtlich", ergänzt ein Sprecher der DKV.

"Das Phänomen Boreout spitzt sich zu", beobachtet hingegen Manfred Nelting, Ärztlicher Direktor der Gezeiten Haus Klinik in Bonn. Er nennt in diesem Zusammenhang unter anderem die wachsende Zahl der Beschäftigungsgesellschaften, in die Mitarbeiter, die im Unternehmen eigentlich überflüssig sind, abgeschoben werden. "Es ist sinnlos, einfach nur Akten hin- und her zu tragen. Die Folge können durchaus schwere Depressionen oder andere gesundheitliche Schwierigkeiten sein", fügt er hinzu. Auch Selbstmorde kämen angesichts der Sinnlosigkeit der übertragenen Aufgaben in solchen Situationen vor.

In den Personalabteilungen der Unternehmen spricht sich nur langsam herum, was es mit dem Schlagwort Boreout auf sich hat. So erklärt eine Unternehmenssprecherin der Deutschen Bank: "Wir haben zu diesem Thema bisher keine Statistiken. Allerdings sehen wir seit vielen Jahren einen Bedarf beim Thema Stress, der durch Über-, aber auch durch Unterforderung entstehen kann. Diese Probleme haben zugenommen, und um entsprechenden Belastungen vorzubeugen, haben wir eine Reihe an Angeboten, die die Gesundheit unserer Mitarbeiter fördern."

Während sich der überforderte Mitarbeiter aber jederzeit zu Wort melden kann, hat es der Unterforderte deutlich schwerer, sich Gehör zu verschaffen. "Nach einigen Monaten mit wenig Arbeit fällt es schwer, dem Chef zu sagen, man habe zu wenig zu tun. Der fragt dann berechtigterweise: Was haben Sie die ganzen Monate gemacht? Das ist natürlich peinlich", sagt Buchautor Rothlin. Nelting rät dennoch immer wieder dazu, das Gespräch zu suchen: "Man kann in Mitarbeitergesprächen jedoch weniger gut sagen: ,Ich leide an Unterforderung.' Besser ist es, es positiv zu formulieren und zu erklären: ,Ich kann mehr und würde mich über neue Aufgaben freuen.' Ich glaube, dass die Menschen Lust haben, etwas zu schaffen. Das Nichtstun ist schlimm."

Boreout - was tun?

Am Anfang steht die Selbsterkenntnis. Wer sich in seinem Job nicht wohl fühlt, sollte darüber nachdenken, ob er nicht unterfordert ist. Wer zu wenig Arbeit hat, gibt dies natürlich nicht gerne zu: Doch kann Unterforderung genauso krank machen wie Überforderung. Auch hier gilt zuerst: das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen. Ich möchte mehr tun, ich kann mehr, lauten hier die Argumente. Parallel dazu kann auch das Training durch einen Coach oder eine psychologische Beratung erste Hilfe leisten. Langfristig aber gilt, selber die Initiative zu ergreifen - bis hin zum Jobwechsel.

*Namen sind der Redaktion bekannt

Quelle: F.A.Z., 27.10.2007, Nr. 250 / Seite C5
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