Home
http://www.faz.net/-gym-vzjr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne „Unter Zwang und so“

 ·  Viermal in den letzten vier Wochen war die Scheibe des Kopierers durchgebrochen. Schilling stand vor einem Rätsel. Und dieser Kopierheini vewirrte ihn nur noch mehr. Die wöchentliche Kolumne: Wie war dein Tag, Schatz?

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Eine wirklich makellose Sekretärin führte den Kundendienstmann in Schillings Büro, wo er stand wie ein großer, leider etwas schmutziger Fremdkörper, den man von der Straße heraufgeholt hatte.

"Herr Schilling, der Kundendienstmitarbeiter des Kopiererherstellers für Sie", sagte die wirklich makellose Sekretärin mit ihrer sehr angenehmen Stimme und zog sich unter den beifälligen Blicken Schillings zurück.

Schilling mochte gutaussehende Menschen und machte kein Hehl daraus. Er mochte reibungslose Abläufe, die in positiver Atmosphäre zu präsentablen Ergebnissen führten. Am besten zu sehr präsentablen Ergebnissen. Bei seinen Mitarbeitern war das angekommen. Sie lebten und arbeiteten in den lichtdurchfluteten Räumen und Fluren dieser wunderbaren Etage aus Stahl und Glas, als wären sie die Avantgarde einer neuen Arbeitskultur. Ihre Manieren waren überzeugend, aber auch ihre Beißwerkzeuge und Ellenbogen waren intakt. Natürlich gab es hie und da kleine Ausreißer. Diesen Kopierheini zum Beispiel. Viermal in den letzten vier Wochen war die Scheibe des Kopierers durchgebrochen. Schilling und seine Abteilung standen geschlossen vor einem Rätsel. Er hatte weiß Gott Wichtigeres zu tun, als sich um Kopiergeräte zu kümmern. Aber offensichtlich arbeitete hier jemand so hartnäckig schlecht, dass man ihn kennenlernen musste.

"Was ist also los? Warum reparieren Sie unseren Kopierer nicht so, dass er mal länger als eine Woche hält?", fragte Schilling.

"Na ja, so wie ich den jedes Mal repariert habe, hätte der schon länger halten können. Es sind immer die neu eingesetzten Halterungen durchgebrochen. Wenn Sie mich fragen, da hat sich jemand draufgesetzt."

"Draufgesetzt? Warum sollte jemand das tun?"

"Na, um seinen Hintern zu kopieren natürlich!"

"Natürlich? Was wäre denn daran natürlich?"

"Wenn ich das sagen darf: Dreiundzwanzig Prozent aller Kopiererschäden sind auf Mitarbeiter zurückzuführen, die versuchen, ihren Hintern zu kopieren."

"Woher wissen Sie denn das?"

"Interne Firmenstatistik."

"Und warum tun die Menschen das?", fragte Schilling als wäre er gerade dabei, vom Glauben abzufallen.

"Wenn Sie mich fragen: Das machen die Leute dann, wenn sie unzufrieden sind. Wenn sie stark unter Druck stehen. Unter Zwang und so."

"Ja, ja, danke."

Später stand Schilling allein im Kopierraum und betrachtete das reparierte Gerät. Vielleicht wohnte hier ein dunkler Dämon, der seine Mitarbeiter verführte. "Unter Zwang oder so", hatte der Mann gesagt. Hier stand niemand unter Zwang. Er würde eine Überwachungskamera installieren lassen.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z., 27.10.2007, Nr. 250 / Seite C1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel