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Veröffentlicht: 22.12.2011, 16:40 Uhr

Kollegen aus unterschiedlichen Nationen Tritt ins interkulturelle Fettnäpfchen

Wenn Kollegen aus unterschiedlichen Nationen an einer Sache arbeiten, schleichen sich schnell Missverständnisse ein. Da gilt es, sofort gegenzusteuern.

von Nina Brodbeck
© mauritius images Gäste aus Asien erwarten, vor der Tür begrüßt zu werden

Der Chef kann es sich nicht erklären. Da gibt es diese beiden Kolleginnen in seinem Team. Die eine ist Mitte 50 und schon länger dabei, die andere deutlich jünger und erst seit einem halben Jahr im Betrieb. Beide sind umgänglich, beide sind qualifiziert. Und trotzdem funktioniert ihre Zusammenarbeit nicht. Mittlerweile hat sich die Sache zugespitzt, die beiden Frauen reden kaum noch miteinander, und wenn, dann hagelt es gegenseitige Beschuldigungen.

Schließlich schaltet der Chef eine externe Streitschlichterin ein: Cristina Lenz. Sie ist Rechtsanwältin und gehört in Deutschland zu den Pionierinnen der Wirtschaftsmediation. Nach Vorgesprächen mit den beiden zerstrittenen Kolleginnen ist für sie die Ursache des Konflikts klar: Die Frauen kommen aus gänzlich unterschiedlichen Kulturkreisen, die Ältere aus Deutschland, die jüngere, neue Kollegin aus Japan. Schon bei der ersten Begegnung lief Entscheidendes zwischen ihnen schief. Und das, obwohl oder vielmehr gerade weil beide eigentlich die besten Absichten hatten. Die Deutsche ging, wie sie meinte, offen auf die Neue aus Japan zu, sah ihr direkt in die Augen und hielt diesen Blickkontakt die ganze Zeit über aufrecht. Aus ihrer „westlichen“ Sicht zeigte sie damit ihr ehrliches Interesse und Wertschätzung.

„Was hat die denn zu verbergen?“

Die Japanerin dagegen sah ihr Gegenüber bei der Begrüßung nicht an und hielt auch während des Kennenlerngesprächs die Augen gesenkt, genau so, wie man sich im asiatischen Kulturkreis einer unbekannten und noch dazu älteren Person gegenüber verhält, der man Respekt erweisen möchte. „Was hat die denn zu verbergen?“, dachte daraufhin die Deutsche. „Warum ist die denn so angriffslustig, ich will ihr doch gar nichts?“, die Japanerin. Misstrauen war gesät. Streit die bittere Ernte.

Konflikte am Arbeitsplatz: In Zeiten fortschreitender Globalisierung haben sie oft einen sogenannten interkulturellen Hintergrund. Denn im Zuge von Auslandsverlagerungen oder internati-onalen Jointventures treffen immer mehr Menschen aufeinander, die ganz unterschiedlich sozialisiert sind. Das lässt sich auch an Zahlen ablesen: Nach einer Erhebung der Deutschen Bundesbank gab es Ende 2009 auf der ganzen Welt 20.165 Unternehmen im Ausland mit unmittelbarer deutscher Kapitalbeteiligung. In eine Vielzahl solcher Unternehmen werden Arbeitskräfte aus Deutschland geschickt, die sich die allergrößte Mühe geben - und doch sich verhalten wie ein Elefant im Porzellanladen.

Ein blinder Fleck sozusagen

Interkulturelle Missverständnisse bringen Sand ins Getriebe des kollegialen Miteinanders. „Interkulturell bedingt ist ein Konflikt für mich dann, wenn bestimmte Grundannahmen nicht geteilt werden und man sich nicht bewusst ist, dass der Streit auf Grundannahmen beruht“, erklärt der Mediator Anusheh Rafi. Ein blinder Fleck sozusagen, den wir alle mehr oder weniger im kulturellen Miteinander haben.

Ein Beispiel: Sowohl im Deutschen als auch im Französischen gibt es das Wort Konzept. Was genau darunter zu verstehen ist, darüber gehen die Vorstellungen deutlich auseinander: Für Deutsche ist ein „Konzept“ ein klar ausgearbeitetes und durchstrukturiertes Schriftstück, in Frankreich steht „concept“ eher für eine Ideenskizze: vier, fünf Überlegungen, locker hintereinandergereiht. Arbeiten nun eine Gruppe Franzosen und eine Gruppe Deutsche gemeinsam an einem Projekt und beide Parteien verabreden lapidar, bis zum nächsten Treffen ein Konzept zu erarbeiten, dann ist die Gefahr denkbar groß, dass es bei diesem Treffen ungemütlich wird. Weil die deutschen Teilnehmer von der mangelnden Sorgfalt ihrer gallischen Kollegen enttäuscht sind und die Franzosen sich von der teutonischen Gründlichkeit überrannt fühlen.

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