19.11.2007 · Starre Strukturen und lange Entscheidungs-wege verderben den Spaß an der Arbeit im Krankenhaus. In Barmbek wird vieles anders gemacht. Hier steht die "Klinik der Zukunft".
Von Holger AppelBlutwerte der Patienten? Auf dem tragbaren Computer. Röntgenbilder? Auf dem Computer. Vorerkrankungen, Medikamente samt Wechsel- und Nebenwirkungen, frühere Therapien? Alles auf dem Computer. Die neueste Fachliteratur? Am Patientenbett online abrufbar. Stapel mit Zetteln? Fehlanzeige. Im Hamburger Stadtteil Barmbek probt der Klinikkonzern Asklepios das Krankenhaus der Zukunft. Und das bedeutet vor allem: kein Papier, konsequenter Einsatz von Informationstechnologie, kurze Wege, schnelle Entscheidungen, Teamwork. Und es bedeutet auch relativ junge Chefärzte, die meisten etwa Mitte vierzig. Als das Krankenhaus vor rund zwei Jahren startete, ergab es sich, dass einige Chefs und leitende Ärzte aus dem aktiven Dienst ausschieden, "die meisten altersbedingt oder freiwillig, manche nicht ganz freiwillig", wie der kaufmännische Direktor Hans-Friedrich Günther ein wenig verschmitzt sagt. "Wir haben nicht nur eine neue Klinik mit einer optimalen Logistik und kurzen Wegen gebaut, sondern wir haben auch neue Strukturen geschaffen. Früher dachte doch jeder Chefarzt, er sei oben angekommen und unten sei das Fußvolk. Wir brauchen hier einen anderen Typ Doktor. Wir brauchen Leute, die unser Konzept mittragen, die Wissens- und Informationstransfer und Teamgeist leben. Die keinen Wert auf Fürstentümer legen."
Siegbert Faiss ist so einer. Der Chefarzt der Gastroenterologie beginnt seinen Tag am Computer, wo er alle organisatorischen und medizinischen Daten einschließlich der dazugehörigen Bilder seiner Patienten auf einen Klick abrufen kann. "Ich brauche einen visuellen Eindruck. Früher musste ich mir immer aufwendig die Bilder zusammensuchen, jetzt habe ich sie per Knopfdruck auf dem Schirm", gibt er ein Beispiel für seine Arbeitsbedingungen. "In vielen Krankenhäusern läuft es doch so: Röntgenbild machen, auf den Stapel legen, Befund diktieren, auf den Stapel legen, Befund von der Sekretärin schreiben lassen, auf den Stapel legen, schriftlichen Befund vom Arzt kontrollieren lassen, auf den Stapel legen, mit dem Stapel auf die Station gehen und dort feststellen, dass irgendwas aus dem Stapel verlorengegangen ist."
Röntgenaudnahme binnen einer Stunde abrufbar
"Habe ich einen Stapel vergessen?", fragt Faiss mit einem ironischen Lächeln. Er und seine Kollegen aus der Radiologie hingegen müssen und wollen ohne Schreibkräfte auskommen. Die Ärzte sprechen ihren Befund in ein Diktiergerät mit Spracherkennung, das daraus einen Text im Computer erzeugt und diesen an das Röntgenbild hängt. "Binnen einer Stunde ist die Röntgenaufnahme samt Befund auf der Station online abrufbar", sagt Radiologie-Chefarzt Roland Brüning.
Direktor Günther hat noch ein weiteres Beispiel parat: "Wir verbringen irsinnig viel Zeit mit der Suche nach irgendwas: nach Rollstühlen, mobilen Ultraschallgeräten, Infusionspumpen und was weiß ich noch allem. Die stehen immer irgendwo herum, und keiner weiß, wo. Das wollen wir demnächst abstellen, indem wir die Geräte mit elektronischen Etiketten (RFID) ausstatten. Dann kann man am Computer jederzeit feststellen, wo sich welches Gerät im Haus befindet."
"Daran sieht man, wie Informationstechnologie die Abläufe verbessern kann, wenn man sie als natürlichen Verbündeten ansieht", sagt Faiss. An seiner früheren Arbeitsstelle sei zwar auch eine IT-Struktur eingeführt worden, doch die sei letztlich eine Insellösung ohne größere Effektivität geblieben. In Barmbek, wo das gesamte Klinikum mit drahtloser Datenübermittlung (W-Lan) ausgestattet ist, sei man indes voll vernetzt. Als nächsten Schritt kann sich Faiss ein "Order-Entry-System" vorstellen. Dann würde er in seinem Arztzimmer am Computer zentral - und nicht in zahllosen Einzelgesprächen oder über diverse Zettel - alles anordnen, was ein Patient braucht: Blutabnahme, Medikamente, Untersuchungen. "Das wird keine Medizin vom Schreibtisch aus", wehrt er skeptische Nachfragen ab, "sondern spart viel Zeit, die ich im direkten Kontakt mit dem Patienten besser nutzen kann."
„Ohne Marketing keine Chance“
Seit zwei Jahren ist er dabei, war vorher an der Berliner Charité. Was ihn an Barmbek gereizt hat? "Mich hat die Aussicht fasziniert, ein modernes Krankenhaus mit einem modernen Träger mitzugestalten. Hier stellt sich die Beziehung zu den Patienten neu dar, wir verstehen sie wirklich als Kunden: Medizin gut, Essen gut, freundlich, sauber." Außerdem sorge der Konzern für Außendarstellung, was Faiss schätzt. "Ohne Marketing hat man keine Chance mehr."
Geht es den Patienten und der Klinik gut, geht es auch Faiss gut. Er und seine leitenden Kollegen müssen zwar sämtliche Privatliquidationen an das Haus abführen, bekommen aber ein erfolgsabhängiges Gehalt. 20 bis 25 Prozent sind variabel an den Erfolg der Station gekoppelt. Faiss würde gern noch einen Schritt weitergehen. "Mir wäre es lieber, man wäre am Erfolg des gesamten Hauses beteiligt. Das stärkte den Teamgedanken. Und ich hätte auch nichts dagegen, leitender Angestellter mit voller Budget- und Personalverantwortung zu sein."
Peter Urban ist auch so einer, ein Arzt, der die andere Art Krankenhaus schätzt. 1988 hat der Neurologe sein Examen gemacht, wurde schließlich Oberarzt an der Universitätsklinik in Mainz. Seit Mai 2006 ist er Chefarzt in Barmbek, wo seine Station mit 64 Betten so groß wie in der Uniklinik, sonst aber vieles anders ist. "Der Gestaltungsspielraum hier ist größer, die Verwaltung schlank, die Wege sind kürzer. Investitionen oder Stellenbesetzungen sind hier in wenigen Minuten zu klären", sagt er. Normalerweise verbringe man als Chefarzt 70 Prozent seiner Zeit mit Bürokratie und Sitzungen und 30 Prozent mit den Patienten. "Das ist hier nicht so. Die Zeitersparnis kommt dem Patienten zugute."
Direkter Draht zum Hausarzt
Er schätzt zum Beispiel, dass die Informationstechnologie für alle Seiten Vorteile bietet. Weil die Bilder aus dem Computertomographen direkt auf die tragbaren Computer aller behandelnden Ärzte gespielt werden, werden kostspielige Doppelaufnahmen vermieden. Zudem sind die Bilder wenige Minuten nach ihrer Erstellung auf der Station sichtbar. "Im Durchschnitt wissen wir einen Tag früher, was mit dem Patienten los ist, und können die Diagnostik früher anpassen", beschreibt er einen Vorteil. Oder diesen: "Ich bekomme vom Stationsarzt einen Tag vor der Entlassung des Patienten den Arztbrief zugemailt und vervollständige ihn. Der Patient geht also mit einem vom Chefarzt geschriebenen vollständigen Arztbrief nach Hause und nicht mit einem vorläufigen Dreizeiler, der einige Tage später durch ein weiteres Schreiben ergänzt wird. Dies ermöglicht dem Hausarzt die direkte optimale Weiterbehandlung." Ziel der Barmbeker Ärzte ist es, künftig online mit dem Hausarzt verbunden zu sein. Dann kann das Krankenhaus die dort gespeicherten Daten einsehen, und der Hausarzt kann umgekehrt per Computer in seiner Praxis auf die Untersuchungsergebnisse aus Barmbek zugreifen. Doch das ist selbst in der Klinik der Zukunft noch Zukunftsmusik.
Frank-Holger Appel Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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