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Kassenärztechef Andreas Köhler "Man kommt auf 85.000 Euro im Jahr"

19.11.2007 ·  Nicht nur Medizin hat Andreas Köhler studiert. Der 44 Jahre alte Facharzt für Chirurgie ist auch Betriebswirt. Mitte der neunziger Jahre heuerte er bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung an, heute ist er ihr Vorstandsvorsitzender.

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Ein Viertel der ausgebildeten Ärzte geht nach dem Studium nicht in die medizinische Versorgung. Besorgt Sie das?

Angesichts der sich abzeichnenden Versorgungslücke in den kommenden Jahren auf jeden Fall. Andererseits sollten wir das nicht dramatisieren: Es ist manchmal gar nicht schlecht, weil sie das ärztliche Selbstverständnis auch in andere Lebensbereiche einbringen. Das gab es schon früher auch bei den Juristen und anderen Berufsgruppen.

Woran liegt es, dass so viele Mediziner lieber in der Pharmaindustrie und in Beratungsunternehmen anheuern als in der Klinik, um sich dann später niederlassen zu können?

Der Arztberuf ist ein sehr anstrengender Beruf, in der Praxis wie im Krankenhaus. Da gibt es lange Arbeitszeiten, eine hohe Bürokratiedichte und zuletzt auch noch unsichere Einkommenschancen. Das ist mittlerweile auch in der Öffentlichkeit bekannt und auch den Medizinstudenten. Das schafft Unsicherheit. Hinzu kommt, dass während des Studiums auf die praktischen Dinge kaum eingegangen wird. Wenn ich meine Berufsentscheidung treffe, weiß ich nicht, wie sieht das aus, später, als leitender Krankenhausarzt oder in eigener Praxis.

Unter dem Strich lohnt es also nicht mehr, als Arzt in die medizinische Versorgung zu gehen?

Doch. Die Zukunft sieht besser aus, gerade auch als niedergelassener Arzt. Wir haben einen sehr hohen Ersatzbedarf. Alleine von 2012 an fehlen 15.000 Hausärzte und 18.000 Fachärzte, weil sie in den Ruhestand treten. Das heißt, ein junger Mediziner hat eine große Chance, sich niederzulassen. Hinzu kommt: Wir haben uns auf eine Vergütungsreform geeinigt, die sichere Einkommenschancen verspricht. Zudem hat die Bürokratie ein Niveau erreicht, bei dem sich alle Beteiligten, bis zu den Kassen und der Regierung, konstruktive Gedanken darüber machen, wie man da wieder runterkommt.

Oder ist es doch besser, ins Ausland zu gehen? Ein Teil der Medizinstudenten soll ja schon im zweiten Semester mit Norwegisch anfangen.

In anderen Ländern sind insbesondere die Arbeitszeiten und Fortbildungsmöglichkeiten oft besser als bei uns. Da wird sich in den nächsten Jahren bei uns sehr viel tun. Der Standort Deutschland wird für ambulante niedergelassene Tätigkeiten wieder interessanter. Wir werden in unserem komplexen und überregulierten System einen Befreiungsschlag erleben. Es wird wieder mehr Spaß machen, Patienten zu behandeln. Das ist und bleibt ein schöner Beruf.

Was raten Sie einem jungen Arzt, der einmal in die Praxis gehen will? In welchem Fachgebiet sollte er sich spezialisieren, wo niederlassen?

Im Moment würde man sicher empfehlen, Hausarzt zu werden. Denn da gibt es in allen Regionen sehr, sehr gute Niederlassungschancen.

Also nicht nur als Landarzt in der Uckermark?

Nein, das gilt für die alten wie für die neuen Länder, selbst in Ballungsräumen. Auch im unmittelbaren Umfeld von Berlin haben wir freie Arztsitze.

Wie sieht es bei den Fachärzten aus?

Als Facharzt muss man eine gewisse Mobilität mitbringen. Da sind viele Versorgungsbereiche derzeit gesperrt. Aber das Bild wird sich in wenigen Jahren, also für alle, die jetzt im Studium sind, komplett ändern. Dann wird man die Region frei auswählen können, in der man sich niederlassen will. Wer aber in den nächsten zwei bis drei Jahren in die Praxis wechseln will, der sollte besser in die hausärztliche Versorgung gehen.

Mit was für einem Einkommen kann man dann rechnen?

Das Einkommen eines niedergelassenen Arztes setzt sich ja aus mehreren Komponenten zusammen. Wir haben zum einen die gesetzlichen Krankenkassen. Da fallen die Einnahmen je nach Region derzeit unterschiedlich aus. Das wird sich aber im Jahr 2009 ändern. Dann kann man durchaus mit 85.000 Euro jährlich rechnen. Hinzu kommen die Einnahmen aus den Behandlungsprogrammen für chronisch Kranke, die Honorare aus der privatärztlichen Leistung und künftig aus anderen Versorgungsstrukturen und Verträgen, die die KV oder Ärzte mit den Kassen schließen. Das ist eine Mischung, die immer noch ein überdurchschnittliches Einkommen erwarten lässt - allerdings auch bei überdurchschnittlicher Arbeitsbereitschaft.

Eine Praxis zu kaufen und einzurichten ist teuer. Ist die Anstellung in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) eine empfehlenswerte Alternative, auch mit Blick auf kalkulierbarere Arbeitszeiten?

Das hängt von den individuellen Vorlieben ab. Die Arbeitsmöglichkeiten als niedergelassener Arzt sind vielfältiger geworden. Ich kann meine eigene Praxis gründen, als Einzelpraxis, ich kann in eine Gemeinschaftspraxis mit Kollegen gehen oder in ein MVZ. Ich kann als Angestellter in einem MVZ arbeiten und in einer Praxis. Ich kann an mehreren Orten tätig sein und mehreren solcher Berufsausübungsgemeinschaften angehören. Ich kann das auch kombinieren: zunächst als Angestellter in der Praxis und die später übernehmen. Hier hat es eine enorme Flexibilisierung gegeben, wie sie in anderen Branchen auch üblich ist. Das macht die ärztliche Berufsausübung zusätzlich attraktiv.

Der niedergelassene Arzt als Einzelkämpfer gehört der Geschichte an?

Es wird auch in Zukunft auf dem Land noch die Einzelpraxis geben. Aber auch in der Medizin ändern sich die Berufsbilder, es wird immer stärker teamorientiert gearbeitet. Das bezieht sich auf die Zusammenarbeit mit nichtärztlichen Berufen wie unter den Ärzten. Kooperationen werden viel wichtiger. Das heißt aber nicht, dass es die klassische Einzelpraxis, die Augenarztpraxis in der Kreisstadt, die Hausarztpraxis auf dem Dorf als Einzelpraxis nicht mehr geben wird.

Sie sind selber Facharzt für Chirurgie und Betriebswirt. Werden solche Doppelqualifikationen künftig der Maßstab sein für den modernen Arzt?

Sicherlich nicht in der ambulanten medizinischen Versorgung. Aber ökonomische Kenntnisse sind auch hier von Vorteil. Praxen sind kleine Unternehmen bis hin zu mittelständischen Unternehmen, bei Laborärzten auch mit mehreren hundert Mitarbeitern. Der Arzt ist Angehöriger eines freien Berufs, er ist selbständig und hat wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Da können solche Kenntnisse nur hilfreich sein.

Der Weg zum Vertragsarzt:

Ist ein Arzt im Arztregister eingetragen, kann er einen Antrag auf Zulassung als Vertragsarzt stellen. Will er Kassenpatienten behandeln, muss er Mitglied der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) werden. Der Kassenarzt darf sich aber nicht niederlassen, wo er will. KV und Kassen legen fest, wie viele Ärzte einer bestimmten Fachrichtung in einer Region pro 100.000 Einwohner praktizieren dürfen. Mit Rat und Tat zur Seite stehen Niederlassungsberater, die es in jeder KV gibt. Dort werden auch Lehrgänge angeboten, in denen zum Beispiel die Abrechnung erklärt wird. Eine Checkliste "Der Weg in die eigene Praxis" hat der Verband der niedergelassenen Ärzte, der NAV-Virchow-Bund, gerade aufgelegt. Sie kostet 9 Euro (Nicht-Mitglieder 15 Euro) und ist zu haben beim NAV, Chausseestraße 119b, 10115 Berlin.

Das Gespräch führte Andreas Mihm

Quelle: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite C5
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