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Karrierewege Aufstieg nach Plan

27.07.2008 ·  Beruflicher Erfolg lässt sich strategisch am Reißbrett entwerfen: Wo führt mein Studium hin, wie groß soll mein Arbeitgeber sein? Die Ziele sollten konkret sein – und möglichst geheim.

Von Tim Farin und Christian Parth
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Es war ein Mann mit erstaunlicher Karriereplanung, der in jener legendären Nacht die Stille im beschaulichen Bonn durchbrach. „Ich will hier rein“, so soll der niedersächsische SPD-Abgeordnete Gerhard Schröder nach einigem Alkoholgenuss an einem Abend irgendwann Anfang der achtziger Jahre gerufen haben – und, so besagt es die Folklore, dabei rüttelte er am Zaun des Bundeskanzleramts. Anderthalb Jahrzehnte später war er tatsächlich drinnen angekommen, hatte in der Bundestagswahl 1998 triumphiert und Helmut Kohl vom Lenker Deutschlands verdrängt. Selten ist eine berufliche Karriere so machtwillig geplant worden.

Das Beispiel vom Genossen-Boss zeigt: Der berufliche Erfolg lässt sich strategisch am Reißbrett entwerfen. „Karriere wäre zwar auch völlig ungeplant möglich“, sagt Heiko Mell, Personalberater aus Rösrath und Autor, „aber es lohnt sich, die Dinge möglichst frühzeitig selbst in die Hand zu nehmen.“ Die Experten von Beratungsunternehmen, Universitäten und auch gestandene Praktiker raten: Der Faktor Zufall sollte eingegrenzt, die Weichen stattdessen weitsichtig auf den eigenen positiven Status im Arbeitsmarkt gestellt werden. „Je besser die Leistung, desto weniger ist man von Zufällen abhängig“, glaubt auch der ehemalige Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel.

Fortuna allein kann´s nicht richten

Allerdings muss eben die eigene Weichenstellung stimmen. Als ein durchaus machtbewusstes Gegenbeispiel zum Altkanzler Schröder präsentiert sich der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle. Der mag in seiner Karriere vieles richtig gemacht haben und auch politisch sehr viel Einfluss besitzen, sagt Personalberater Mell. Aber das Amt des Deutschland-Chefs wird für ihn wohl unerreichbar sein. Hätte er Kanzler werden wollen, dann hätte er nicht in die FDP eintreten dürfen. Kein gutes Beispiel? Doch, wenn man die Analogie für sein eigenes Leben erkennt: Wer als junger BWLer mit guten Noten in einem Kleinunternehmen anheuert und vielleicht auch noch in einem Nischenmarkt Fuß fasst, beispielsweise im Marketing für Angelhaken, der wird ziem-lich sicher nicht an die Spitze eines Dax-Konzerns aufrücken.

Es bräuchte schon ziemlich viele glückliche Fügungen, um dieses Los noch zu ändern. Und glaubt man den Erkenntnissen der Karriereforscher, dann ist Fortuna eben keine Größe, mit der man kalkulieren sollte. Wolfgang Mayrhofer von der Wirtschaftsuniversität Wien erforscht sozialwissenschaftlich, welche Faktoren für das berufliche Fortkommen wichtig sind. Ganz oben auf der Liste stehen die persönlichen Größen wie Intelligenz, Leistungs- und Führungsmotivation sowie die Gewissenhaftigkeit und der Einfluss des Umfelds, beispielsweise die Bildung der Eltern und die Erziehung. „Der Zufall begünstigt eigentlich immer nur die Personen, die es sowieso schon besser haben“, analysiert Mayrhofer. Das ist wie im Leistungssport: Wer unheimliches Talent hat und im Training schwer rackert, der wird im Spiel mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch mehr Glück haben. Hat jemand einen krummen Fuß und ist noch dazu trainingsfaul, wird ihn auch kein Glück an die Tabellenspitze tragen. Und wenn vom Glück die Rede ist, ergänzt Mayrhofer, trauen die Leute sich oft nur nicht auszusprechen, dass sie ziemlich hart und auch mit Ellenbogen für den Erfolg gekämpft haben.

Wie auf der Autobahn: Nicht wenden, nicht anhalten, nicht zu schnell fahren

„Karriereplanung ist wie eine Autobahnfahrt“, sagt Heiko Mell. Man muss wissen, wo man ist, wo man hin möchte und auf welchen Routen es zum Ziel geht. Es gibt auf dieser Autobahn wichtige Grundregeln: nicht wenden, nicht anhalten, nicht zu schnell fahren. Natürlich können sich Ziele ändern im Leben, aber wer von München unterwegs ist nach Hamburg und in Kassel merkt, dass er vielleicht lieber nach Rom abdrehen will, sollte wissen: In der klangvollen italienischen Hauptstadt wird er mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht ankommen. Eines darf man im Berufsleben nicht verschwenden: Zeit.

Ziemlich effizient unterwegs auf dieser Autobahn ist Steffen Vollmerding. Im Alter von 26 Jahren hat er bereits seinen Politik-Master in Oxford absolviert und dazu einiges an Berufserfahrung gesammelt. Sein weiterer Lebensweg wirkt zunächst etwas zufällig: Der Politologe stieg als Trainee bei Vodafone in Deutschland ein, durchlief dort bisher drei von fünf Stationen des Kon-zerns, und er kam in die glückliche Situation, dass die Assistentenstelle des Marketing-Geschäftsführers vakant war. Vollmerding, Sozialwissenschaftler im Marketing eines Telekom-Unternehmens – ist das nicht reiner Zufall? Nein, denn durch seine Position ist es realistisch, dass Vollmerding bald in Brüssel für Vodafone aktiv wird und dort Lobbyarbeit in der Europäischen Kommission leisten kann. Das wäre sein Wunschziel. „Ich hatte immer fest vor, mich mit europapolitischen Themen auseinanderzusetzen“, sagt er. Er hat gut berechnet, welche Straße ihn wohl am schnellsten an sein berufliches Ziel Brüssel bringen würde. Diplomatie, Ministerialbürokratie – das sind die Themen, für die sich Vollmerding begeistert. Mit seinem ersten festen Job nach dem Studium kommt er ihnen sehr viel näher.

Voraussetzungen und Vorbereitungen

Glück im Berufsleben, das ist meistens die Folge sehr guter persönlicher Voraussetzungen sowie akribischer Vorbereitung. „Jeder Abiturient sollte schon wissen, was er studieren möchte. Und jeder studentische Examenskandidat sollte unbedingt wissen, welche Karriererichtung und welche Karriereziele er anstrebt“, sagt Berater Heiko Mell. Hans-Olaf Henkel hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn ein BWL-Absolvent sich das Ziel setzt, Vorstandschef einer Großbank zu werden – allerdings nur unter zwei Voraussetzungen: „Er muss dafür hart arbeiten, und er muss das Ziel für sich behalten“, findet der einstige IBM-Manager. Der hat während des Schreibens seiner Autobiographie („Die Macht der Freiheit“) bemerkt, dass seine Vita trotzdem von zufälligen Ereignissen stark geprägt wurde. Eigentlich wollte er nach dem Studium in der Schlieker-Werft in Hamburg anfangen. „Durch Zufall fiel mir eine große Anzeige der IBM in die Hände“, erinnert sich Henkel. Die Schlieker-Werft war pleite – und er hatte sich inzwischen erfolgreich bei IBM beworben.

Ziele dürfen also auch nicht zu eng oder falsch geplant werden. Die Technische Universität Berlin hat zuletzt viel Lob für ihre berufsvorbereitenden Career Services erfahren. In der Hauptstadt kennt man das Problem, dass Studenten nur einen Bruchteil des Arbeitsmarkts überhaupt wahrnehmen und damit ihre eigene Berufswahl schon frühzeitig einschränken. Die jungen Menschen brauchen Informationen. Manche Berufsbilder weisen sie zurück, obwohl sie vielleicht Talent haben – Stichwort: Vertrieb. „Es ist sinnvoll, dass Studierende über die Praxis erst einmal erfahren, was sie überhaupt können“, sagt Christine Herker, Koordinatorin des Berufsvorbereitungsprogramms Prepare. Entscheidend für die Karriere sei nämlich, die eigenen Schlüsselqualifikationen unabhängig von einem strikt definierten Berufs- oder Branchenbild einzuschätzen. Denn Zufall oder nicht – die Welt der Wirtschaft verändert sich. „Offenheit gehört heute zu den sehr wichtigen Voraussetzungen einer Karriere“, sagt Herker. Planung darf also nicht zu Scheuklappen führen.

Zufällen auf die Sprünge helfen

Hans-Olaf Henkel sagt: „Man kann dem Eintreffen von Zufällen auch auf die Sprünge helfen.“ Er selbst arbeitete bei IBM in der Fertigung, im Personalbereich und im Vertrieb und wechselte zwischen den Ländern. Berufsberater empfehlen nicht umsonst, vielfältige Netzwerke von Leuten zu knüpfen, um über neue Chancen informiert zu bleiben. Kommt es über solche Kontakte dann zu einer neuen Beförderung, mag das oft wie Zufall wirken – tatsächlich aber ist es Ergebnis kluger Karrierepolitik.

Es gibt allerdings auch Beispiele des zufälligen Hochscheiterns: Hans-Olaf Henkel erinnert an den ehemaligen Wirtschaftsminister Werner Müller. Der war, ganz anders als Kabinettschef Gerhard Schröder, nicht mit lang gehegten Ambitionen in der Regierung gelandet, sondern als gescheiterter Veba-Manager und „selbständiger Industrieberater“, wie die Jahre 1997/98 in Müllers Vita nebulös umschrieben sind. Seine glückliche Beförderung befeuerte die Karriere völlig unerwartet, und als er 2002 das Kabinett des zielstrebigen Kanzlers Schröder wieder verließ, rutschte Müller sogar noch eine Stufe weiter nach oben: Gefördert durch Rot-Grün, saß Müller plötzlich auf dem Chefposten der Ruhrkohle AG und leitet heute den daraus hervorgegangenen Industriegiganten Evonik.

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