10.06.2008 · Arbeitslos - und dann? Einige Betroffene eröffnen kurzerhand ihr eigenes Unternehmen. Wer ist geeignet für eine Gründung aus Arbeitslosigkeit? Welche Motive haben die Gründer? Wer hilft am Anfang? FAZ.NET hat sich bei Fachleuten und Betroffenen umgehört.
Von Nadine BösWenn Iris Schröter von jenem Tag im September 2006 erzählt, dann zittert ihre Stimme noch immer. „Das war D-Day für mich“, sagt sie. „Dieses nicht mehr gebraucht werden - das hat mich richtig in die Tiefe gezerrt.“
Es war ihr damaliger Arbeitgeber, der Iris Schröter nicht mehr brauchte. Bis zur Seniorberaterin beim Informatik-Dienstleister Unisys hatte sie sich hochgearbeitet, obgleich sie eigentlich ursprünglich mal Bankkauffrau gelernt hatte. Auch in den Erziehungszeiten ihrer Kinder hatte sie immer auf Teilzeitbasis weitergearbeitet. Und trotzdem lag an diesem Tag die Kündigung auf dem Tisch. Rationalisierung, Einsparung von 30 Prozent der Mitarbeiter weltweit; Iris Schröter war eine von denen, die es traf. „Dann war's vorbei, von einem Tag auf den anderen“, sagt sie. Sie schrieb Bewerbung über Bewerbung - ohne Erfolg.
Heute hat Iris Schröter ihr eigenes Unternehmen. „Brain Empowerment“ hat sie es genannt. Die Firma bietet Gehirntrainings-Kurse an: Für Mitarbeiter von Unternehmen, für Frauen, die nach der Babypause wieder in den Beruf einsteigen wollen oder für Senioren, die gerade frisch im Ruhestand sind. Heute empfindet die 43-Jährige ihre zwischenzeitliche Arbeitslosigkeit zwar immer noch als „massiven Umbruch“. Dass sie aber aus der Not eine Tugend gemacht hat und ihre eigene Firma gegründet hat, das macht sie stolz. „Das möchte ich nicht missen.“
Selbstständig mit dem Gründerzuschuss
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zählte im Jahr 2007 fast 156.000 Menschen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machten. Und das sind nur diejenigen, die bei der BA ein Fördergeld für ihre Selbstständigkeit beantragt haben. „Wie viele Menschen ohne unsere Förderung aus der Arbeitslosigkeit heraus ein Unternehmen gründen, wissen wir gar nicht genau“, sagt eine BA-Sprecherin.
Arbeitslose Gründer können vom Staat 15 Monate lang den so genannten Gründerzuschuss erhalten. Wer Arbeitslosengeld I erhält, bekommt in den ersten neun Monaten nach dem Unternehmensstart einen monatlichen Zuschuss in der Höhe des monatlichen Arbeitslosengeldes und eine zusätzliche Pauschale von 300 Euro. Danach kann die Förderung noch sechs Monate lang weiterlaufen - dann gibt es allerdings nur noch die Pauschale von 300 Euro. Außerdem bieten die Arbeitsagenturen auch die Möglichkeit, ein begleitendes Coaching zu fördern und verschiedene andere Trainings- und Weiterbildungsmaßnahmen. Aber auch von anderen Stellen gibt es Hilfe. Iris Schröter besuchte zum Beispiel einen Existenzgründerkurs der Volkshochschule und nahm an einem Mentoringprogramm der Bundesweiten Gründerinnenagentur teil; letztere fördert speziell weibliche Unternehmensgründerinnen.
Ein Drittel verdient hinterher das Gleiche oder mehr
Daten über den Erfolg von Gründerkarrieren nach Arbeitslosigkeit sind rar. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) schätzt aufgrund früherer Befragungen, dass etwa ein Drittel der frischgebackenen Selbstständigen anderthalb Jahre nach ihrer Unternehmensgründung gleich viel oder mehr verdienen als in Zeiten ihrer abhängigen Beschäftigung.
„Allerdings ist aus unseren Erhebungen auch bekannt, dass Existenzgründer, die nach einiger Zeit wieder an ihr früheres Einkommensniveau anknüpfen können, dafür in der Regel deutlich mehr Arbeitszeit investieren müssen“, sagt Frank Wießner, Fachmann für Existenzgründungen beim IAB.
„Extrem lethargisch“
Von derlei Einkommens- und Arbeitszeitvergleichen ist Iris Schröter noch weit entfernt. Ihr Unternehmen ist gerade mal ein halbes Jahr alt. Eine schwarze Null zu schreiben in ungefähr einem Jahr, das wäre schön, sagt sie. „Und in zwei bis drei Jahren will ich dann mehr verdienen, als vorher bei Unisys“, hat sie sich vorgenommen.
So optimistisch war sie nicht immer. „Ich kann jeden Arbeitslosen verstehen, der sich zu gar nichts Neuem mehr aufraffen kann“, sagt sie. „Ich war extrem lethargisch in dieser Zeit, der Tag hatte auf einmal so viele Stunden mehr und ich schaffte es noch nicht einmal, meinen Kindern etwas besseres zu essen zu kochen als früher.“ Existenzängste habe sie nie gehabt, erzählt Schröter. „Das Problem war, dass einen irgendwie keiner mehr haben wollte.“ Das machte sie völlig antriebslos.
Die Rettung kam auf Umwegen: Eine Nachbarin, die im Altenheim tätig war hatte ihr vor langer Zeit von einer Fortbildung im Bereich „Gehirntraining“ erzählt. Die hatte sie besucht, um Senioren in Puncto Kurzzeitgedächtnis fitter zu machen. „Damals hab ich zu meinem Mann gesagt: Wenn ich mal viel Zeit habe, dann mache ich auch so einen Kurs“, erzählt Schröter. Das sei wie ein Versprechen an sich selbst gewesen. Daran habe sie sich eines Tages erinnert und sich Schritt für Schritt aus ihrem schwarzen Loch befreit. Erst kam die Fortbildung im Gehirntraining, dann ein Mentoringprogramm bei der Gründerinnenagentur und schließlich der Sprung in die Selbstständigkeit.
„Hansdampf in vielen Gassen“
Dass man sich zunächst ein wenig schwer tut, aus dem Gefühl des Nicht-mehr-gebraucht-werdens einen neuen Anlauf zu wagen, das hätten auch schon viele Psychologen in Studien über Arbeitslosigkeit und Krankheit herausgefunden, sagt Frank Wießner vom IAB. Der Sprung in die Selbstständigkeit sei zudem „ein echter Milieuwechsel“. Als abhängig Beschäftigter komme man mit vielen Problemstellungen der Selbstständigkeit gar nicht in Berührung. „Darüber hinaus ist nicht jeder zum Unternehmer geeignet“, sagt Wießner. „Man muss ein Hansdampf in allen Gassen sein - oder zumindest in vielen Gassen.“
Laut einer IAB-Befragung aus dem Jahr 2006 geben die meisten ehemals arbeitslosen Unternehmensgründer an, sich selbstständig gemacht zu haben, um „nicht mehr arbeitslos zu sein“. Zu den populärsten Motiven für die Existenzgründung zählen auch, dass die Betroffenen „schon erste Kunden hatten“ oder von sich sagen, sie wollten ohnehin „schon immer ihr eigener Chef“ sein.
Bei Iris Schröter war es neben dem „Nicht-mehr-arbeitslos-sein-wollen“ hauptsächlich das Gefühl, „dass ich eine richtig gute Geschäftsidee hatte“. Jeder rede ja heutzutage vom Gehirnjogging und davon wie wichtig das sei, aber wirklich handfeste Kurse anzubieten, da „komme ich glaube ich noch rechtzeitig in einen jungen Markt“. Ihre bisherige Bilanz: „Bis jetzt läuft das Geschäft - mit allen Höhen und Tiefen. Insgesamt sehe ich das Ganze aber inzwischen als die Chance meines Lebens.“
Selbstständigkeit
kurt schupp (Platino99)
- 10.06.2008, 07:38 Uhr
Korrektur
Marvin Parsons (mapar)
- 10.06.2008, 13:49 Uhr
Zuschuss/Darlehen
Patrick Gabler (magicalfruit83)
- 10.06.2008, 13:49 Uhr