Jahrelang beschwören uns Karriere-Experten, endlich unser Leben in die Hand zu nehmen und den Job zu suchen, der wirklich zu uns passt. Nicht nur einen schnöden Beruf auszuüben, sondern unserer Berufung zu folgen. Und nun das: „Der Job, den Sie haben, ist vermutlich der Beste, den Sie bekommen können - bleiben Sie!“, so die Kernthese der beiden Coaches Volker Kitz und Manuel Tusch. Sie stützen sich dabei auf eigene Erfahrungen aus zahlreichen Stellenwechseln innerhalb von Wirtschaft und Wissenschaft sowie auf Gespräche mit vielen anderen Berufstätigen. Mit ihrem soeben erschienen „Frustjobkillerbuch“ wollen sie - insbesondere in ihrer rastlosen Generation der Mittdreißiger - ein neues Denken anstoßen.
Herr Kitz, Herr Tusch, Sie raten Berufstätigen: Verändere dich nicht, einen besseren Job findest du eh nicht. Klingt nach: Sei genügsam und füge dich deinem Schicksal.
Volker Kitz: Wir empfehlen unbedingt Veränderung - aber dort, wo sie am ehesten zum Erfolg führt: an uns selbst. Die meisten Probleme im Berufsleben können wir jedenfalls durch einen Jobwechsel nicht loswerden. Wir sagen dabei nicht, dass man lebenslang im selben Job verharren sollte. Nur: Wenn der Jobwechsel mit unrealistischen Erwartungen verbunden ist, die stets enttäuscht werden, ist das auf Dauer frustrierend. Umfragen zufolge sind 88 Prozent der Arbeitnehmer nicht zufrieden mit ihrem Job. Wir haben mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen, Tätigkeitsbereichen und Hierarchieebenen gesprochen und überall die gleichen Klagen gehört. Die häufigsten lauten: „Ich verdiene zu wenig Geld.“ - „Der Chef weiß meine Arbeit nicht zu schätzen.“ - „Alle quatschen mir rein.“ - „Jeder Tag ist gleich.“ - „Alle Kollegen und Kunden sind geisteskrank.“ Wir erklären in unserem Buch, warum all diese Dinge untrennbar mit der Arbeitswelt, der menschlichen Psyche und dem menschlichen Zusammenleben verbunden sind. Beim nächsten Chef wird's also auch nicht anders.
Warum hoffen dennoch so viele auf den Traumjob?
Kitz: Weil es ihnen über entsprechende Ratgeber und Medien oft eingeredet wird. Hinzu kommt das Internet: Viele Leute surfen stundenlang auf Xing um zu sehen, was aus ihren Bekannten geworden ist - und durchforsten danach gleich die Online-Stellenbörsen. Das Netz zeigt Optionen und nährt die Unruhe, dass man sich vielleicht am falschen Platz befinde.
Ist das Streben nach Verbesserung nicht menschlich?
Kitz: Ja, durchaus, und vermutlich gibt es tatsächlich irgendwo einen Job, der ein kleines bisschen besser zu mir passt. Es werden mich aber immer noch genügend Dinge stören - eine lebenslange aufreibende Suche nach dem perfekten Job lohnt sich nicht. Den gibt es ebenso wenig wie den perfekten Partner. Nach einer gewissen Zeit kommt man immer in den Niederungen des Alltags an.
Was tun mit dieser Erkenntnis?
Manuel Tusch: Mit der Einsicht, dass wir manche Probleme nicht durch einen Jobwechsel loswerden, ist bereits viel gewonnen. Das bedeutet nicht, sich damit abzufinden - gewisse Dinge können wir auf andere Weise ändern. Zum Beispiel in unserem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung: Es ist nun mal nicht möglich, dass wir für jeden Handgriff im Job gelobt werden, dafür müssen wir uns Aufmerksamkeit und Anerkennung im Alltag einfach mit zu vielen anderen Menschen teilen. Wenn wir aber unser Selbstwertgefühl stärken, macht uns das weniger abhängig von Lob durch den Vorgesetzten.
Sie raten in Ihrem Buch zu einem „Risikomanagement für Erwartungen“. Was meinen Sie damit?
Kitz: Jede Jobwahl gründet auf persönlichen Motiven. Wer sich dabei hauptsächlich auf eines konzentriert - etwa den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun und zu bewegen - steigert seine Erwartungen ins Unermessliche. Und muss im Alltag dann schnell erkennen, dass der eigene Einfluss oft sehr gering ist. Ebenso gilt: Auch ein Beruf mit hohem Status beinhaltet oft langweilige und anstrengende Routine. Letztlich ist es wie mit Weihnachten: Wenn ich mich das ganze Jahr über in erster Linie auf die knusprige Weihnachtsgans freue, ist das Fest verpatzt, wenn die Gans nicht perfekt knusprig ist. Weil ich alles andere - den schönen Weihnachtsschmuck, die festliche Stimmung - ausblende. Bezogen auf den Job bedeutet das: Es gibt unterschiedliche Motive: Geld, Status, Sinn und Spaß. Wenn ich mir von allem ein bisschen erwarte, aber von keinem zuviel - dann werde ich am Ende nicht enttäuscht.
Spielt Geld nicht immer eine besonders Rolle?
Tusch: Ja, auch wenn es kaum jemand zugibt. Studien belegen, dass der Mensch nie genügend Geld besitzen kann. Denn: Meist ist es nicht der absolute Betrag, der unzufrieden macht, sondern der soziale Vergleich. Und irgendwo gibt es immer jemanden, der im selben Job mehr verdient.
Wie kann man dieser latenten Unzufriedenheit nun entkommen?
Tusch: Durch Psychohygiene kann man negative Gefühle wie diese Unzufriedenheit kontrolliert zulassen und dann transformieren. Dafür gibt es in der Traumatherapie sehr wirksame Ansätze. Kommen in uns beispielsweise Ärger, Traurigkeit oder Hass hoch, ist es wichtig, diese Gefühle ernst zu nehmen und als Bestandteil unserer Persönlichkeit zu würdigen. Das klingt zunächst komisch, haben wir doch in der Regel gelernt, daß man solche Gefühle nicht haben darf. Dabei verwechseln wir aber das Akzeptieren mit dem Ausleben unserer Gefühle. Daß ich wütend werde, wenn meine Kollegin mal wieder zu spät kommt, ist ganz normal und ein gesunder Mechanismus. Deshalb muss ich sie noch lange nicht gegen die Wand klatschen. Wir leiten die Leser an, mit ihren Gefühlen umzugehen, ohne ihre Umwelt durch schlechte Laune zu verprellen. Das bedeutet nicht, dass sie die Klappe halten und alles in sich hineinfressen sollen. Im Gegenteil: Mit gewaltfreier Kommunikation können wir durchaus unsere Meinung sagen, ohne jemandem zu schaden - nicht einmal uns selbst.
Wie viel Selbstverwirklichung ist überhaupt möglich im Job?
Tusch: Nüchtern betrachtet ist der Arbeitsvertrag zunächst einmal ein Austausch „Arbeit gegen Geld“. So gesehen ist es nicht zwingend, dass uns der Arbeitgeber zusätzlich noch den Sinn des Lebens spendiert. Andererseits verbringen wir nun mal einen großen Teil unseres Lebens bei der Arbeit. Da ist es für beide Seiten wichtig, daß man sich nicht entfremdet. Insgesamt aber sind die Erwartungen an den Job in den vergangenen Jahren explodiert. Das ist für beide Seiten ungesund. Wir plädieren für einen gesunden Realismus im Umgang mit den immer wiederkehrenden Grundproblemen, die uns in jedem Job begegnen.
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