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Karrieresprung Bewerben mit Video

 ·  In Deutschland nur langsam im Kommen und in Amerika ein Trend: das Bewerbungsvideo. Das „visuelle Anschreiben“ bietet Chance und Risiko. Gerade bei Bewerbungen im Ausland bieten sie sich an - um Zeit und Fahrtkosten zu sparen.

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Aufrecht und im Hosenanzug sitzt Johanna Jung an einem See vor einer Bergkette. In fließendem Englisch spricht sie über ihren Werdegang und ihr Berufsziel Hotelmanagerin. Ein Satz zur Einleitung, dann geht es los. Ihren Lebenslauf hinterlegt sie mit Bildern von den Stationen ihrer Karriere - Schule, Nebenjobs, Studium und Auslandserfahrungen. Am Ende gibt sie einen Ausblick über ihre beruflichen Erwartungen. Damit hat die 23 Jahre alte Frau innerhalb weniger Minuten die Aufforderung „Erzählen Sie mal etwas über sich“ aus typischen Bewerbungsgesprächen schon beantwortet.

Im Ausland von Vorteil

Auf die Idee mit dem Bewerbungsvideo kam Johanna Jung als sie sich zum Ende ihres Studiums bei internationalen Hotelketten bewerben wollte: „Ich dachte mir, dass es nicht einfach sei, mich persönlich vorzustellen ohne dass ich dafür nach Amerika reisen müsste“, sagt sie. Steve Riedel, der Geschäftsführer des Praktikumsvermittlers Praktika GmbH, gibt ihr recht: „Gerade für Bewerbungen im Ausland ist ein Bewerbungsvideo von Vorteil“. Der Bewerber erspare sich und dem Personaler unnütze Fahrzeiten und Reisekosten. Mit Hilfe des Videos könne der Personaler leichter entscheiden, ob der Bewerber passt - und ob sich ein Interview lohnt. Schließlich gelte: „Ein Video sagt mehr als tausend Worte“.

Karrieresprung: Bewerben mit Video

Bloß nicht: privat inszenieren

Genau da liegen Chance und Risiko. Mal eben die Webcam aufstellen und ein paar Worte sagen reicht für ein erfolgreiches Bewerbungsvideo nicht. „Auf die Kürze des Videos sollte man achten“, weiß Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader und Autor zahlreicher Bücher zu Beruf und Karriere. Den Personalchef solle man „nicht mit einem minutenlangen Band nerven“. Ausgefallene Hintergründe sollte man vermeiden. „Vor der Bücherwand ist ein Klassiker“, sagt Hesse. Aber auch vor dem Schreibtisch oder einer hellen, neutralen Wand kann der Bewerber von seinen Qualitäten berichten. „Privat inszenieren“ in Küche oder Schlafzimmer sei „eher ungünstig“.

Auf Youtube lassen sich schnell Beispiele für „eher ungünstige“ Inszenierungen finden. Da wäre der Absolvent der amerikanischen Elite-Universität Yale. Er bewirbt sich bei einer Schweizer Großbank und zeigt sich beim Hanteln Stemmen im Fitnessstudio. Ein anderer Kandidat interviewt sich selbst und zeigt dabei, dass er mehrere deutsche Dialekte beherrscht. Ein Bewerber namens Christian präsentiert gar seine entblößte Rückseite.

„Kein zwingendes Kriterium“

Für ein gutes Video ist die Körpersprache wichtig. „Es ist fast so wie in einem Vorstellungsgespräch“, beschreibt Jürgen Hesse die Video-Situation. Stehend oder sitzend, aber ohne abrupte Gesten. „Natürlich bleiben“ heißt die Devise und dabei deutlich sprechen. Auch mit der Technik kann einiges schief gehen. Bewerber, die sich damit nicht auskennen, können sich Hilfe im Freundeskreis oder bei Profis holen.

Denn ein schlecht gemachtes Bewerbungsvideo kommt bei Personalern nicht gut an. „Videobewerbungen sind eine willkommene Abwechslung, vorausgesetzt sie sind gut gemacht“, sagt Birthe Kraeße, Personalmanagerin bei der Werbeagentur Jung von Matt. Und sie weiß: „Das ist nicht ganz einfach“. Dementsprechend gebe es bei Jung von Matt bisher wenige Videobewerbungen, obwohl die Werbebranche als diejenige gilt, in der kreative Bewerbungsformen am ehesten willkommen sind.

„Wenn, dann mit professioneller Hilfe“

Ähnlich ist die Situation bei der Werbeagentur Serviceplan. Von den vier- bis fünftausend Bewerbungen im Jahr ist „nur ein Promille-Bereich mit bewegten Bildern hinterlegt“, sagt Jens Plath, Verwaltungs- und Personalchef. „Die absolute Ausnahme.“ Er empfinde es als zeitaufwendig, wenn alle Bewerbungen mit einem Video kämen. Die objektiven Fakten aus dem Lebenslauf zählen, sagt Plath. „Ein Video lenkt eher ab.“ Sein Fazit: „Im ersten Bewerbungsschritt macht das keinen Sinn“. Den persönlichen Eindruck bekomme er lieber aus einem Gespräch. Plath weist auf die großen qualitativen Unterschiede hin: „Wenn, dann sollte man mit professioneller Hilfe drehen“.

Johanna Jung hatte Glück: „Ich habe schnell in meinem Bekanntenkreis einen professionellen Kameramann gefunden“. Innerhalb einer Woche war das Interview gedreht. „Nach einem Monat konnte es auch auf meiner Homepage gezeigt werden“, sagt sie. Per Link konnte sie dann ihr Video in ihre Bewerbungen an amerikanische Hotelketten einfügen.

Für die Personalabteilungen der deutschen Großkonzerne ist das Thema Videobewerbung völliges Neuland. Bei dem Großkonzern Siemens wurde zwar schon vor Jahren auf Online-Bewerbungen umgestellt. Der Postweg hat ausgedient. Das Bewerbungsvideo habe jedoch bisher keine Relevanz, sagt der Pressesprecher. „Für ganz bestimmte Berufsfelder könnte das zwar eine Rolle spielen, aber ein Video ist kein zwingendes Kriterium.“ Wenn, dann solle der Bewerber sein Video als Kostprobe zum Bewerbungsgespräch mitbringen.

Für manche ein großer Zusatzaufwand

Wenn Steve Riedel seine Kunden als Praktikanten ins Ausland vermittelt, dann wollen die dortigen Personaler „nur noch Videos von uns“, sagt der Geschäftsführer der Praktika GmbH. In Deutschland hingegen sind Video-Bewerbungen „noch nicht in Mode geraten“, sagt Tiemo Kracht, Geschäftsführer von Kienbaum.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens: „Mittlerweile werden viele Stellen mit der Hilfe von professionellen Personalberatungsfirmen besetzt, womit eine externe Vorselektion erfolgt“, sagt Kracht. „Da fällt das Medium Video zugunsten des Live-Interviews weg.“ Zweitens: „Bei vielen Bewerbungen entscheidet der 30-Sekunden-Effekt.“ Kracht nennt dies „intelligentes Querlesen“. Drittens: „Wenn sich viele Leute auf eine Stelle bewerben, reicht die Zeit der Personalverantwortlichen im ersten Durchlauf für Videos nicht aus“, sagt Kracht. „Für die Personalabteilungen wäre der Zusatzaufwand zu groß.“

Ungeeignet für Führungspositionen

Ungeeignet sei ein Video, wenn man sich auf eine Führungsposition bewerbe, sagt Tiemo Kracht. Auch in technisch komplexen Berufen oder im Bankwesen sage ein Video meist wenig aus.

In Kreativberufen, vor allem im Medienbereich, könne man seine Bewerbung hingegen durchaus durch aussagekräftige Videos ergänzen oder seine Arbeitsproben mit einem Video präsentieren, sagt Kracht. Er stelle fest, dass es Bewerbungen mit Videos schon gebe. „Aber durchgesetzt hat es sich noch nicht.“

„Als besondere Zugabe“

Berufsstratege Jürgen Hesse weiß aus Gesprächen mit Personalern, dass es in Deutschland „bislang kaum Videobewerbungen gibt und diese auch nicht erwartet beziehungsweise allzu geschätzt werden“. Wer sich auf einen Kreativberuf bewerbe, für den könne sich ein Video allerdings „als besondere Zugabe“ lohnen. Derzeit sieht Jürgen Hesse das Bewerbungsvideo eher in den Vereinigten Staaten: „Da der Trend aus den USA kommt, mag es noch eine Zeitlang dauern, bis sich Videobewerbungen in Deutschland verbreiten.“

Für Johanna Jung jedenfalls hat es funktioniert. Sie hat die Stelle als Managerin im Training bei den Westin Hotels and Resorts im amerikanischen Atlanta bekommen. Was in Deutschland vielleicht kritisch beäugt wurde kam in den Vereinigten Staaten offensichtlich gut an. Kleines Indiz dafür: Nicht einmal die Personaler der Hotelkette haben das gebrochene Bein bemerkt, das Johanna Jung beim Videodreh hatte.

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