20.03.2010 · Viele Menschen haben in der Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verloren. Manche haben ihre Kündigung als Chance begriffen, um sich selbständig zu machen. Drei New Yorker erzählen von ihrem Sprung in eine neue Karriere.
Von Roland LindnerOleg Voss hatte schon einen Plan B, lange bevor er entlassen wurde. Es war aber eigentlich nur eine Schnapsidee. Der New Yorker war gerade dabei, eine Stelle in Wien als Investmentbanker anzutreten. An einem seiner letzten Abende in New York feierte er mit einem Kollegen, und den beiden kam ein alberner Gedanke: Wenn das mit dem Investmentbanking nicht klappe, dann könne er ja nach New York zurückkommen und anfangen, Schnitzel zu verkaufen. Schließlich werde er ja wohl in Wien gewiss lernen, wie man Wiener Schnitzel mache. Voss hatte damals nicht die leiseste Ahnung, dass aus der Blödelei einmal Realität werden würde: Nach einem Jahr verlor er seinen Arbeitsplatz in Wien, er ließ seine Finanzkarriere hinter sich und wurde Schnitzelgastronom in New York. Sein Unternehmen heißt „Schnitzel & Things“ und besteht aus einem Imbisswagen, mit dem er durch New York fährt.
Der 28 Jahre alte Voss strotzt heute vor unternehmerischem Tatendrang, aber der Tag seiner Entlassung ist noch sehr präsent. Es war der 29. Januar 2009, der Geburtstag seiner Frau. Voss erzählt, dass er sich gerade gut eingearbeitet hatte in seiner Aufgabe bei der Raiffeisen Investment AG in Wien. Raiffeisen hatte ihm ein Jahr zuvor ein Praktikum in Wien angeboten, das er nach dem Wirtschaftsstudium an der New York University dankbar angenommen hatte. Aus seinem Praktikum wurde nach drei Monaten eine volle Anstellung, und Voss arbeitete als Analyst an der Beratung von Unternehmen bei Fusionen und Akquisitionen mit. Als im Herbst 2008 die Finanzkrise mit voller Wucht losbrach, blieb es bei Raiffeisen zunächst noch ruhig. Voss sagt, noch zum Jahresende hätten die Chefs der Bank die Mitarbeiter beschwichtigt und auch die gewohnten Boni in Aussicht gestellt. Er habe sich sicher gefühlt, im Dezember zogen sogar noch seine Eltern zu ihm nach Wien. Aber kaum hatte das Jahr 2009 begonnen, machten Gerüchte über Entlassungen die Runde. Und als Voss am 29. Januar von seiner Chefin zur Seite genommen wurde und sie zu ihm sagte: „Ich muss mal mit dir sprechen“, wusste er, dass seine Tage bei Raiffeisen gezählt waren.
Voss fiel erst einmal in ein tiefes Loch. „Die ersten zwei Wochen nach der Kündigung waren nichts als Grübeln.“ In Wien zu bleiben war keine Alternative, dafür war sein Deutsch nicht gut genug. Er besann sich auf die alte Schnapsidee mit den Schnitzeln, die ihm mangels anderer Optionen auf einmal gar nicht mehr so abwegig erschien. Wie ein Schnitzel zu schmecken hat, hatte er in Wien hinreichend gelernt. Und die Zubereitung traute er sich ohne weiteres zu: Er hatte schon immer eine Leidenschaft fürs Kochen gehabt und sogar einmal die New Yorker Gastronomieschule French Culinary Institute besucht, bevor er dann doch zum vermeintlich solideren Wirtschaftsstudium wechselte.
Wie groß ist der Appetit der New Yorker auf Schnitzel?
Aber die Frage blieb: Wie groß ist der Appetit der New Yorker auf Schnitzel? Deutsche oder österreichische Küche steht in der New Yorker Gastronomie-Hitliste nicht gerade ganz oben. Auch wenn es ein paar populäre deutsche Lokale gibt, ist Schnitzel in der Stadt keineswegs ein allgemein etabliertes ausländisches Gericht wie Sushi oder Lasagne. „Ich habe nicht erwartet, dass das ein Selbstläufer wird“, sagt Voss.
Deshalb wählte er den weniger riskanten Weg eines Verkaufswagens, der nicht so hohe Investitionen erfordert wie ein Restaurant. Zusammen mit dem Freund, mit dem er die Idee einst ausgebrütet hatte, steckte er rund 60000 Dollar in den Aufbau des Geschäfts: für das Fahrzeug, die Kochausrüstung und die notwendigen Dokumente. Mitte Juli ging es los, und am ersten Tag verkaufte er 40 Schnitzel. Voss hatte es schon vor dem Start geschafft, mit seiner Schnitzelidee bei New Yorker Gastronomieblogs Erwähnung zu finden. Bald folgten etablierte Publikationen wie die „New York Times“. Voss hat von Anfang an aktiv soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter eingesetzt. Er twittert, wo sein Wagen gerade steht oder wenn es an einem Tag als besonderes Schmankerl Schnitzel in der echten, aber 12 Dollar teuren Wiener Version mit Kalbfleisch gibt (Standard sind Schwein, Hühnchen und Fisch für jeweils 10 Dollar inklusive Beilagen wie Kartoffelsalat oder Sauerkraut). Er hat heute rund 4000 Twitter-“Followers“, die seine Einträge verfolgen.
Die neue Karriere als Schnitzelunternehmer hatte ihre Hürden. Anfangs war es schwer, Standorte für den Wagen zu finden, oft wollten konkurrierende Straßenverkäufer ihn verjagen. Es gab auch bittere Lektionen: Mit seinem Kumpel und Geschäftspartner hat er sich überworfen. „Man sollte mit Freunden keine Geschäfte machen.“ Aber Voss ist zufrieden: Heute verkauft er zwischen 170 und 200 Schnitzel am Tag, das bringt rund 2000 Dollar in die Kasse. Das Geschäft ist „profitabel, wenn auch noch nicht lukrativ“. Deshalb will er expandieren: Ein zweites Fahrzeug ist in Planung, und irgendwann würde er auch gerne ein richtiges Restaurant aufmachen. Seinem Bankjob trauert er nicht hinterher: „Im Nachhinein war die Entlassung ein Segen.“
Von der Werberin zur Ökoexpertin
Angst vor einem Neuanfang hatte Elke Erschfeld noch nie. Vor ein paar Jahren entdeckte sie eine Online-Kolumne der „New York Times“ mit dem Namen „Shifting Careers“, in der es um Karrierewechsel ging. Die Kolumne wurde zu einer regelmäßigen Lieblingslektüre der in New York lebenden Deutschen, auch wenn sie mit ihrer Anstellung als Kreativdirektorin einer Werbeagentur nicht unzufrieden war. Aber sie spürte einen inneren Drang, sich über andere Optionen Gedanken zu machen und sich dafür zu positionieren. Als dann im Januar 2009 ihre Entlassung kam, wurde sie nicht völlig kalt erwischt. Sie hatte bereits erste Schritte unternommen, um ihr Interesse an umweltfreundlichem Design zu einem möglichen neuen Karriereweg zu machen. Sie hatte ein dreijähriges Fernstudium mit dem Schwerpunkt „nachhaltiges Design“ begonnen und außerdem ein Blog rund um das Thema Öko gestartet. Ihr Ziel beschreibt die 44 Jahre alte Erschfeld in typischer Werbersprache: Sie wolle sich ein „Rebranding“ zu einer Art Ökoexpertin verpassen und dies dann mit ihrem Hintergrund in der Werbebranche verbinden, am besten als selbständige Unternehmerin.
Zunächst einmal bedeutete die Entlassung aber das unfreiwillige Ende einer fast zwanzig Jahre währenden Karriere bei verschiedenen Werbeagenturen, die Erschfeld zum großen Teil in New York gemacht hatte. Bei ihrem letzten Arbeitgeber Dentsu Next, der New Yorker Niederlassung des japanischen Werbegiganten Dentsu, war sie seit dem Jahr 2004. Die Werbebranche war schon recht früh von der jüngsten Wirtschaftskrise erfasst worden und kämpft auch mit einem Strukturwandel hin zu digitalen und oft weniger lukrativen Werbeformen. „Seit dem Jahr 2007 gibt es in der Werbeindustrie praktisch keine Jobs mehr“, sagt Erschfeld.
Auch Dentsu Next bekam die Schwäche zu spüren; akute Sorgen um den Arbeitsplatz aber verbreiteten sich, als die Muttergesellschaft im Herbst 2008 eine andere New Yorker Werbeagentur kaufte. Erschfeld und ihre 25 Kollegen ahnten bald, dass eine Restrukturierung kommen könnte, bei der nur der Neuzugang übrig bleiben und ihre Agentur aufgelöst werden könnte. „Man hat es daran gemerkt, dass keine langfristigen Projekte mehr angeleiert wurden.“ An einem Januartag 2009 wurden alle Mitarbeiter in einen Besprechungsraum gerufen, und ein Mitglied der japanischen Holding verkündete das Ende der Agentur. Erschfeld selbst gehörte zu den fünf Mitarbeitern, die noch einen Monat weiterarbeiten sollten, um die Agentur abzuwickeln. Sie erinnert sich an die „Geisterstadt“-Atmosphäre in diesen Wochen. Danach machte sie erst einmal Urlaub in einem Yogazentrum auf den Bahamas.
Zurück in New York, ging sie an ihre Zukunftsplanung und besuchte ein Seminar der Organisation „Ladies who launch“, die Frauen auf dem Weg in die Selbständigkeit hilft. Daraus nahm sie die Idee mit, ihre Erfahrung als Werberin mit ihrem Hang zu Ökothemen zu verbinden. Sie setzt seither ihr Designstudium fort, versucht, sich stärker in der Ökoszene zu etablieren, geht auf Konferenzen und verwendet mehr Energie auf ihr Blog, das langsam, aber stetig die Zahl der Seitenaufrufe auf 3000 im Monat ausgebaut hat. Wohin sie dies führen wird, weiß sie noch nicht genau. Sie denkt darüber nach, eine Öko-Werbeagentur zu gründen, die sich auf umweltfreundliche Produkte konzentriert. Sie kann sich auch vorstellen, eigene Ökoprodukte zu entwickeln. In der Zwischenzeit hält sie sich mit freier Mitarbeit über Wasser: So hat sie gerade für die Werbeagentur J. Walter Thompson an einer Kampagne für den Lebensmittelhersteller Nestlé gearbeitet.
Erschfeld sagt heute, die Entlassung sei für sie kein Horrorereignis gewesen: „Ich habe den Wechsel willkommen geheißen. Ich habe sogar darauf hingespart.“ An ihre Ersparnisse musste sie aber bislang nicht gehen. „Mit der Abfindung und ein paar freien Aufträgen bin ich 2009 gerade null auf null herausgekommen.“
Vom Banker zum Start-up-Berater
Jason Wilson war am Tag seiner Entlassung im Januar 2009 nicht unvorbereitet. Schon bevor er morgens in sein Büro bei der Bank of America ging, hatte er ein Taxi bestellt, das ihn im Falle der Kündigung zusammen mit seinen Habseligkeiten nach Hause in einen New Yorker Vorort bringen sollte. Es hatte einfach alles darauf hingedeutet, dass es ihn erwischen würde. Seit die Bank of America auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008 die Übernahme der Investmentbank Merrill Lynch angekündigt hatte, ging im Unternehmen die Angst um. Vor allem unter den Investmentbankern wie Wilson war die Sorge groß, denn es wurde geunkt, dass „die von Merrill Lynch“ hier das Kommando übernähmen. Im Januar erfuhr Wilson, wann der Personalabbau angekündigt werden sollte, und er stellte sich auf seine Entlassung ein. Als der Tag gekommen war, dauerte die Kündigung keine fünf Minuten. „Wir haben entschieden, dass es für dich auf dieser Plattform keinen Platz gibt“ waren die Worte seines Teamleiters. Wilson solle es bitte nicht persönlich nehmen, es habe nichts mit seiner Leistung zu tun.
Es war ein abrupter Einschnitt in Wilsons Karriere, in der die Dinge vorher meistens wie am Schnürchen gelaufen waren. Er begann nach einem Jurastudium in der Rechtsabteilung eines jungen Technologieunternehmens in San Francisco. Er setzte ein Wirtschaftsstudium mit einem MBA-Abschluss an der Columbia Business School in New York drauf, zu einer Zeit, in der Studenten sich ihre künftigen Arbeitgeber fast beliebig aussuchen konnten und die großen Banken aggressiv Nachwuchs auf dem Campus rekrutierten. Wilson entschied sich im Jahr 2004 für die Deutsche Bank, 2007 wechselte er zur Bank of America, als Investmentbanker für die Immobilienbranche. Er war an großen Abschlüssen beteiligt, etwa als der Finanzinvestor Blackstone die Hotelkette Hilton für 26 Milliarden Dollar kaufte. Er konnte sich im Jahr 2007 über ein Gehalt von 500.000 Dollar freuen, davon 400.000 Dollar als Bonus.
Ein Schock - und eine Erleichterung
Wilson sagt, der Moment der Kündigung sei nach den monatelangen Spekulationen zum Teil sogar eine Erleichterung gewesen, aber noch immer ein Schock. Er hatte gerade eine Familie gegründet, seine Tochter war zehn Monate alt. Immerhin bekam er eine Abfindung von 50.000 Dollar, und seine Frau mit ihrer Stellung im Marketing sicherte die Familie zusätzlich ab.
Auf die Entlassung folgte eine Zeit der Ratlosigkeit, wie es weitergehen solle. Nach einigen Monaten fiel Wilson ein, dass er immer wieder von Freunden und Bekannten um Rat gefragt wurde, die sich selbständig machten. Sie kamen mit allen möglichen juristischen und betriebswirtschaftlichen Fragen zu ihm, die auftauchen, wenn ein Unternehmen noch in der Anfangsphase steckt. Schließlich hatte er sowohl Wirtschaft als auch Jura studiert, und er hatte Erfahrungen in einem Gründerunternehmen ebenso wie bei Großbanken. Wilson überlegte, ob sich aus einer solchen Start-up-Beratung ein Geschäft machen lassen könnte. Im Juli war offizieller Startschuss: Er rekrutierte seine Kunden zuerst im Kreis von Bekannten oder über deren Empfehlung und bot seine Dienste anfangs oft umsonst an. Mittlerweile hat er zahlende Kunden, und bis Ende 2009 nahm er rund 30.000 Dollar ein.
Im laufenden Jahr geht es für Wilson vor allem darum, sein Netzwerk an Kontakten und somit potentiellen Kunden auszuweiten. Er hat sich einen Umsatz von 150.000 Dollar vorgenommen, 2011 sollen es 250000 Dollar werden. Damit wäre er freilich noch immer weit von den Dimensionen entfernt, die er als Banker erreicht hatte. Der 40 Jahre alte Wilson sagt, er nehme das nicht als Maßstab: „Für mich steht das Geld nicht an erster Stelle. Ich habe meine Boni immer mit freudigem Staunen zur Kenntnis genommen, aber ich war nie ein Banker von der Sorte, der sich teure Häuser und Autos kaufen muss oder ausschweifende Partys feiert.“ Er findet selbst, dass die Bonuszahlungen in Banken „ausgeartet“ seien und in keinem Verhältnis zur Leistung stünden. Ihr schlechtes Image hätten sich die Banken selbst zuzuschreiben, meint Wilson, und offenbar gibt ihm da auch seine Frau recht: „Meine Frau hat oft im Spaß zu mir gesagt, sie erzähle ihren Freunden, dass ihr Mann ein Drogendealer sei, weil das noch immer besser klinge als Banker.“