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Karriere nach dem Militär Offiziere: Weggetreten!

09.10.2006 ·  In einem kämpferischen Geschäftsumfeld bestehen am besten ehemalige Offiziere. Das hat eine Studie über amerikanische Unternehmen und ihre Top-Manager gezeigt. Anders in Deutschland: Hier funktioniert die Bundeswehr nicht als Karriere-Turbo.

Von Thomas Reinhold
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Die Jobbörse für ehemalige Offiziere hat es nie bis ins Internet geschafft. Es gab einfach keine Investoren. Selbst der Bundeswehrverband, sonst immer um das Fortkommen seiner Mannen bemüht, soll nur von einer guten Idee gesprochen haben, nie aber von Geld. Doch manchmal liebäugelt der Frankfurter Personalberater Uwe Fenner noch heute mit seiner Idee. "Das scheint mir eine gute Sache zu sein", sagt er, "die pfiffigen Soldaten lassen sich gut vermitteln." Weil sie pfiffig sind, so ist sein Satz zu lesen. Nicht, weil sie Soldat sind. Ins deutsche Top-Management schaffen es nur wenige. Diese Klientel hat in Deutschland keine offene Lobby, bestenfalls ihr eigenes Netzwerk.

Es ist ein grobes Netz, mit einigen engeren Maschen in München oder Stuttgart, Düsseldorf oder Hamburg. Dort ist Eventmanager Jürgen Henke rührig. Der Oberstleutnant der Reserve ist einer der Motoren des 1991 gegründeten Forums "Hamburgische Akademische Offiziere in der Wirtschaft" (HOW), einer losen Gemeinschaft von zur Zeit 175 Männern, die geschäftliche und persönliche Kontakte pflegen. Mit Attitüde oder Kastenbewußtsein hätten die monatlichen Treffen nichts zu tun: "Wir sind wir und die anderen nur Friseure? Nein, so nicht. Aber wir fühlen uns lebhaft verbunden", sagt Henke.

Mit Rang und Namen?

Frühere Offiziere gibt es viele in der Wirtschaft, aber es steht ihnen nicht auf die Stirn geschrieben. Auch Henke mußte suchen. Immerhin 2600 ehemalige Kameraden fand er auf der Internetplattform OpenBC, "aus allen Unternehmen mit Rang und Namen".

Erst umgekehrt wird ein bemerkenswerter Befund daraus: Unter den Namen gibt es kaum welche in hohem Rang. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, wird wieder und wieder hervorgezerrt, wenn es gilt, leuchtende Beispiele für Soldaten zu finden, die es geschafft haben. Weise war früher Fallschirmjäger, so wie Thomas Enders, Chief Executive Officer (CEO) des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS. Frank Hurtmanns hat es aus der Tiefe der Truppe zum Personalvorstand des Agrar-Handelskonzerns Baywa gebracht. In gleicher Verwendung wird der Kamerad Matthias Bellmann bei Karstadt ins Feld geschickt. Mehr Beispiele? Es mag sie geben, aber Verteidigungsministerium wie Personalberater, Bundeswehrverwaltung wie Hochschulen haben keine Prominenten auf dem Radar. Selbst der renommierte Elitenforscher Michael Hartmann ist ratlos: "Kein Beispiel im Kopf."

Alles anders in Amerika

In Amerika wäre ihnen eine Antwort leichter gefallen. Dort tummeln sich unter den CEOs überproportional viele, die ihre ersten ernsten Kämpfe in der Armee bestanden haben. Ehemalige Militärs erfüllen ihren Führungsauftrag besonders gut, hat die Personalberatung Korn/Ferry International gemeinsam mit der Economist Intelligence Unit ermittelt. Daten aus Unternehmen, die dem Aktienindex S&P 500 angehören, legen den Schluß nahe, daß Männer durch militärisches Training früh Führungserfahrung sammeln, die später im Vorstand unschätzbar werde. Die Berater haben statistische Korrelationen zwischen Militärdienst und Leistungen als Manager herausgeschält. Der sichere Umgang mit Stress-Situationen in militärischen Operationen könne die Leistungsfähigkeit in der Wirtschaft steigern. Das gelte für die persönliche Performance des Soldaten-Managers wie das von ihm geführte Unternehmen.

In Deutschland gibt es zum Vergleich eine Studie von 2001: "Kaderschmiede Bundeswehr. Vom Offizier zum Manager", von Professor Rainer Marr vom Institut für Personal- und Organisationsforschung der Bundeswehruniversität München. Fast die Hälfte der befragten Offiziere mit Studium schaffen es bis in die Ebene Geschäftsführer oder Vorstand. Marr räumt aber ein, daß sich darunter viele Selbständige tummeln. Trotzdem hält er die Ergebnisse aus Amerika im Prinzip für übertragbar. "Das Niveau des Durchschnitts unserer Studenten ist sicherlich höher als das an den Landesuniversitäten, weil wir uns besser um den einzelnen kümmern können." Wirtschaft studierten in München etwa 150 Männer im Jahr, bei 18 Professuren. Nach Betreuung "wie an einer Elite-Uni", so Marr ganz unbescheiden, wird der Absolvent schon mit Mitte 20 Führungskraft - mit hoher Loyalität gegenüber der Organisation und ausgeprägtem Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter: "Das fördert einen unvergleichlichen Reifeprozeß." Dazu passe, daß 87 Prozent der ehemaligen Soldaten beruflich hoch zufrieden seien.

„Das ist Führungskraft

Korn/Ferry zitieren Clayton Jones, einst Pilot bei der Air Force, heute CEO bei Rockwell Collins, die der Armee Elektronik für Flugzeuge und Waffen liefern. Jones führt an, was noch für die Soldaten spricht. Eine Schlüsselqualifikation für das Top-Management sei die Fähigkeit, Autorität zu verteilen, andere Führer anzuerkennen und zu entwickeln. "Am schwierigsten vermittelt sich aufstrebenden Managern der Wert starker untergeordneter Leitungskräfte", glaubt Jones. Doch in der Armee lernten CEOs, Mitglieder der Einheit mit angemessenem Material und Wissen auszustatten. "Das ist Führungskraft."

Michael Morris, CEO von American Electrical Power, vergleicht die Rolle eines Top-Managers mit der eines Piloten in schlechtem Wetter. "Ruhig zu bleiben, wenn man unter Druck gerät, ist unerläßlich, wenn man entscheiden muß." Außerdem lerne der Offizier, Entscheidungen aufgrund unvollständiger Informationen zu treffen. Das sei "unglaublich wichtig, um schnell am Markt zu sein oder mit einer Krise umgehen zu können". Ob das nicht auch MBA-Schulen vermitteln könnten? "Nein", sagt Michael Jordan, CEO bei Electronic Data Systems (EDS), "der MBA bringt ihnen die analytische Seite bei, nicht aber das Management von Menschen."

Soviel Lob für den Nutzwert der soldatischen Ausbildung wird in Deutschland schon mal vermißt. "Hier sind die Vorbehalte gegen das Militär so verfestigt, daß die Soldaten später selten in die Position kommen, im Vorstand eines großen Unternehmens zu zeigen, was in ihnen steckt", urteilt der frühere Generalstabsoffzier Hans-Henning Teetzmann. Die Bundeswehrzeit in einer Vita polarisiere Personalchefs, hat der Oberst a. D. beobachtet, der nach seiner 30jährigen Dienstzeit in einer Outplacement-Beratung arbeitete. Von einem Vorteil auf dem Arbeitsmarkt könne keine Rede sein. Das schreibt er der Öffnung der Gesellschaft zu.

Als Schulze und Schibulski kamen

Zu Kaisers Zeiten habe der erste Sohn das Gut geerbt, der zweite Sohn wurde Offizier. In Hitlers Massenheer änderte sich das gewaltig. Auch der Volksschullehrer konnte jetzt Offizier werden. Trotzden hießen selbst in der jungen Bundeswehr viele Offiziere noch "von Alvensleben" oder "von Trotha", doch schon bald kamen Schulze und Schibulski. In den siebziger Jahren wurde der Offiziersberuf durch die Einführung des obligatorischen Studiums auch für den Sohn des ärmeren Postboten attraktiv. Soldaten ohne Stallgeruch der Oberschicht paßten nicht mehr zu den Rotariern. "Die Ausbildung ist gut, aber das Ansehen dahin, das Einkommen mäßig", winkt Teetzmann ab. Abteilungsleiter bei der Deutschen Bank verdienten mehr als der Generalinspekteur der Bundeswehr. Das habe Auswirkungen auch auf die Rekrutierung der CEOs. "Fragen Sie mal die Älteren in einem Business-Club, wer dort noch einen Sohn hat, der Berufssoldat ist", grantelt Teetzmann, "Sie werden sehen: niemand. Das sagt doch alles."

Das Militär hat aufgrund der deutschen Geschichte seine eliteprägende Rolle verloren. "Die Elite heißt jetzt Meier. Deutschland ist ein schön durchlässiges Land", sagt Johannes von Schmettow, Leiter des Düsseldorfer Büros von Egon Zehnder International, "das ist eine gute Nachricht." Der Management-Berater, der sich mit der Besetzung und dem Assessment oberster Führungskräfte beschäftigt, nennt einen entscheidenden Unterschied zwischen Amerika und Deutschland: "Wer auf der Militärakademie in Westpoint war, gehörte vorher schon zur Elite und hat sein Profil dort geschärft." Darüber lasse sich öffentlich reden. In Deutschland aber werde die Offiziersausbildung "low key" gehalten, "man trägt das nicht vor sich her". Frühe Führungserfahrung schön und gut, doch auffallend häufig trainierten Top-Manager ihre Kampfeskraft und ihr Durchhaltevermögen anderswo: als Sportler. Harvard oder Hamburg? Nicht so wichtig, glaubt von Schmettow, es komme drauf an, was der einzelne draus macht.

„Lage sondieren, Möglichkeiten entwickeln, angreifen“

Auch der Soziologe Hartmann ist überzeugt, daß sich Personalchefs kaum dafür interessierten, ob ein Examen von der Bundeswehrhochschule stammt: "Das gibt allenfalls ein leichtes Plus oder Minus, wie bei der Frage nach Fachhochschule oder technischer Uni. Polarisierung? Nein, das ist kein aktuell diskutiertes Thema."

Was also suchen Unternehmen? Zielstrebigkeit gehöre dazu, sagt der Hamburger Jürgen Henke: "Lage sondieren, Handlungsmöglichkeiten entwickeln, angreifen: So lernen Sie es an der Offiziersschule bis zum Erbrechen. Das erleichtert die Diskussion und den Austausch mit anderen." Selbst in Amerika sind nicht viel mehr als die ersten zehn Dienstjahre hilfreich für die Karriere, behaupten Korn/Ferry. Junge Männer sollten ihre Uniform rechtzeitig wieder ausziehen. Zwölf Jahre Bundeswehr sind eine gute Zeit.

Was Offiziere wert sind

In Deutschland behindert das Dienstrecht Berufssoldaten, die ein Angebot aus der Privatwirtschaft bekommen: Sie können zwar vorzeitig kündigen, verlieren aber alle Pensionsansprüche. Auch nach dem Dienstende begrenzen Zuverdienstregeln ihr Einkommen. Das gilt nicht für Zeitsoldaten.

In Schweden läßt sich das Gehalt eines Offiziers schon mal frei verhandeln und vom Dienstgrad ablösen. So lassen sich leistungsstarke Leute halten. In Deutschland glaubt man, das gefährde den Zusammenhalt der Truppe.

In Großbritannien scheiden Soldaten automatisch aus dem Dienst aus, die dreimal nicht befördert wurden, häufig nur aufgrund des engen Stellenplans. Die Wirtschaft ist gewöhnt an diesen Strom qualifizierter Nachwuchskräfte.

In Amerika sind 8,4 Prozent der CEOs aus dem S&P 500-Index ehemalige Offiziere, verglichen mit nur 3 Prozent aller Amerikaner, die je als Offizier gedient haben.

Quelle: F.A.Z., 07.10.2006, Nr. 233 / Seite C1
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