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Veröffentlicht: 20.01.2010, 00:05 Uhr

Karriere mit Kopftuch Zwischen Schreibtisch und Gebet

Weiblich, Muslima, Kopftuchträgerin - das sind gleich drei Hürden auf dem Arbeitsmarkt. Der klassische Ausweg für Aufstiegswillige ist, sich selbständig zu machen. So erging es auch der jungen Anwältin Marziya Özisli. Nadine Bös hat sie besucht.

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© Marcus Kaufhold / F.A.Z. Verhüllte Chancen: Um Kopftuch und Karriere vereinbaren zu können, machte sich Marziya Özisli selbständig

Es gibt eine Episode im Leben von Marziya Özisli, die so sinnbildlich für ihre gesamte Karriere steht, dass sie beinahe konstruiert wirkt: Damals war die junge Anwältin noch Studentin und suchte eine Referendariatsstelle in der Verwaltung. „Ich bekam eine Absage nach der anderen“, berichtet die türkischstämmige Juristin. „Es war zum Verzweifeln.“ Irgendwann griff sie zum Telefonhörer und rief die örtlichen Ämter an, eins nach dem anderen. Das Gewerbeamt schließlich lud sie zum Vorstellungsgespräch ein. „Dort saß ich dem Ausbildungsleiter gegenüber, und wir verstanden uns prima“, sagt Özisli. „Er hat mich sofort eingestellt.“ Am Ende des Vorstellungsgesprächs hielt er allerdings kurz inne. „Frau Özisli“, sagte er, „damit Sie es wissen und keine Missverständnisse entstehen: Ich bin blind.“ Da nahm sie allen Mut zusammen und sagte: „Okay, und damit auch Sie es wissen: Ich trage ein Kopftuch.“ - „Ist mir egal“, antwortete der Ausbildungsleiter. „Ich sehe es ja nicht.“

Nadine Bös Folgen:

Es war das letzte Mal, dass Marziya Özisli auf eine Bewerbung eine Zusage erhielt. Nach ihrem zweiten Staatsexamen schickte die heute 30 Jahre alte Anwältin ihre Unterlagen zu Kanzleien und Unternehmen in ganz Deutschland, insgesamt 60 Mappen, ein ganzes Jahr lang. Vergeblich. „Anfangs legte ich noch ein Foto bei, auf dem ich mit Kopftuch zu sehen war“, erzählt sie. Diese Bewerbungen seien immer sehr prompt zurückgekommen. „Ich habe mich um etliche Stellen gemeinsam mit Kommilitonen beworben. Teilweise hatten sie schlechtere Noten und weniger passende Praktika als ich. Trotzdem wurden sie eingeladen, ich nicht.“

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Marziya Özisli begann deshalb, das Bewerbungsbild wegzulassen. Tatsächlich gab es danach einige Vorstellungsgespräche. „Da saß ich dann mehreren Damen und Herren gegenüber, die mich von oben bis unten musterten. Am Ende fragte immer irgendwer, ob ich denn bereit sei, im Arbeitsalltag das Kopftuch abzulegen. Ich sagte nein - und in den folgenden Tagen kam dann jedes Mal eine Absage.“

„Natürlich haben diese Frauen schlechtere Karrierechancen“

Kopftuch und Karriere, das sei immer noch so ziemlich das schwierigste Unterfangen, das sich eine junge Frau in Deutschland vornehmen könne, fasst Nesrin Odabasi vom Bundesausländerbeirat die Situation zusammen. „Frauen haben es im Berufsleben ohnehin schwerer als Männer. Dazu kommt bei diesen Frauen, dass sie meistens einen Migrationshintergrund haben und mit entsprechenden Vorurteilen kämpfen müssen.“ Wenn sie dann noch ein Kopftuch trügen, sei es in der Regel vorbei. „Dreifachdiskriminierung“ nennt das Odabasi. Sie stammt selbst aus der Türkei, hat sich aber gegen das Kopftuchtragen entschieden. „Natürlich haben diese Frauen schlechtere Karrierechancen“, sagt auch Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er hat eine vielbeachtete Studie über die Ansichten kopftuchtragender Frauen in Deutschland verfasst und kennt sich aus in der Szene. „Besonders in Branchen mit viel Kundenkontakt sind die Probleme groß.“

Harte Zahlen dazu gibt es nicht. Indizien liefert eine Studie, die eine Forschergruppe der FU Berlin im Jahr 2005 erstellt hat. Die Berliner Wissenschaftlerinnen Saro Akman, Meltem Gülpinar, Monika Huesmann und Gertraude Krell verschickten fingierte Online-Kurzbewerbungen. Die Unternehmen erhielten Anfragen von vier verschiedenen Bewerbern: einem deutschen Mann, einer deutschen Frau, einem türkischstämmigen Mann und einer türkischstämmigen Frau, alle mit gleichwertigen Qualifikationen. Das Ergebnis: Die deutschen Bewerber wurden deutlich öfter zum Bewerbungsgespräch eingeladen als die türkischen. Und der türkische Mann erhielt mehr Einladungen als die türkische Frau: Sie ging leer aus - obwohl keine Bewerbungsbilder beigelegt waren.

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