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Karriere für Autisten Spezialisten für den Zahlendschungel

Viele Autisten haben keine Arbeit oder sind mit ihrer Tätigkeit unterfordert. Dabei haben sie enorme Fähigkeiten etwa im Umgang mit Zahlen. Einige Unternehmen haben diese Marktlücke entdeckt - und damit hochspezialisierte Informatiker gewonnen.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Hajo Seng wusste lange nicht, was falsch ist an ihm. Seng ist 49 Jahre alt und arbeitet als IT-Spezialist. Brüche kennzeichnen seinen Lebenslauf. Oft ist er gescheitert und musste neu anfangen. Lange Zeit schien es keinen Grund dafür zu geben. Außer ihn selbst, seine Unnahbarkeit, sein manchmal sonderbar scheinendes Verhalten. Seng schaut während des Gesprächs meist zur Seite, sitzt angespannt in seinem Stuhl. Seine Kaffeetasse umschlingt er schützend mit beiden Händen. Blickt er einem in die Augen, wirkt es künstlich, gewollt. Er sagt, er musste es erst lernen.

Vor vier Jahren wurde bei ihm offiziell Asperger-Autismus diagnostiziert. Doch der erste Hinweis liegt über zwei Jahrzehnte zurück: Mit Mitte zwanzig machte er Zivildienst in einer Einrichtung für schwerbehinderte Kinder. Auch Autisten waren dort. Mit ihnen kam er auffällig gut zurecht, konnte sie beruhigen, wenn sie wütend waren. Er hatte „einen Draht“ zu ihnen, wie er sagt. Seine Kollegen fanden damals, dass auch er ihnen autistisch vorkomme. Die Einsicht sickerte nur langsam durch, sie war nicht leicht zu akzeptieren. Seng wusste damals nur wenig über Autismus. Doch die Erkenntnis wurde schließlich zur Erlösung. Endlich gab es eine Erklärung für seine Probleme, seine Schwächen, die er lange nicht akzeptieren wollte.

Wenig reden, viel konzentrieren

Seng arbeitet heute in der IT-Abteilung der Staatsbibliothek Hamburg. Dort kümmert er sich um die Server, sorgt dafür, dass das Netzwerk funktioniert und versucht die Katalogsoftware nutzerfreundlicher zu machen. „Ich bin da sehr zufrieden“, sagt Seng. Ein Arbeitsplatz ohne laute, ablenkende Geräusche, er muss nicht viel reden. Seng kann sich konzentrieren und fällt nicht auf. Viele Kollegen hier seien speziell, erzählt er, er steche also nicht heraus. Nebenbei engagiert er sich bei „autworker“, einem Selbsthilfeverein für Autisten.

So gut wie heute ging es Seng nicht immer. Früher kam er schwer zurecht im Leben, in der Schule, der Uni und später bei seinen Arbeitgebern. Mathematik und Informatik sind sein Ding, für Zahlen, Symmetrien und Logik hat er Talent. Er arbeitete als Programmierer, kümmerte sich um Computernetze. Doch er scheiterte an seinen Vorgesetzten, den Kollegen, dem Konkurrenzdruck. Er verstand sie nicht. Wenn er zum Beispiel ein Sprichwort hörte, nahm er es wörtlich: „Der hat Tomaten auf den Augen.“ „Ich sehe sie nicht?!“

Ein Talent für Codes

Seng litt unter einem Anderssein, auf das er sich lange keinen Reim machen konnte. Das machte ihn depressiv. Er verstand nicht, wie die Menschen um ihn herum zueinanderfanden, wie sie sich verabredeten, kommunizierten. All das Unausgesprochene, die Zwischentöne des sozialen Miteinanders waren wie ein Code, den er nicht auflösen konnte. Er wollte dazugehören, blieb jedoch außen vor.

Dabei hat Seng ein Talent für Codes. Schon vor der Einschulung entschlüsselte er Bücher, brachte sich Lesen und Schreiben bei. Dennoch kam er in die Sonderschule. Er reagierte nicht, wenn man ihn ansprach, war ein stiller, in sich gekehrter Junge. Am Ende machte er Abitur. Auf der Sonderschule wäre er heillos unterfordert gewesen.

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Veröffentlicht: 01.11.2012, 16:30 Uhr