30.05.2007 · Ein neues Schlagwort geistert durch die Berufswelt: Downshifting - auf Karriere- und Gehaltssprünge verzichten. In den Vereinigten Staaten machen das immer mehr Berufstätige. Hierzulande traut sich das kaum jemand. Aber Ausnahmen gibt es.
Von Ursula KalsSie macht Musik, sie macht Medizin und vor allem einen glücklichen Eindruck. Anne Kaftan ist Ärztin und arbeitet als selbständige Hypnotherapeutin in eigener Praxis in Wittlich bei Trier. Zeitlich flexibel bestellt sie ihre Patienten ein, die sie unter anderem bei Angststörungen, Depressionen und Traumatisierung behandelt. Die zweite Leidenschaft der 34 Jahre alten Frau gilt der Musik. Anne Kaftan hat Jazz- und Popularmusik in Halle an der Saale und in Ulm studiert und parallel dazu Medizin. „Die Musik ist kein Hobby und kein Ausgleich, das ist eine Berufung. Meine Person ist einfach beides, Musik und Medizin“, sagt die Saxophonistin, Klarinettistin und Therapeutin. Finanziell zahlt sie dabei drauf. Sie könnte den Facharzt machen, Oberärztin werden, die Karriereleiter hochsteigen und mit einer Vollzeitpraxis deutlich mehr verdienen als durch ihren kleinen Patientenstamm und die CD-Einspielungen und Konzerte, die sie in verschiedenen Formationen gibt. „Wahrscheinlich wäre das so. Aber ich habe mich auch für die Musik entschieden und erlaube mir diesen Luxus, das frei zu entscheiden.“ Dass sie zwei Berufe ausübt, löst bei Außenstehenden oft Irritation aus. „Viele können diese Unsicherheit nicht aushalten. Aber Menschen, die mir nahestehen, die haben das gut verstanden.“ Sie haben verstanden, dass Anne Kaftan mit dem Trio „El Puente“ probt, auf internationalen Festivals auftritt und zwischen ihren Auftritten und Rundfunkaufnahmen im ehemaligen Elternhaus, einer alten Mühle in der Südeifel, eine Idylle mit Hund und Pferden lebt und Sätze sagt wie: „Ich bin innerlich sehr zufrieden und habe das Gefühl, auf meinem Weg zu sein.“ Mit dem modischen Etikett Downshifting kann sie allerdings „nicht so recht etwas anfangen“.
Nicht bis 65 an der Spitze stehen
Das hat sie mit Kurt Müller gemeinsam. Der Begriff des bewussten beruflichen Herunterschaltens ist ihm eher fremd, das Phänomen aber nicht. „Denn das ist seit 20 Jahren mein Thema“, sagt der Schweizer Bauingenieur, der sich nach Jahren im Vorstand entschieden hat, als knapp Fünfzigjähriger eine Karrierestufe zurückzugehen. „Das war ein ganz bewusster Schritt, in die zweite Reihe zu treten. Ich will nicht bis 65 an der Spitze stehen“, sagt der 59 Jahre alte Manager. Er arbeitet bei der BWT Bau AG in Winterthur, im Kanton Zürich eines der größten Bauunternehmen mit etwas über 300 Mitarbeitern. Müller war dort als Geschäftsführer tätig. Jetzt ist er dem Inhaber unterstellt und „in einer Art Assistenzfunktion zuständig“, zum Beispiel fürs Marketing oder für die Einführung eines Qualitätsmanagement-Systems.
Bis vor fünf Jahren war Müller noch in der Geschäftsleitung, damals gab es eine Fusion mit einem ehemaligen Tochterunternehmen. Natürlich habe er auch die Annehmlichkeiten genossen, „etwa eine Verbandsreise mit Frau ins Ausland zu machen, diese Dinge sind jetzt weg“. Stattdessen bleibt ihm Raum für andere Interessen. Der Vater von drei Kindern war zwölf Jahre im Gemeinderat und engagierte sich in frühreren Jahren mit seiner Frau in der kirchlichen Jugendarbeit. „Mir ist das Dreibein Familie, Beruf, gemeinnützige Arbeit wichtig.“ Müller führt ehrenamtlich den Vorsitz in einem überregionalen Pflegeverein, der Zweckverband wird gerade umstrukturiert, damit verbunden sind Umbauarbeiten, für die er verantwortlich ist.
Beruflich kürzerzutreten, also wie in seinem Fall auf eine 70-Prozent-Stelle zu gehen, setze voraus, „andere erfüllte Tätigkeiten zu haben. Ich will gar nicht aufhören zu arbeiten, aber ich möchte nicht mehr nur angestellt sein, sondern Projekte betreuen, die anfangen und aufhören.“ Der Diplomingenieur ist aber realistisch genug zu sagen: „Man muss es sich leisten können, zurückzutreten, die Lohneinbußen muss man verkraften und positiv akzeptieren können.“
Vom Architekten zum Kochlehrling
Uwe Korn hat finanziell einen weitaus radikaleren Absprung gewagt. Als bauleitender Architekt hat er sieben Jahre gut, mitunter auch sehr gut verdient und dafür den Preis vieler Überstunden gezahlt: „Das hieß morgens um fünf Uhr aufstehen, abends um 23 Uhr ins Bett fallen. Es gibt Höhen und Tiefen im Job, wenn die Kurve aber verflacht und nur noch nach unten geht, wird man nachdenklich.“ Bei knallharter Kosten-, Qualitäts- und Terminkontrolle im Containerbüro auf Großbaustellen blieb die ersehnte Kreativität zunehmend auf der Strecke. Irgendwann hatte Korn genug. Er verabschiedete sich von den Münchener Architekturbüros und den bayrischen Baustellen. Uwe Korn ließ sich durch einen Coach beraten und traute sich was. Nämlich kurz vor dem 32. Geburtstag als Kochlehrling im Nürnberger Restaurant „Schwarzer Adler“ anzuheuern. Sein Chef war so alt wie er, die Kollegen waren jünger, natürlich auch die Mitschüler in der Berufsschule. Die Ausbildung sei „verdammt hart“ gewesen und schloss öfters einen 16-Stunden-Tag mit ein. „Im Großen und Ganzen hat es aber Spaß gemacht.“ Vor zwei Jahren hat er seine Ausbildung abgeschlossen und ist dann vom Inhaber einer Ladenbaufirma abgeworben worden. Heute ist Korn als Großküchenplaner unterwegs. Auch das bringt ihn seinem Traum vom eigenen Restaurant näher. Bereut hat er seinen Wechsel nicht. Obgleich ihm Großvater und Vater - „die übrigens für sich selbst den allergrößten Freiraum in Anspruch nehmen“ - von der Kochlehre abrieten: Kartoffelschälen, das müsse man nicht lernen. Finanzielle Einbußen hat Korn in Kauf genommen. „Was nutzt mir denn das Geld, wenn ich ein Magengeschwür habe? Ich will nicht acht Stunden irgendwo hinschlappen, und dann erst geht mein Leben los.“ Vom Stillstand ist er weit entfernt. „Ich bin glücklich, bin sehr zufrieden und habe gelernt zu sagen: Leb diesen Tag.“ Zeit fürs Mountainbike, Zeit für seine Band, in der er akustische Gitarre spielt und Rocktitel covert, die hat der 36 Jahre alte Mann mit den drei Berufen jetzt.
Drei Beispiele für deutsche „Downshifter“, von denen es wenige gibt. Verständlich, meint Jacques Donnen. „Viele finden das theoretisch toll, trauen sich aber praktisch nicht, das zu tun“, sagt der Freiburger Wirtschaftspsychologe. Zwei Ausnahmen gebe es. Zunächst Menschen im ländlichen Bereich mit engen Familienbanden, die daheim ein Hotel oder Geschäft haben. „Sie üben den Beruf nur in dem Rahmen aus, der im Familienrhythmus bleibt. Die gibt es. Aber die gibt es immer seltener.“ Darunter seien oft tüchtige Frauen, die ihrem Arbeitgeber indirekt signalisierten, dass sie keine große Karriere machen wollten, sondern andere Pläne verfolgten. Downshifter sieht Donnen hingegen „wenn überhaupt in einer kleinen, bewusst intellektuell denkenden, wenn ich böse sagen würde ,verkopften' Gruppe“. Häufig seien das akademisch gebildete Paare, die in städtischen Gründerzeitvierteln lebten und Berufe ausübten, in denen man in Teilzeit genug Geld verdiene, um davon oder dem Erarbeiteten der vorigen Generation leben zu können. „Oft sind das Lehrerpaare, Pädagogen, Sozialarbeiter. Häufig ist einer der beiden Partner der Treiber, der darauf dringt, dass einer aufhört oder kürzertritt.“ Das Phänomen zeige sich in Nischenfeldern, nicht aber in klassischen Industriebereichen, sagt der Luxemburger.
Zeit und Geld teilen
„,Ich mache keine Karriere', das ist bei der Beschleunigung und den exzessiven Arbeitszeiten in Amerika ein anerkanntes Phänomen. Da wird die Kosten-Nutzen-Bilanz im Sinne der Lebensqualität gezogen“, erklärt die Berliner Soziologin Gisela Erler. „Einige Unternehmen haben dort das Problem, dass Leute nicht aufsteigen.“ In Deutschland sieht die Geschäftsführerin der PME Familienservice GmbH, eines Dienstleisters für Berufstätige, eine zurückhaltende Ausprägung des Downshifting: „Es gibt mehr Trendsetter, die nachdenklich werden und grübeln: Macht mein Lebensstil Sinn? Die Leute machen Gesamtrechnungen auf. Sie haben Angebote in großen Konzernen, probieren aber lieber die Selbständigkeit.“ Erfolg zeige sich ihnen auf andere Art. Durch eine gewisse Zeitautonomie, durch Möglichkeiten der Mitentscheidung. Die Unternehmerin nennt als Beispiel Ärztinnen, die sich in einer Gemeinschaftspraxis zusammenschließen. „Das hat auch mit Teilen von Zeit und Geld zu tun.“ Michael Stuber, Inhaber von „Ungleich Besser Diversity Consulting“ in Köln, erlebt ebenfalls das Phänomen, „dass Menschen mehr Balance in ihrem Leben haben wollen“. Die geburtenstarken Jahrgänge seien in die Krise geraten, die neue Generation ticke ohnehin anders und habe „von vorneherein gar kein Interesse, sich zu verheizen“.
Es sei nicht auszuschließen, dass das Downshifting auch in Deutschland, gerade in der kommenden Erbengeneration, zunehme, meint Stefan Vetter aus Berlin. Der Arbeitsrechtler der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz weiß aus der Beratung von Unternehmen, dass "schon immer Arbeitnehmer Teilzeitwünsche an Arbeitgeber herantragen. Welche Motive dahinterstehen, wird in vielen Fällen nicht deutlich. Arbeitnehmer teilen die Gründe für ihren Teilzeitwunsch oft nicht mit", beobachtet der promovierte Jurist und nimmt an: „Weil manche Mitarbeiter offenbar befürchten, Teilzeit könnte schon karrierieschädlich sein - was in dieser Allgemeinheit nicht zutrifft -, sagen sie vermutlich erst recht nicht, wenn ,Downshifting' ihr Motiv sein sollte.“
Das Leben entrümpeln:
Die Online-Zeitung EGO-Net nennt Schritte zum Downshifting, zum Herunterschalten.
-Entrümpeln: Besitztümer und Kontakte - welche bereiten Freude, welche sind eine Last?
-Konsumverzicht: Eine Nutzen-Kosten-Bilanz hilft, nicht nur die finanzielle Belastung, sondern auch Zeitaufwand und Ärger dem tatsächlichen Nutzen, etwa bei technischen Geräten, gegenüberzustellen.
-Prioritäten setzen: Was bringt ganz individuell wirklich Entspannung und Genuss. Dinge, die man nur tut, weil „man“ sie eben tut, kritisch hinterfragen.
-Innere Freiheit finden: Weniger äußerer Erfolg bringt oft mehr Gestaltungsfreiheit.
Bewußte Entscheidung
Karsten Krug (kkrug)
- 30.05.2007, 10:34 Uhr
Gelassenheit
E K (ek110483)
- 30.05.2007, 12:15 Uhr
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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