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Karriere als Ingenieurin „Männern lasse ich weniger Optionen“

02.10.2008 ·  Frauen in Männerdomänen bringen besondere Leistungen: Eine Physikerin, eine Maschinenbau- und eine Bauingenieurin über die eigentümliche Kommunikation mit den Kollegen, über Männer in Motivsocken und Tricks auf dem Fußballplatz. Thomas Reinhold hat ihr Gespräch moderiert.

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Wie nehmen Sie in Ihrer Karriere Männer wahr, wie die Männer Sie?

Scharwächter: Ich habe in Aachen studiert, Kunststoffverarbeitung. Wir waren 2 oder 3 Prozent Frauen, und wir sind immer von hinten ins Auditorium gegangen. Wenn man von vorn kam, ging ein großes Pfeifkonzert los.

Pethe: An der TU Darmstadt das gleiche Spiel - überall Männer. Ich habe in der Physik mit 13 Jungs angefangen. Man wird zwar umhegt, aber das ist anstrengend. Ich bin für ein halbes Jahr nach Frankreich gegangen, dort sah ich ein ganz anderes Bild: 40 Prozent Frauen. In Frankreich bin ich dann schwanger geworden, habe während der Diplomprüfungen mein Kind bekommen. Am Institut wurde ich sehr unterstützt.

Kurz: An der Uni war's bei mir ganz anders. In Stuttgart waren wir relativ viele Frauen am Anfang, sicher ein Viertel. Später auf der Baustelle wirst du immer als Exot betrachtet, aber nicht an der Uni. Wer sich solch einen Beruf aussucht, hat ein anderes Auftreten. Eine kleine zierliche Dame kommt da nicht weiter. Seit fünf Jahren bin ich jetzt bei der Bahn, ich arbeite an der Neubaustrecke zwischen Stuttgart und München. Wir sind ein kleines Team, alle Kollegen sind Männer, ich habe damit nie Probleme gehabt - die Männer übrigens auch nicht. Wir haben richtig schön gebaut da draußen. Klar, bei der ersten Besprechung haben mich einige für eine Sekretärin gehalten, aber ich habe gesagt, damit kann ich nicht dienen. Ja, dann war das g'schwätzt.

Pethe: Wenn man neu dazukommt, in der Fertigung oder Entwicklung, dann muss man unheimlich viel Aufmerksamkeit und Feingefühl beweisen und sehr klar sagen: Das bin, das kann ich. Aber das gilt für Männer untereinander wohl auch. Das Bild eines kompetenten Ingenieurs ist zuweilen noch eher das eines 40 Jahre alten Mannes mit Motivsocken als das einer jungen Frau. Auf der anderen Seite habe ich Verständnis: Manche Kollegen haben noch nie mit einer Frau zusammengearbeitet. Das gilt es ja gerade zu ändern.

Scharwächter: Ich kenn's weder von Exxon noch von der BP, dass Leute staunen, wenn man im technischen Bereich arbeitet. Als ich anfing, hatten die gerade eine Handvoll Ingenieure eingestellt, auch einige Frauen. Damals ging es darum, was jeder von uns leistet. Nicht mehr.

Nehmen Sie als Chefin Männer und Frauen unterschiedlich wahr?

Scharwächter: Nein. Aber in Besprechungen fällt mir manches Mal auf, ich bin hier mal wieder die Einzige. Das Frausein verschwindet meist in der täglichen Arbeit. Doch als Chefin spreche ich mit Frauen anders als mit Männern. Männern lasse ich weniger Optionen. Ich sage klar, was gemacht werden muss. Bei Frauen neige ich dazu, mehr zu erklären, warum ich etwas haben will. Männer scheinen immer in Hierarchien zu denken, so wie sie arbeiten und funktionieren. Frauen fühlen sich eher auf Augenhöhe. Als Führungskraft ist es leichter, wenn man etwas miteinander macht.

Pethe: Bei Männern wird mir bewusst, dass ich manchmal etwas anders sage, als ich's sagen möchte, damit es nicht falsch ankommt. Das heißt: knapp und präzise. Wenn ich noch nicht genau weiß, wie's weitergeht, lasse ich es mir nicht anmerken. Das kommt nur falsch an. Manche Männer revidieren hinterher ganz selbstbewusst ihre Entscheidungen, das kann ich dann auch.

Scharwächter: Meine wichtigste Erkenntnis aus meiner Laufbahn ist, dass Männer Entscheidungen schon vor einer Besprechung gefällt haben. Wir Frauen sind anders, wir können es aushalten, gemeinsam Argumente durchzugehen und am Ende eine Entscheidung zu fällen. Diese Erfahrung hat mein Verhalten verändert. Ich gehe komplett anders vor, wenn eine Entscheidung mit Männern oder mit Frauen ansteht.

Nämlich wie?

Mit den Männern führe ich Vorgespräche. Ich erwarte seltener, dass ich mit ihnen in einer Besprechung eine Position erarbeiten kann.

Warum ist das so?

Pethe: Angst vor Gesichtsverlust.

Kurz: Sturkopf.

Scharwächter: Nein, nein, der Gesichtsverlust. Ich als Frau und als Vorgesetzte halte das aus, wenn sich meine Meinung nicht durchsetzt. Als Ingenieurin bin ich doch aus vielen Themen lange raus. Jetzt habe ich Experten, die an mich berichten. Wenn die mich überzeugen, dann machen wir das auch so. Männer haben mehr Probleme mit Hierarchien.

Pethe: Genau, weil immer mitschwingt, dass es nicht nur um die Entscheidung geht, sondern auch darum, die eigene Position im Wettbewerb mit den Kollegen verteidigt zu haben.

Kurz: Das mit der Kommunikation habe ich auch schon festgestellt. Wenn ich einer Frau etwas klipp und klar gesagt habe, ist das meist nicht ganz so toll angekommen.

Scharwächter: Ich sehe darin aber die Gefahr, dass solches Verhalten von einem Mann, der daneben steht, als Führungsschwäche angesehen wird. Wenn ich als Führungskraft gut sein will, muss ich beides draufhaben. Es gibt einfach Momente, in denen ich Stärke beweisen muss.

Gerade Technikerinnen wird nachgesagt, sie glaubten allen Ernstes, dass es im Meeting auf Inhalte ankommt.

Scharwächter: Je stärker es um Machtfragen geht, desto mehr spielt es eine Rolle, wie laut ich spreche, ob mir jemand ins Wort fällt - all diese Dinge.

Aber Sie wirken gewappnet.

Scharwächter: Ich werde besser. Ich habe aber auch viel Unterstützung bei BP bekommen. Wir haben vor 15 Jahren schon gemerkt, dass wir zu wenige Frauen im Haus haben. Deshalb haben wir ein Mentoring-Programm gestartet. Ich hatte zwei Jahre jemanden aus der Top-Führungsebene, den ich alles fragen konnte. Das gilt heute noch. Andererseits hat man den Frauen auch mal etwas zugetraut, man hat ihnen spannende Aufgaben gegeben, damit sie sich bewähren können.

Lassen Sie uns über Geld reden. In Studien heißt es, häufig verdienten Frauen bis zu 20 Prozent weniger als Männer in vergleichbaren Positionen.

Scharwächter: Bei der BP sind Gehaltsstufen transparent. In jeder Stufe werden Bandbreiten mitgeteilt, so dass ich sogar weiß, wo ich mich innerhalb der Spanne befinde. Ich habe bei den meisten Kollegen eine Idee, auf welchem Level sich deren Gehalt bewegt. Kann schon mal sein, dass es Unterschiede gibt, je nachdem, wie schnell sich jemand im Unternehmen nach oben bewegt hat. Aber sollte dabei eine Frau benachteiligt werden, würde sie es bemerken.

Kurz: Auch bei uns gibt es Vergütungsgruppen und Gehaltsbänder, und ich bin gleich eingruppiert wie meine Kollegen. Frauen verdienen bei der Bahn nicht weniger als Männer.

Pethe: Bei Bosch sind die Gehaltsstufen klar definiert. Sicher, es gibt auch den variablen Gehaltsanteil und unterschiedliche Verhandlungsstile zwischen Frauen und Männern. Ich bezweifle aber, dass besonders hart verhandelnde Männer damit hinterher auch langfristig erfolgreich sind.

Treten Männer anders als Frauen auf, wenn sie mehr Geld wollen?

Scharwächter: Nein, nicht mehr. Durch die transparenten Angebote laufen die Diskussionen anders. In meinem Bekanntenkreis höre ich aber schon, dass es nicht überall diese Tabellen gibt. Dann ist es für Frauen schwieriger, wenn sie nicht wissen, wo die Messlatte liegt. Im Zweifelsfall kostet es uns doch mehr Überwindung, dieses Gespräch mal anzufangen.

Haben Sie sich je erkundigt nach Frauen in Führungsfunktionen, um zu erfahren, wie das Unternehmen tickt, bevor Sie sich entschieden haben?

Scharwächter: Ich wusste von dem Mentoring-Programm. Die Frauen hatten eine Broschüre erstellt, in der zu sehen war, wie sie sich entwickelt hatten. Für mich war der Job wichtig, Entwicklungsmöglichkeiten. Aber es hat nicht geschadet, dass ich wusste, dass man mit Frauen gut umgeht. Ich habe eine Mentorin bekommen, die höchste Frau, die wir damals hatten, das hat mir enorm weitergeholfen. Für mich sind Netzwerke das A und O.

Pethe: Männer fördern Männer, Männer fördern aber auch Frauen. Ja, auch bei uns gibt es seit 1995 ein institutionalisiertes Frauennetzwerk. Ich bin nicht drin, finde es aber grundsätzlich gut, genauso wie unsere Mitgliedschaft bei „Femtec“, dem Hochschulkarrierezentrum für Studentinnen an der TU Berlin. Ich stehe bei „Femtec“-Veranstaltungen mit Rat und Tat zur Verfügung. Aus der Trainee-Zeit habe ich ansonsten mein eigenes Netzwerk - mit Frauen und Männern.

Welche Rolle spielen Vorbilder unter den weiblichen Führungskräften?

Kurz: Bahn-Personalvorstand Margret Suckale ist ein Vorbild, aber es gibt sicher noch mehr Frauen in Top-Positionen, nur kennt man die oft nicht so.

Pethe: Ich find's schade, dass der Frauenanteil unter den Entwicklern noch so niedrig ist. Ich freue mich umso mehr, wenn ich bei uns Frauen erlebe, die beweisen, es gibt Chancen voranzukommen, ohne sich zu verstellen. Es fängt bei trivialen Dingen an: Was ziehe ich an? Körpersprache: Wie halte ich einen Vortrag? Da gibt es Unterschiede. Ich kann nicht eine Präsentation halten wie ein 45 Jahre alter Mann mit breitem Kreuz und tiefer Stimme.

Scharwächter: Für mich sind Vorbilder extrem wichtig geworden. Wir haben uns an der Uni schon zusammengefunden und sind in Firmen gefahren, um dort mit Frauen zu reden, die als Ingenieurinnen gearbeitet haben. Frauen zu sehen, die begeistert vom Job sprachen und das mit einer Familie verbinden konnten, das fand ich richtig toll. Heute bin ich im Unternehmen froh über jede Frau, die sie selbst sein kann, die fröhlich und engagiert arbeitet - und Anerkennung dafür erntet. Das hilft dann auch den anderen Frauen.

Es heißt oft, der Mann ist seriös, wenn er Familie hat. Die Frau sei eine weniger verlässliche Arbeitskraft.

Scharwächter: Das Vorurteil gibt es nach wie vor. Hier sind Führungskräfte gefordert. Wir tragen als Unternehmen Verantwortung, aber auch wir Frauen sind in der Pflicht, den Kontakt zu halten, wenn wir mal aussteigen.

Kurz: Die Frau muss halt ihre Karriereziele klar bekanntgeben.

Sind Sie nach Familienplanung gefragt worden?

Pethe: Das Thema Familie sollte nicht verschwiegen werden. Ich hatte schon ein Kind, als ich hier anfing, und ich habe offen gesagt, da könnte auch noch mal ein zweites kommen. Ich war junge Mutter, mit einem sehr guten Physikexamen und einem Mann, mit dem ich mir die Aufgaben teile. ANTWORT: Ich hatte das also schon einmal geschafft. Mein Eindruck war, dass Bosch Wert auf Fach- wie auf Sozialkompetenz legt.

Scharwächter: Die großen Unternehmen gehen nicht pleite, bloß weil ein Kind geboren wird. Und Männer im gebärfähigen Alter bringen heute auch ein Risiko mit. Es gehört nicht mehr zum guten Ton, Meetings um 18 Uhr anzusetzen. Die jungen Leute helfen dabei, weil Männer in der Generation das genauso einklagen wie Frauen. Das bringt ein Unternehmen auch voran.

Wer verändert denn die Atmosphäre in den Unternehmen?

Scharwächter: Die Führungsspitze muss das unterstützen. Von Rita Süssmuth gibt es ein Zitat: Wer keine Frauenquote will, muss die Frauen wollen. Wir können nicht nur von unten nach oben drücken.

Knickt ein Kind zwangsläufig eine Karriere?

Pethe: Ich bin 29, ich habe zwei Kinder, und ich habe beruflich noch einiges vor. Das wird als Leistung anerkannt.

Scharwächter: Jungen Frauen rate ich, sich frühzeitig Gedanken zu machen über Kinder. Wir brauchen lange, bis wir mit der Ausbildung fertig sind, dann kommt die Karrierezeit. Denken Sie darüber nach, wie Sie das miteinander verbinden wollen.

Was haben Sie voneinander gelernt?

Scharwächter: Wir Frauen bewegen immer noch dieselben Themen. Irgendwie tut sich was, aber es tut sich nicht alles auf einmal. ANTWORT: Aber wir dürfen nicht einfach nur wie die Männer werden. Diversity haben wir in allen Unternehmen auf dem Zettel, aber es bringt ja nur was, wenn wir so bleiben, wie wir sind. Wenn der Fußballtrainer zum Jungen sagt, du schießt links ins Tor, dann schießt er links ins Tor. Wenn er das einem Mädchen sagt, fragt es, ob es nicht lieber nach rechts schießen kann, denn links könne es ganz schlecht. Und je nach Führungskraft heißt es: Was ist los? Will die mit mir diskutieren?

Pethe: Da habe ich einen Trick gelernt. Ich sage: Klar schieße ich links rein. Danach überlege ich mir in Ruhe, ob ich nicht doch rechts schieße. Dann erst treffe ich meine Entscheidung. Das klappt bestens mit den Männern.

Dorothee Pethe

Jahrgang 1978, verheiratet, zwei Kinder, Studium an der TU Darmstadt, Diplom-Physikerin, seit Februar 2004 bei Bosch, bis Januaar 2006 als Trainee in Forschung und Entwicklung, seitdem Koordinatorin des Entwicklungsprojekts neue Generation ABS/EPS bei Chassis Systems Control, Robert Bosch GmbH, Abstatt

Ulrike Scharwächter

Jahrgang 1961, verheiratet, Studium an der RWTH Aachen, Dipl-Ing. Maschinenbau, Vertiefungsrichtung Kunststoffverarbeitung; 1990 bis 1998 leitende Funktionen bei Exxon Chemical in Köln und Brüssel; seit 1999 bei BP, seit Juni 2006 Bereichsleiterin mit Verantwortung für 16 firmeneigene Mineralöllager; Verantwortung für Investitionsprojekte zur Erweiterung und Instandhaltung der Lager in mehreren europäischen Ländern; Führung von 160 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von 75 Millionen Euro

Tanja Kurz

Jahrgang 1975, verheiratet, Studium an der Uni Stuttgart, Dipl.-Ing. Bauingenieurwesen, Fachrichtung Konstruktiver Ingenieurbau, Praktikantin bei Ed. Züblin AG in der Kalkulationsabteilung Rohbau; seit Februar 2003 als Ingenieurin bei der DB Projektbau GmbH im Projekt Neu-Ulm 21 / Donaubrücke

Das Gespräch moderierte Thomas Reinhold

Quelle: F.A.Z.
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