18.05.2009 · Großkanzleien stellen in der Krise weniger ein. Kein Grund zur Trübsal für gute Juristen. Es ist ihre Chance, sich auf ungewohnte Gebiete zu wagen.
Von Melanie AmannVielleicht ist jetzt für gute Nachwuchsjuristen der Moment gekommen, das „Nader“-Prinzip zu befolgen. Ralph Nader, amerikanischer Politiker, Jurist und zeitweise Präsidentschaftskandidat, liegt Amerikas Jura-Studenten seit Jahren in den Ohren: Lasst euch nicht von großen Anwaltsfabriken aufsaugen, verkauft nicht Eure Ideale, besinnt euch auf die soziale Aufgabe von Rechtsberatern!
Die Großkanzleien, die mit Schecks wedelnd, durch Eliteuniversitäten tourten, erstickten mit ihren Dinners, Summer Schools und Ski-Wochenenden allen Idealismus. Drei Tatsachen müsse jeder Jurist begreifen, schrieb Nader einst in einer Studentenzeitschrift:
1. Anwälte können die Gesellschaft verändern.
2. Schon Jura-Studenten können die Gesellschaft verändern.
3. Aber so gut wie alles und jeder wird während Ihres Studiums versuchen, Sie genau davon abzuhalten.
Auch in Deutschland haben Großkanzleien in den vergangenen Jahren viele gute Absolventen aufgesogen. Wer sich ausgestattet mit guten Examina, einem Auslandsjahr, vielleicht sogar einer Doktorarbeit in der Schublade auf Job-Suche begab, der suchte meist nicht lang. 80 000, 90 000, bis zu 120000 Euro zahlten die Law Firms neuen Arbeiterbienen, die Dokumente sichteten, Verträge aufsetzten, und die Übernahmen und Fusionen (M&A) vorbereiteten. Auf den Ranglisten der beliebtesten Arbeitgeber für Jura-Studenten besetzen Großkanzleien seit Jahren sämtliche Plätze, nur das Auswärtige Amt kann daneben bestehen.
„M&A ist auf dem Tiefstand, Private Equity am Boden“
Aber die fetten Jahre sind vorbei. „M&A ist auf dem Tiefstand, Private Equity am Boden“, klagte Thomas Müller, Partner der Kanzlei Hengeler Mueller jüngst auf einer Podiumsdiskussion. „Die Großkanzleien sind sehr zurückhaltend in ihrer Einstellungspolitik“, sagt Mathieu Klos, der als Redakteur des Ausbildungsmagazins Azur den Markt beobachtet. „Sie sagen nur öffentlich, dass sie weiter Leute einstellen, um Präsenz auf dem Markt zu zeigen.“ Die besten 5 Prozent eines Jahrgangs hätten keine Schwierigkeiten, „aber mit nur einer Prädikatsnote und ohne weitere Qualifikationen hat man es viel schwerer.“ Zudem trennen sich viele Sozietäten von Mitarbeitern mit zwei, drei Jahren Erfahrung, um Platz zu schaffen. Wohin zieht es also gute Anwälte und Absolventen in dieser Situation, wo gibt es für sie Chancen?
Es gibt sie in klassischen Gebieten, die auch Ralph Nader zufriedenstellen würden: Verbraucherschutzrecht, Arbeitsrecht, Insolvenzrecht. Für manche ist die Krise auch die Chance, abseitigere Beratungsfelder anzugehen, die von etablierten Kanzleien noch nicht so abgegrast wurden: zum Beispiel die urheberrechtliche Beratung für die virtuelle Rechtswelt, oder neue Dienstleistungen wie Prozess-PR oder Mediation.
Arbeitgeber Staat
Außerdem nehmen viele qualifizierte Absolventen derzeit einen Arbeitgeber in den Fokus, den sie zeitweise ignorierten: der Staat. „Allein in Nordrhein-Westfalen fehlen mehr als 500 Richter und 200 Staatsanwälte“, sagt Reiner Lindemann, Vorsitzender des dortigen Richterbundes. Die Engpässe gebe es vor allem an Amtsgerichten, aber auch an Arbeitsgerichten. „In den vergangenen Jahren hatten wir im Bezirk Düsseldorf und Hamm den Eindruck und die Sorge, dass es immer weniger qualifizierte Bewerber gibt.“ In der Krise meldeten sich nun spürbar mehr Kandidaten – vor allem auch wieder mehr Männer. Je nach Bundesland falle der Bedarf nach Richtern natürlich unterschiedlich groß aus, aber eine Bedarfsstudie der Landesjustizminister habe ergeben – Lücken gibt es überall.
Auch Peter Huber, Professor an der Universität München und Sprecher des Juristen-Fakultätentages beobachtet, dass der Staat wieder attraktiver für gute Absolventen wird – „es gibt dort auch wieder deutlich mehr Stellen“. Personalreferenten der Ministerien berichteten ihm von einem „Besinnungsprozess“ der Juristen: Nach fünf Jahren Unternehmensberatung oder Kanzlei ziehe es viele in den öffentlichen Dienst, und das durchaus aus Idealismus.
Schwer planbar
„Leider ist der Weg in den öffentlichen Dienst oder in eine NGO nicht gut planbar“, sagt Tim Rusche. Der Jurist hat nach dem Studium in Köln und Paris zwei Jahre als McCloy-Stipendiat in Harvard verbracht, heute arbeitet er in der Transportdirektion der EU-Kommission. „Die Kanzleien rollen den roten Teppich aus, den Weg zum Staat muss man selbst suchen.“ Noch hielten es Behörden und Gerichte offenbar nicht für nötig, für sich zu werben. Umgekehrt öffneten die noch weitgehend kostenlosen Universitäten sich für Kanzleiwerbung.
Allerdings bietet der Non-Profit-Sektor, auf dem ein Ralph Nader gute Jung-Anwälte gern sähe, deutschen Juristen wenig Potential. Wohlfahrtsverbände wie das Rote Kreuz, NGOs wie Human Rights Watch oder große Stiftungen berichten, dass sie sich wenige eigene Vollzeit-Juristen leisten. Die alltägliche Beratung leisten oft ehrenamtliche Kräfte – zunehmend schmücken sich Großkanzleien mit solchen Pro-bono-Mandaten.
Mittelständler als Alternative
Wohin also noch mit jenen, die nicht zum großen Geld gehen können, aber auch nicht pro bono arbeiten wollen? „Mittelständische Kanzleien können kein Einstiegsgehalt von 100.000 Euro bieten. Aber hier ist man kein juristischer Sachbearbeiter und Durchlauferhitzer, sondern kann sich zum anwaltlichen Unternehmer entwickeln“, sagt Michael Henn, Sprecher der Deutschen Anwalts- und Steuerberatervereinigung für die mittelständische Wirtschaft. „Die Kandidaten kennen oft die guten, kleineren Namen nicht.“ Aber wer es versuche, könne sie finden: über örtliche Anwaltvereine, auf Messen und über Stellenanzeigen in Fachzeitschriften. Das Geschäft sei krisensicher: Arbeitsrecht, Erbrecht, Gründungsberatung seien auch in der Krise gefragt, zählt Henn auf. „Die Krise verschafft den mittelgroßen Kanzleien wieder bessere Bewerber. Ein Stück weit kommen sie aus der Not heraus. Aber mit der Zeit dürften viele Nachwuchskräfte einen Sinneswandel erleben.“
Auch Hermann Plagemann, Anwalt in Frankfurt und Professor an der Universität Mainz, bemüht sich um einen Sinneswandel seiner Studenten. Mit seinem Fachgebiet, dem Sozialrecht, hat er es aber bei den meisten schwer. „Man wird mit Sozialrecht nie so viel verdienen wie mit M&A. Sie kommen nicht mal in Reichweite dieser Summen.“ Der Gesetzgeber kappe die Honorare, und Gewerkschaften und Sozialverbänden machten Anwälten gehörig Konkurrenz. „Aber der Berufsalltag ist mehr als nur juristische Ableitung, man sucht Lösungen für elementare menschliche Probleme, das ist hochinteressant.“ Der Markt für Renten- und Krankenversicherungsrecht wachse, denn Einschnitte des Gesetzgebers sorgten stets für Konfliktstoff. „Wer sich geschickt aufstellt, etwa noch mit Arbeitsrecht und Verbraucherschutzrecht, kann viel erreichen“, sagt Plagemann.
Oder wie Ralph Nader sagen würde: „The choice is yours. And its coming fast.“
Praxisfremder Beitrag zum milde Lächeln
Thomas N (Bulla2000)
- 18.05.2009, 13:06 Uhr
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge