Vorbei die Zeiten, als mit dem Jura-Examen die Karriere gesichert war. Auch Top-Juristen würden heute oft durch Betriebswirte ersetzt, sagt Personalberater Marc-Oliver Günther. Doch der Trend zum Jurastudium sei ungebrochen. Absolventen müssten sich Nischen suchen.
Welche Chancen bieten sich Juristen ohne Prädikatsexamen?
Die Karriereperspektiven sind sehr unterschiedlich, denn es gibt eine große Spannbreite unterhalb des Prädikats. Auch mit zwei soliden Befriedigend-Noten in den beiden Examina ist die Karriere nicht von vorneherein ausgeschlossen. Es gibt dann immer noch die Möglichkeit, in die Rechtsabteilung einer Bank oder eines Konzerns zu gehen. Das hängt auch davon ab, welche Praktika man gemacht hat und welchen Schwerpunkt man gewählt hat. Mit zwei Abschlüssen im Bereich Ausreichend wird aber selbst der Einstieg in kleinere Kanzleien schwierig.
Hat sich die Lage der Juristen in den vergangenen Jahren verschlechtert?
Wir sehen eine dramatische Verschiebung. Vor zwanzig Jahren war mit dem Juristenticket die Karriere quasi gesichert. Juristen waren überall im Konzern, auch im Management. Jetzt beobachten wir, dass auch Top-Juristen durch Betriebswirte ersetzt werden. Zugleich ist der Trend zum Jurastudium ungebrochen. Die Juristen können gar nicht mehr alle aufgefangen werden, so dass sie sich Nischen suchen müssen.
Welche Möglichkeiten bieten sich außerhalb derAnwaltslaufbahn?
Man kann Wege einschlagen, die nichts mit dem Anwaltsberuf zu tun haben. Im Versicherungsbereich sehen wir schon Volljuristen als Versicherungssachbearbeiter. Im Bankbereich kann man etwa die Filialleiterkarriere als Privat- oder Firmenkundenbetreuer einschlagen. Die Spannbreite gab es schon immer, aber früher musste man sie nicht ausnutzen. Jetzt macht die schiere Masse es notwendig, auch nach rechts und links zu schauen. Allerdings kann das ja auch ein guter Einstieg sein: Kanzleien suchen manchmal in Nischen Spezialisten mit Berufserfahrung. Dann nehmen sie auch mal jemanden ohne Prädikatsexamen. Auch die Position als Unternehmensjurist wird immer attraktiver.
In Kanzleien bieten sich ja schon ganz unterschiedliche Funktionen.
Kanzleien werden immer mehr zu Unternehmen, in denen viele Nicht-Juristen arbeiten. Das bietet neue Chancen für Absolventen, die nach dem ersten Examen merken, dass sie sich mit Jura vergriffen haben. Seit einigen Jahren gibt es einige neue Management- und Spezialistenfunktionen wie Marketing oder im Bereich Rekrutierung. Das sind meist Querschnittsfunktionen, die früher die Partner zusätzlich erledigt haben.
Wie sollten sich Jura-Studenten auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten?
Der Fokus auf die Examina ist richtig, aber denjenigen, die eine Affinität zur Wirtschaft haben, kann man nur dringend raten, dort schon im Studium möglichst verschiedene Praktika zu machen, auch im Ausland.
Gehört das nicht zum Standard?
Leider nur bei den Absolventen, die sowieso mit guten Noten glänzen. Ab einem bestimmten Punkt im Studium muss man sich entscheiden, wo man hin will. Das Ergebnis des Examens kann man durch Lernen nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Da ist immer Glück dabei. Umso verwunderlicher ist es, dass vielfach die Zielgerichtetheit fehlt.
Wie wichtig ist heute eine Promotion?
Es gibt Traditionskanzleien, in denen sie noch sehr wichtig ist. Doch seit immer mehr angelsächsische Kanzleien in den deutschen Markt strömen, verliert sie etwas an Bedeutung. Dafür wird der angelsächsische LL.M. immer wichtiger, und ein MBA für die Absolventen, die in die Wirtschaft streben. Entscheidend ist vor allem eine frühe Fokussierung: Man sollte zu Ende des Studiums schon ein gewisses Profil haben.
