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Junior Professional Officers Raus in die Welt

13.07.2011 ·  In internationalen Organisationen Karriere machen - das hört sich spannend an. Aber wie kommt man überhaupt dorthin? Fünf Beispiele aus Genf.

Von Sven Astheimer
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Das Zentrum der französischsprachigen Schweiz zählt zu den teuersten Städten der Welt, die Seelage und der nahe Mont Blanc bescheren der Region einen hohen Freizeitwert. Die nach Zürich mit 200.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes beherbergt neben den bekanntesten Uhrenherstellern auch rund 25 internationale Organisationen. Vor allem ist sie neben New York, Wien und Nairobi Sitz der Vereinten Nationen und Standort für die Büros zahlreicher Unterorganisationen. Damit deutsches Personal vor Ort angemessen vertreten ist, hat die Bundesregierung mit vielen Organisationen „Abkommen zur Förderung von deutschen Nachwuchskräften“ geschlossen. Was auf deutsch etwas technokratisch Beigeordnete Sachverständige heißt, ist international bekannt unter der Abkürzung JPO: Junior Professional Officers. Im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums wählt das „Büro Führungskräfte zu Internationalen Organisationen“ (BFIO) nach einem mehrstufigen Verfahren die Kandidaten aus, die den Organisationen vorgeschlagen werden. Gefragt sind Akademiker aus fast allen Bereichen, von Juristen über Sozial- und Politikwissenschaftler sowie Ökonomen bis hin zu Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. Gefordert werden unter anderem verhandlungssichere Kenntnisse in Englisch sowie in einer der anderen Amtssprachen der Vereinten Nationen (Französisch, Spanisch, Arabisch, Russisch, Chinesisch), von deutschen Bewerbern auch Berufserfahrung. Außerdem gilt eine Altersgrenze von 32 Jahren. Die Bezahlung läuft über das UN-Vergütungssystem, das Grundgehalt beträgt 44.500 Dollar (rund 30.000 Euro); hinzu kommen standortabhängige Zulagen. Für ein teures Pflaster wie Genf kann somit nahezu das Doppelte herauskommen. Der Vertrag läuft über ein Jahr, eine Verlängerung um ein weiteres ist möglich.

Am liebsten Südsudan
Ausgerechnet Sudan. Genauer gesagt: Südsudan. „Das ist ein ganz neues Land und sehr spannend“, sagt Anne Wittenberg, „da würde ich sehr gerne hingehen.“ Die Bewerbung hat sie eingereicht. Wenn alles klappt, dann kann die 32-Jährige im Herbst ihre Koffer packen und im jüngsten Staat Afrikas ihre neue Stelle antreten. In einem Land, in dem fast alles neu aufgebaut werden muss. Auch die Vereinten Nationen, rund um den Globus präsent, betreten dort Neuland. Wittenberg will raus und sie muss auch raus. Seit zwei Jahren macht sie in Genf Öffentlichkeitarbeit für UNFPA, das Bevölkerungsprogramm der Vereinten Nationen. Um ihre Chancen auf eine anschließende Festanstellung zu erhöhen, muss sie im dritten Jahr die beschauliche Schweiz verlassen und „raus ins Feld“, wie das in der Organisation heißt. Dass sie raus will, hat die im fränkischen Lauf aufgewachsene Frau schon während ihres Soziologiestudiums gemerkt. Sie nahm teil an einer Konferenz in Brüssel, „und damit war mein Berufswunsch klar“. Sie sammelte anschließend Erfahrungen durch ein Praktikum im Büro einer Europa-Parlamentarierin, das sie nach dem Abschluss fünf Jahre lang leitete.

„Nach Brüssel wollte ich eine Stufe weitergehen und die logische Konsequenz waren für mich die Vereinten Nationen“, erzählt sie. Frauen- und Entwicklungsthemen haben sie früh interessiert, da lag der Wechsel zu UNFPA nahe. Es bringt sie in Rage, dass 99 Prozent der Müttersterblichkeit auf Entwicklungsländer entfallen und dass ein notwendiger Kaiserschnitt vielerorts wegen der fehlenden medizinischen Versorgung immer noch einem Todesurteil für die Mutter gleichkommt. Deshalb hat UNFPA mobile Kliniken zur Geburtshilfe: Zelte, die zum Beispiel in Flüchtlingslagern aufgebaut werden.

Und wenn der Südsudan nicht klappt? Wittenberg hat sich auch für einen Einsatz in Afghanistan beworben. Diesen Fall, räumt sie ein, sieht dann auch ihre Familie kritisch, die sie sonst sehr unterstützt. „Meine Schwester sagt, mir fehle die nötige Angst für einen solchen Einsatz.“ In den Südsudan oder nach Afghanistan können keine Mitarbeiter mit Familien gehen. „Das empfinde ich als die größte Entbehrung in meinem Beruf“, sagt Wittenberg. Die hohe Flexibilität und die mangelnde Planbarkeit lassen die Gründung einer eigenen Familie momentan einfach nicht zu. Noch entschädige sie ihre Arbeit jedoch reichlich für diese Entbehrungen: „Man bekommt unheimlich viel zurück.“

Strategien für Afrika
Den Wohnungsmarkt in Genf kennt Kai Sülzle mittlerweile. Als der Ökonom vor fast vier Jahren zum International Trade Centre kam, einer Organisation, die kleinen und mittelgroßen Unternehmen in Entwicklungsländern hilft, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und ihre Produkte zu exportieren, bezog er ein möbliertes Appartement zur Untermiete. Dort wohnt er noch immer. Denn mit seinem mittlerweile kurzfristigen Arbeitsvertrag werde er nicht als Hauptmieter akzeptiert, weiß der 35-Jährige heute, ordentliches Gehalt hin oder her. Gleichwohl gehört die Wohnungssuche für den Münchner zu den nachhaltigen Erfahrungen im Schmelztiegel Genf, wo auf kleiner Fläche „High Potentials“ aus aller Welt zusammenkommen, aber auch konkurrieren.

Man nehme häufig an Bewerbungsverfahren für interessante Herausforderungen teil, beschreibt er das UN-System, „das kann mitunter zeitintensiv sein“. Sein Rat lautet, sich früh eine fachliche Nische zu suchen und Netzwerke zu knüpfen. „Eigeninitiative kann dabei sehr förderlich sein.“ Wer sich zu lange Zeit lasse, stehe am Ende womöglich mit leeren Händen da. Diese Sorge hegt er persönlich nicht, sondern ist zuversichtlich, dass es in absehbarer Zeit mit einer längerfristigen Anstellung klappen könnte. Der promovierte Volkswirt mit Erfahrungen in der Privatwirtschaft sowie einer mehr als fünfjährigen Forschungstätigkeit am Münchner Ifo-Institut hätte sicher auch gute Chancen am deutschen Arbeitsmarkt. Doch derzeit hat er nicht die Absicht, das UN-System so schnell zu verlassen. Denn in der Summe überwiegen für Sülzle eindeutig die positiven Erfahrungen. „Vor allem die Chance, in internationalen Teams gemeinsam Projekte voranzubringen, motiviert mich jeden Tag aufs Neue.“ Gerade leitet Sülzle ein Projekt, das sich mit der Verbesserung der internen Kostenabwicklung seiner Organisation befasst. Außerdem arbeitet er mit an einer Strategie zur Integration afrikanischer Bauern in regionale und internationale Märkte.

Mobil mit Bergpanorama
Mobilität gehört zweifellos zu den Lieblingsvokabeln vieler Personalmanager, wenn es um Anforderungsprofile geht. Für Janna Groh wiederum bedeutete Personalarbeit die Chance, ihr Bedürfnis nach Mobilität mit dem Psychologie- und Fremdsprachenstudium zu vereinbaren. Seit eineinhalb Jahren betreut sie für die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) das Praktikantenprogramm und den Austausch mit nationalen Ministerien. Auf einem der scheinbar endlosen, mit grünem Teppich im Siebziger-Jahre-Look ausgekleideten Gänge liegt ihr Büro, das Fenster bietet einen Blick auf das Bergpanorama. „Mobilität war mir schon im Studium ein Bedürfnis und auch Thema meiner Abschlussarbeit“, sagt die 33 Jahre alte Berlinerin.

Einem Auslandssemester im italienischen Padua folgt nach dem Abschluss der Wechsel nach Paris, wo sie an Universitäten Wirtschaftsdeutsch unterrichtete. Im Jahr 2005 nimmt sie das Angebot des Unterhaltungskonzerns Sony an und wechselt in dessen Personalabteilung nach Berlin. Mit der Verlagerung des Europa-Hauptquartiers nach London zieht auch Groh von der Spree an die Themse. Die länderübergreifende Zusammenarbeit in dem internationalen Konzern bietet die Möglichkeit, ihre Sprachkenntnisse zur Geltung zu bringen. Nach drei Jahren im Beruf nimmt sie jedoch eine Auszeit und reist ein halbes Jahr durch Lateinamerika - ein Plan, den sie schon lange geschmiedet hatte. Ihren 30. Geburtstag feiert Groh in Rio de Janeiro und fasst den Entschluss, wieder in den Beruf einzusteigen. In Gütersloh begleitet sie im Medienkonzern Bertelsmann Führungskräftetrainings, was sie als spannend beschreibt. Doch als sie den Zuschlag für Genf bekommt, tauscht sie Ostwestfalen gegen die Schweiz.

Janna Groh weiß auch um die Gefahren im Genfer Biotop: Wer zu lange dort ist, häuft womöglich ein Spezialwissen an, das in der privaten Wirtschaft nicht gefragt ist. Dann wird der Weg zurück mitunter schwierig. Deshalb müsste gerade die Personalexpertin eigentlich über die weitere Planung ihrer Karriere gründlich und strategisch nachdenken. „Aber ich habe mir wohl noch nie so wenig Gedanken darüber gemacht wie im Moment“, sagt sie mit einem erfrischenden Lachen.

Schiedsrichter gesucht
Es muss auch für Juristen nicht immer gleich der Gang vor Gericht sein. Wenn Judith Schallnau ins Spiel kommt, geht es darum, einen Streit außergerichtlich beizulegen. Die 34 Jahre alte Berlinerin arbeitet für das Schieds- und Mediationszentrum der World Intellectual Property Organization (WIPO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich mit dem Schutz des geistigen Eigentums beschäftigt.

Jeden Tag passiert es, dass zwischen Unternehmen Konflikte entstehen über Patentlizenzen, Vertragsstatuten, Gebühren oder auch um Domains im Internet. Ein Gerichtsverfahren ist oft langwierig, teuer und öffentlich und deshalb häufig nur die Ultima Ratio. Ein Schiedsverfahren oder eine Mediation für eine einvernehmliche Einigung liegen da oft näher. Doch wie findet man einen Schiedsrichter oder Mediator, den beide Seiten akzeptieren? Gerade in internationalen Konflikten müssen Sach- und Sprachkenntnisse vorhanden sein, gleichzeitig aber die Neutralität gewährleistet sein. „Dann treten wir als Dienstleister in Aktion“, sagt Schallnau. Durch ein großes Netzwerk werden die Konfliktparteien bei der Suche unterstützt und beraten.

„Die Arbeit macht mir viel Freude, sie ist abwechslungsreich, und man sieht konkrete Ergebnisse.“ Wichtig sei es für sie, sich und ihre Arbeit weiterzuentwickeln, zum Beispiel durch Schwerpunktsetzung auf Streitbeilegung im Bereich Forschung und Entwicklung. Statt in einem Büro im neuen, lichtdurchfluteten WIPO-Gebäude könnte die Spezialistin für gewerblichen Rechtsschutz und internationale Streitbeilegung heute auch in einer Kanzlei oder einem Unternehmen sitzen. „Aber die Internationalität hat mich schon immer gereizt.“

Impfstoffen auf der Spur
Julia Schmitz ist schon oben angekommen - zumindest geographisch. Denn das Hauptquartier der Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO, liegt oben auf dem Hügel im internationalen Viertel von Genf. Aber auch beruflich hat die 34 Jahre alte Molekularbiologin schon einiges vorzuweisen. Malaria, Aids, Dengue-Fieber - in der Abteilung, in der Schmitz arbeitet, geht es um jene Krankheiten, die vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch Millionen Menschen bedrohen. Auf der ganzen Welt wird in vielen Projekten nach Impfstoffen geforscht. „Die WHO“, sagt Schmitz, „behält dabei global den Überblick und erarbeitet Standards und Empfehlungen für die Entwicklung und Einführung von Impfstoffen in den Mitgliedstaaten.“

Wie ist der neueste Stand der Laborforschung, welche Ergebnisse liefern aktuelle klinische Studien, wie sieht der Zugang zu Impfstoffen in verschiedenen Ländern aus? Die entsprechenden Berichte und Projekte der WHO stoßen in den betroffenen Staaten ebenso auf Interesse wie in Geberländern oder bei privaten Stiftungen.

Nach einem sechsmonatigen Traineeprogramm im Bereich Gesundheit bei der Europäischen Kommission arbeitete Schmitz für ihre Promotion drei Jahre lang in der Krebsforschung. Anschließend konnte sie als Referentin für Biotechnologie im Bundeswirtschaftsministerium ihr Interesse für politische Prozesse optimal mit ihrer Ausbildung verbinden. Eine spannende Aufgabe, wie sie heute findet, die nur der Lockruf aus Genf beenden konnte. Zu den Vorzügen in der WHO zählt sie unter anderem, „dass hier sehr interdisziplinär gearbeitet wird und die Fortbildungsmöglichkeiten hervorragend sind“. Dass der angestrebte Anschlussvertrag noch keine unbefristete Übernahme verheißt, stört Schmitz dabei wenig: „Mir persönlich ist ein interessantes Arbeitsumfeld mit guten Entwicklungsmöglichkeiten wichtiger als ein möglichst sicherer Job.“

Mehr Informationen: www.bfio.de

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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