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Introvertierte im Beruf Die Stillen haben viel zu sagen

Berufliche Leistung zählt oft erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist: Während der Präsentation, beim Kantinen-Smalltalk, auf der Visitenkartenparty. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen. Und für die andere Hälfte?

© Illustration: Cyprian Koscielniak Test: Sind Sie introvertiert oder extrovertiert?

Eine Botschaft zieht sich leitmotivisch durch die Karriereratgeber: Ohne gescheite Selbstvermarktung gelingt kein beruflicher Aufstieg. Wir leben in einer auf Außenwirkung gepolten Arbeitswelt. Die Leistung zählt erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist, morgens bei der Präsentation, mittags beim Kantinen-Smalltalk mit dem Vorgesetzten, nachmittags beim Kundenkontakt und abends auf der Visitenkartenparty des Berufsverbands. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen, die sich mit ihrem überbordenden Mitteilungsbedürfnis als Alphatier quasi artgerecht entfalten können. Ein Albtraum für die andere Hälfte der introvertierten Persönlichkeiten, die lieber konzentriert der Arbeit nachgeht, gute Ergebnisse abliefert, diese aber nicht ausführlich referieren mag und sich prompt das Etikett „Eigenbrötler“ einfängt.

Ursula  Kals Folgen:

Manchmal möchten sie den toughen Kollegen zurufen: „Arbeitet ihr eigentlich etwas oder performt ihr nur?“, klagt eine Münchener Juristin, die sich zu den introvertierten Zeitgenossen zählt. Die 45 Jahre alte Arbeitsrechtlerin liebt ihre Arbeit als Angestellte einer Kanzlei: Sie sitzt allein im Büro, arbeitet sich akribisch durch Akten, ersinnt eine Strategie, die sie mit einem Kollegen bespricht und dann kurz und bündig vor dem Team referiert. Anders die meisten ihrer aufstiegsorientierten Kollegen. Die handelten nach dem Motto, dass noch nicht von jedem zu allem etwas gesagt worden ist, und verlören sich in Wiederholungen und rhetorischer Schaumschlägerei. „Diese exaltierte Dampfplauderei geht mir unsäglich auf die Nerven“, sagt die sportliche Frau im gedeckten Kostüm. Sie leidet darunter, als sachorientiert und bisweilen arrogant wahrgenommen zu werden. „So, als stamme ich von einem anderen Planeten.“

Introvertierte legen weniger Wert auf Belohnung

Dass sie Lob und Anerkennung weniger strahlend goutiert als ihre dominant auftretenden Kollegen, passt zu ihr. Introvertierte seien darauf programmiert, weniger Wert auf Belohnungen zu legen, hat der Psychologe Joseph Newman von der Universität Wisconsin herausgefunden. Sie sind eher uneitel, bremsen ihre Begeisterung aus, begegnen einem möglichen Gefühlsüberschwang eher mit Misstrauen. Das wiederum befremdet Menschen, die sich am liebsten selbst gerne auf die Schulter klopfen würden. „Introvertierte Menschen wirken stiller, auf manche Menschen wahrscheinlich auch reserviert und distanziert oder schüchtern, wobei introvertiert nicht mit schüchtern oder sozial ängstlich gleichzusetzen ist“, sagt die Berliner Psychologin Julia Paruch. Zwar drängt es Introvertierte nicht ins Scheinwerferlicht eines Rednerpults, aber ihnen bricht auch nicht wie etwa bei extrem Schüchternen der Angstschweiß aus. So eine Situation vor Publikum ist ritualisiert, Introvertierte stellen sich darauf ein, meist lieber, als dass sie sich auf einen großen Empfang zwingen, wo sie mit lauter Fremden konfrontiert werden. Entscheidend ist, die Angst zu akzeptieren.

„Die Evolution hat keinen der beiden Typen aussortiert, die Welt braucht beide. Diejenigen, die aus der Mammuthöhle preschen und jagen, und diejenigen, die warnen, Achtung, es ist neblig, da lauert der Säbelzahntiger“, sagt Sylvia Löhken, die über das Wirken stiller Menschen schon publiziert hat . „Bei Personalverantwortlichen war das schon immer ein Thema, aber das ist jetzt besser ausbuchstabiert.“ Die Sprachwissenschaftlerin aus Bonn ist keineswegs der Auffassung, dass stille Menschen für ein Leben in zweiter Reihe prädestiniert sind und regelmäßig übergangen werden. „Wir haben schließlich eine introvertierte Bundeskanzlerin, die einen ganz anderen Machtstil als ihr Vorgänger hat.“

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