http://www.faz.net/-gyl-78hsu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 18.04.2013, 16:20 Uhr

Introvertierte im Beruf Die Stillen haben viel zu sagen

Berufliche Leistung zählt oft erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist: Während der Präsentation, beim Kantinen-Smalltalk, auf der Visitenkartenparty. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen. Und für die andere Hälfte?

von
© Illustration: Cyprian Koscielniak Test: Sind Sie introvertiert oder extrovertiert?

Eine Botschaft zieht sich leitmotivisch durch die Karriereratgeber: Ohne gescheite Selbstvermarktung gelingt kein beruflicher Aufstieg. Wir leben in einer auf Außenwirkung gepolten Arbeitswelt. Die Leistung zählt erst dann, wenn sie ins rechte Licht gerückt worden ist, morgens bei der Präsentation, mittags beim Kantinen-Smalltalk mit dem Vorgesetzten, nachmittags beim Kundenkontakt und abends auf der Visitenkartenparty des Berufsverbands. Ein herrliches Terrain für extrovertierte Menschen, die sich mit ihrem überbordenden Mitteilungsbedürfnis als Alphatier quasi artgerecht entfalten können. Ein Albtraum für die andere Hälfte der introvertierten Persönlichkeiten, die lieber konzentriert der Arbeit nachgeht, gute Ergebnisse abliefert, diese aber nicht ausführlich referieren mag und sich prompt das Etikett „Eigenbrötler“ einfängt.

Ursula  Kals Folgen:

Manchmal möchten sie den toughen Kollegen zurufen: „Arbeitet ihr eigentlich etwas oder performt ihr nur?“, klagt eine Münchener Juristin, die sich zu den introvertierten Zeitgenossen zählt. Die 45 Jahre alte Arbeitsrechtlerin liebt ihre Arbeit als Angestellte einer Kanzlei: Sie sitzt allein im Büro, arbeitet sich akribisch durch Akten, ersinnt eine Strategie, die sie mit einem Kollegen bespricht und dann kurz und bündig vor dem Team referiert. Anders die meisten ihrer aufstiegsorientierten Kollegen. Die handelten nach dem Motto, dass noch nicht von jedem zu allem etwas gesagt worden ist, und verlören sich in Wiederholungen und rhetorischer Schaumschlägerei. „Diese exaltierte Dampfplauderei geht mir unsäglich auf die Nerven“, sagt die sportliche Frau im gedeckten Kostüm. Sie leidet darunter, als sachorientiert und bisweilen arrogant wahrgenommen zu werden. „So, als stamme ich von einem anderen Planeten.“

Introvertierte legen weniger Wert auf Belohnung

Dass sie Lob und Anerkennung weniger strahlend goutiert als ihre dominant auftretenden Kollegen, passt zu ihr. Introvertierte seien darauf programmiert, weniger Wert auf Belohnungen zu legen, hat der Psychologe Joseph Newman von der Universität Wisconsin herausgefunden. Sie sind eher uneitel, bremsen ihre Begeisterung aus, begegnen einem möglichen Gefühlsüberschwang eher mit Misstrauen. Das wiederum befremdet Menschen, die sich am liebsten selbst gerne auf die Schulter klopfen würden. „Introvertierte Menschen wirken stiller, auf manche Menschen wahrscheinlich auch reserviert und distanziert oder schüchtern, wobei introvertiert nicht mit schüchtern oder sozial ängstlich gleichzusetzen ist“, sagt die Berliner Psychologin Julia Paruch. Zwar drängt es Introvertierte nicht ins Scheinwerferlicht eines Rednerpults, aber ihnen bricht auch nicht wie etwa bei extrem Schüchternen der Angstschweiß aus. So eine Situation vor Publikum ist ritualisiert, Introvertierte stellen sich darauf ein, meist lieber, als dass sie sich auf einen großen Empfang zwingen, wo sie mit lauter Fremden konfrontiert werden. Entscheidend ist, die Angst zu akzeptieren.

„Die Evolution hat keinen der beiden Typen aussortiert, die Welt braucht beide. Diejenigen, die aus der Mammuthöhle preschen und jagen, und diejenigen, die warnen, Achtung, es ist neblig, da lauert der Säbelzahntiger“, sagt Sylvia Löhken, die über das Wirken stiller Menschen schon publiziert hat . „Bei Personalverantwortlichen war das schon immer ein Thema, aber das ist jetzt besser ausbuchstabiert.“ Die Sprachwissenschaftlerin aus Bonn ist keineswegs der Auffassung, dass stille Menschen für ein Leben in zweiter Reihe prädestiniert sind und regelmäßig übergangen werden. „Wir haben schließlich eine introvertierte Bundeskanzlerin, die einen ganz anderen Machtstil als ihr Vorgänger hat.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kommentar Elternschaft und Karriere

Eltern, so dachten die Chefs lange, möchte eigentlich keiner bei sich im Team haben. Eltern fallen ständig aus, weil die Kinder krank werden oder die Kita zu kurz auf hat. Gilt das heute noch? Mehr Von Nadja Wolf

24.07.2016, 06:14 Uhr | Beruf-Chance
Hochwasser und Waldbrände Viele Tote bei Naturkatastrophen in Amerika

In West Virginia starben infolge von Hochwasser 26 Menschen. Auch an der Westküste Amerikas kamen Menschen ums Leben. Durch das Zentrum des Bundesstaats Kalifornien frisst sich seit Tagen ein Waldbrand, der bisher zwei Menschen das Leben gekostet hat. Mehr

26.06.2016, 17:52 Uhr | Gesellschaft
Konvent der Republikaner Was von der Trump-Show übrig bleibt

Der Parteitag der Republikaner in Cleveland war eine Veranstaltung der düsteren Botschaften. Und des Hasses auf Hillary Clinton. Eine Analyse. Mehr Von Oliver Kühn

22.07.2016, 11:30 Uhr | Politik
Terror in Nizza Attentäter nicht im Visier der Geheimdienste

Ein Angreifer hatte Hunderte feiernde Menschen mit einem Lastwagen überfahren und mindestens 84 Menschen getötet, darunter wohl auch Kinder, zahlreiche Menschen wurden verletzt. Mehr

15.07.2016, 12:08 Uhr | Politik
Gefälschter Lebenslauf Essener SPD fordert Petra Hinz zum Rücktritt auf

Die SPD-Abgeordnete Petra Hinz hat zugegeben, ihren Lebenslauf in großen Teilen erlogen zu haben. Der Heimatverband Essen fordert ihren Rücktritt, auch die SPD-Bundestagsfraktion hat inzwischen reagiert. Mehr

20.07.2016, 12:32 Uhr | Politik

Gründung für die Finanzwelt Der Hedgefonds-Pionier ist noch nicht satt

Der ehemalige Investmentbanker Wolfgang Stolz lenkt Anlagegeld der Versicherer in die Realwirtschaft. Sein Unternehmen Prime Capital profitiert davon, dass Banken kaum noch langfristige Kredite vergeben. Mehr Von Hanno Mussler 13