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Veröffentlicht: 23.09.2015, 06:30 Uhr

Zukunft der Arbeit „Ich bin überzeugt, dass uns die Arbeit nicht ausgeht“

Machen Roboter und Algorithmen den Menschen in der Arbeitswelt bald ersetzbar? Nein, sagt der Arbeitswissenschaftler Wilhelm Bauer vom Fraunhofer-Institut. Jedenfalls nicht alle.

© (c) Michael Hanson/Corbis Noch Freizeit oder schon Arbeit? Die Grenzen verschwinden, dabei kann es aber entspannt zugehen.

Sie sagen voraus, dass künftig nicht mehr Menschen zur Arbeit kommen, sondern die Arbeit kommt zum Menschen. Bedeutet dies das Ende des klassischen Büros?

Meine Aussage bringt zum Ausdruck, dass in einer Informations- und Wissensgesellschaft der Zugang zum Arbeitsinhalt Information und Wissen über digitale Medien fast gänzlich unabhängig von Ort und Zeit möglich ist. Viele können also arbeiten, wo und wann sie wollen, und tun dies auch schon. Dies heißt aber nicht, dass es keinen Bedarf mehr an betrieblichen Strukturen und Büroräumlichkeiten geben wird. Menschen haben auch in einer sehr digitalisierten Welt Bedürfnisse nach menschlicher Nähe und Beisammensein. Und es gibt auch ganz viele Aufgaben und Tätigkeiten, die nicht alleine zu bewältigen sind, zum Beispiel an Kreativworkshops, Strategiemeetings oder Projektreview-Meetings. Und viele Menschen haben zuhause gar nicht die Ruhe und Möglichkeit, dort zu arbeiten.

36352359 © Fraunhofer Institut Vergrößern Wilhelm Bauer

Steuern wir auf eine Dreifünftelwoche zu: drei Tage im Büro, zwei Tage Home-Office?

Im Prinzip schon. Wir stellen fest, dass immer mehr Arbeit von zu Hause erbracht wird, übrigens nicht nur zu den üblichen Kernarbeitszeiten der Unternehmen, sondern auch gerne mal am Abend oder am Wochenende. Es findet also eine gewisse Entgrenzung der Arbeit statt, sowohl zeitlich als auch räumlich. Und die Modelle und gelebten Situationen werden sich weiter ausdifferenzieren. Wir werden eine große Bandbreite von Arbeitsmodellen sehen. Und dies kommt sowohl den Unternehmen, die sich immer agiler und an den Kundenbedürfnissen orientiert verhalten müssen, als auch den Beschäftigten im Sinne einer guten Gestaltung ihrer Work-Life-Balance entgegen.

Geht die Forderung zur Abschaffung des Acht-Stunden-Tags in diese Richtung?

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Irgendwie schon. Ich bin der Meinung, dass der heutige Rechtsrahmen den Bedürfnissen von Unternehmen wie Menschen nicht mehr gerecht wird. Ein zu starrer Rahmen zwängt alle in ein Korsett, so dass es an vielen Ecken zwackt. Die heutige Arbeitsrealität ist doch die, dass viele ganz systematisch und bewusst außerhalb vereinbarter Leitplanken agieren. Wenn dies so ist, dann ist der Rahmen nicht mehr im Sinne der Mehrheit. Ich gehe davon aus, dass wir flexiblere Rahmen bekommen werden. Dann ist es an den Führungskräften, mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für beide Seiten passende Verhaltensregeln zu vereinbaren. Das ist zwar nicht ganz einfach, aber eben die bessere Lösung.

Wo liegen die Herausforderungen der modernen, digitalisierten Arbeitswelt?

Für die Führungskräfte besteht die Herausforderung, das Management auf Distanz konsequent zu organisieren. Viele müssen erst noch lernen, mit - gerade auch jungen und sehr technologieaffinen - Beschäftigten im Sinne der Informations- und Kommunikationstechnik auf Augenhöhe umgehen zu können. Überhaupt müssen Menschen mit geringeren technischen Fähigkeiten ihre Kompetenzen ausbauen. Hier sehe ich für die Unternehmen, unser Bildungssystem und auch für jeden Einzelnen eine große Herausforderung. Wir brauchen auf allen Ebenen eine Qualifizierungsoffensive. Das bedeutet, dass den Personalabteilungen eine zunehmende Bedeutung zukommt. Sie müssen für diesen Auf- und Ausbau von Kompetenzen sorgen, Führungsinstrumente einsetzen und Regelungen im Unternehmen und in Netzwerken festlegen.

Gibt es auch gegenläufige Trends, etwa das Horten von Fachkräften?

Viele sehen die zunehmende Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeit auch mit großer Sorge und versuchen, sich diesem Trend entgegenzustellen. Es gibt ja auch durchaus schon Anzeichen dafür, dass diese Entwicklung auch Risiken mit sich bringen kann, ich denke hier an das Thema psychische Belastung und Beanspruchung. Was ich auch sehe, ist, dass Unternehmen mit sehr viel Aufwand schon jetzt versuchen müssen, Hochqualifizierte zu finden und für sich zu gewinnen. Und ich denke, das ist erst der Anfang eines regelrechten „war for talents“. Das lässt erwarten, dass Unternehmen trotz hoher Kosten auf Vorrat einstellen wollen.

Bislang haben disruptive Veränderungen der Wirtschaft nach den Anpassungsschocks mehr Beschäftigung geschaffen, als es vorher gab. Gilt das noch?

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