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Interview „Keine verlorene Generation“

100.000 junge Arbeitslose sollen eine Ausbildung nachholen. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, spricht im Interview über die Rolle der Wirtschaft und die nötige Begeisterung.

© dpa Vergrößern Heinrich Alt will keine Ausbildung „auf der grünen Wiese“, sonder die Wirtschaft für das Projekt gewinnen.

Herr Alt, die Bundesagentur für Arbeit will in den kommenden Jahren 100.000 Arbeitslosen zwischen 25 und 35 Jahren eine Berufsausbildung verschaffen. Wie soll das gehen?

Das Thema „Ausbildung“ wird im Mittelpunkt intensiver Beratungsgespräche stehen. Wir wollen überzeugen, aber keinen zu seinem Glück zwingen. Eine Ausbildung bedeutet Mut, Anstrengung und Geduld. Wir wollen jungen Menschen das Signal geben, dass es sich lohnt, in die Zukunft zu investieren. Schließlich liegen noch 40 Berufsjahre vor ihnen. Und eins steht fest: Arbeitslosigkeit wird zunehmend ein Problem mangelnder Qualifikation und Bildung und nicht fehlender Arbeitsplätze. Der Plan funktioniert aber nur mit der Wirtschaft. Ich möchte keine Ausbildung auf der grünen Wiese, die am Bedarf der Wirtschaft vorbeigeht. Mir geht es in erster Linie um betriebliche Ausbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten, nicht isoliert, sondern integriert.

Warum nehmen Sie genau diese Altersgruppe in den Fokus?

Wir wollen keine verlorene Generation. Es sind genau die geburtenstarken Jahrgänge, die vor Jahren nicht zum Zuge kamen. 15 Prozent von ihnen haben keinen Berufsabschluss. Sie haben eine zweite Chance verdient, um bis zur Rente in 30 bis 40 Jahren für ihre Erwerbsbiographie noch eine entscheidende Weichenstellung vornehmen zu können.

Warum sind die jungen Leute bislang arbeitslos, und wie wollen Sie die Defizite konkret beheben?

Viele dieser jungen Menschen sind zwischen Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung gependelt. Für sie galt häufig: last in, first out. Entweder war die Motivation für eine Ausbildung auch beim Elternhaus nicht da oder der Wettbewerb zu groß. Mehrheitlich hat die Gruppe sicher auch die Erkenntnis gewonnen, dass nur eine Ausbildung zu einer stabilen und ausbaufähigen Beschäftigung führt. Talent, Eignung und Interesse sind die Basis für einen Neustart.

Glauben Sie, dass die Bereitschaft überall vorhanden sein wird?

Natürlich werden nicht alle für eine Lehre zu begeistern sein, so blauäugig bin ich nicht. Wir haben aber 300.000 arbeitslose Ungelernte zwischen 25 und 35 Jahren, denen wir die Sehnsucht nach einer Ausbildung vermitteln wollen. Das werden intensive Gespräche sein, an deren Ende wir die Geeigneten und Motivierten gewinnen.

Wie wollen Sie die Arbeitgeber überzeugen, die bislang um diese jungen Erwachsenen ja einen Bogen machten?

Losgelöst von jeder Einwanderungsdebatte wissen die Unternehmen, dass wir im Lichte der demographischen Veränderungen die inländischen Potentiale stärker nutzen müssen. Daher erfahre ich viel Zustimmung für unser Programm. Weniger bekannte, kleine und mittlere Unternehmen müssen ja mittlerweile sehr kreativ sein, wenn sie ihre Ausbildungsplätze besetzen wollen. Sie erkennen, dass sie die Wohlfühlzone ausgetretener Pfade und Routinen in der Rekrutierung verlassen müssen. Und hier kommen wir mit den jungen Erwachsenen gut ins Spiel.

Welche Branchen und Unternehmen könnten besonders geeignet sein für das Projekt?

Da gibt es keine Denkverbote oder Einschränkungen. Es gibt kaum noch Branchen, die von Qualifikationsengpässen verschont sind. Wir müssen jetzt handeln. Was wir heute bei der Integration junger Menschen in Ausbildung und Beschäftigung verpassen, können wir vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels womöglich nicht mehr aufholen.

Die Fragen stellte Sven Astheimer.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.02.2013, 00:00 Uhr

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