http://www.faz.net/-gyl-774kc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.02.2013, 00:00 Uhr

Interview „Keine verlorene Generation“

100.000 junge Arbeitslose sollen eine Ausbildung nachholen. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, spricht im Interview über die Rolle der Wirtschaft und die nötige Begeisterung.

© dpa Heinrich Alt will keine Ausbildung „auf der grünen Wiese“, sonder die Wirtschaft für das Projekt gewinnen.

Herr Alt, die Bundesagentur für Arbeit will in den kommenden Jahren 100.000 Arbeitslosen zwischen 25 und 35 Jahren eine Berufsausbildung verschaffen. Wie soll das gehen?

Das Thema „Ausbildung“ wird im Mittelpunkt intensiver Beratungsgespräche stehen. Wir wollen überzeugen, aber keinen zu seinem Glück zwingen. Eine Ausbildung bedeutet Mut, Anstrengung und Geduld. Wir wollen jungen Menschen das Signal geben, dass es sich lohnt, in die Zukunft zu investieren. Schließlich liegen noch 40 Berufsjahre vor ihnen. Und eins steht fest: Arbeitslosigkeit wird zunehmend ein Problem mangelnder Qualifikation und Bildung und nicht fehlender Arbeitsplätze. Der Plan funktioniert aber nur mit der Wirtschaft. Ich möchte keine Ausbildung auf der grünen Wiese, die am Bedarf der Wirtschaft vorbeigeht. Mir geht es in erster Linie um betriebliche Ausbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten, nicht isoliert, sondern integriert.

Warum nehmen Sie genau diese Altersgruppe in den Fokus?

Wir wollen keine verlorene Generation. Es sind genau die geburtenstarken Jahrgänge, die vor Jahren nicht zum Zuge kamen. 15 Prozent von ihnen haben keinen Berufsabschluss. Sie haben eine zweite Chance verdient, um bis zur Rente in 30 bis 40 Jahren für ihre Erwerbsbiographie noch eine entscheidende Weichenstellung vornehmen zu können.

Warum sind die jungen Leute bislang arbeitslos, und wie wollen Sie die Defizite konkret beheben?

Viele dieser jungen Menschen sind zwischen Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung gependelt. Für sie galt häufig: last in, first out. Entweder war die Motivation für eine Ausbildung auch beim Elternhaus nicht da oder der Wettbewerb zu groß. Mehrheitlich hat die Gruppe sicher auch die Erkenntnis gewonnen, dass nur eine Ausbildung zu einer stabilen und ausbaufähigen Beschäftigung führt. Talent, Eignung und Interesse sind die Basis für einen Neustart.

Glauben Sie, dass die Bereitschaft überall vorhanden sein wird?

Natürlich werden nicht alle für eine Lehre zu begeistern sein, so blauäugig bin ich nicht. Wir haben aber 300.000 arbeitslose Ungelernte zwischen 25 und 35 Jahren, denen wir die Sehnsucht nach einer Ausbildung vermitteln wollen. Das werden intensive Gespräche sein, an deren Ende wir die Geeigneten und Motivierten gewinnen.

Wie wollen Sie die Arbeitgeber überzeugen, die bislang um diese jungen Erwachsenen ja einen Bogen machten?

Losgelöst von jeder Einwanderungsdebatte wissen die Unternehmen, dass wir im Lichte der demographischen Veränderungen die inländischen Potentiale stärker nutzen müssen. Daher erfahre ich viel Zustimmung für unser Programm. Weniger bekannte, kleine und mittlere Unternehmen müssen ja mittlerweile sehr kreativ sein, wenn sie ihre Ausbildungsplätze besetzen wollen. Sie erkennen, dass sie die Wohlfühlzone ausgetretener Pfade und Routinen in der Rekrutierung verlassen müssen. Und hier kommen wir mit den jungen Erwachsenen gut ins Spiel.

Welche Branchen und Unternehmen könnten besonders geeignet sein für das Projekt?

Da gibt es keine Denkverbote oder Einschränkungen. Es gibt kaum noch Branchen, die von Qualifikationsengpässen verschont sind. Wir müssen jetzt handeln. Was wir heute bei der Integration junger Menschen in Ausbildung und Beschäftigung verpassen, können wir vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels womöglich nicht mehr aufholen.

Die Fragen stellte Sven Astheimer.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Interview mit Regisseur Buck Väter kriegen oft nix auf die Reihe

Der Regisseur und Schauspieler Detlev Buck über Kinderfilme, seine Pläne mit der Erfolgsreihe Bibi &Tina und das unberechenbare Moment am Set mit Kinderdarstellern. Mehr Von Anke Schipp

28.04.2016, 09:32 Uhr | Gesellschaft
Präsidentschaftskandidatur Frustrierte New Yorker wollen für Trump stimmen

Im amerikanischen Bundesstaat New York ist die Arbeitslosigkeit hoch, viele junge Leute verlassen ihre Heimat. Einige Bürger setzen auf den Republikaner Donald Trump als nächsten Präsidenten. Mehr

19.04.2016, 14:54 Uhr | Politik
Südafrika Stellensuche auf Giraffenart

In Südafrika floriert die Arbeitsvermittlung per Handy. Kein Wunder: Fast die Hälfte der jungen Menschen ist arbeitslos. Doch die weite Verbreitung internetfähiger Telefone eröffnet ihnen neue Möglichkeiten. Mehr Von Claudia Bröll

26.04.2016, 13:00 Uhr | Beruf-Chance
Video Hochzeit dank Crowd-Funding

Viele junge Paare im Gazastreifen können sich eine Hochzeit nicht leisten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 60 Prozent, die Einkommen sind niedrig. Abdul Hakim Zoghbor und seine Frau Falestine haben ihre Hochzeit per Crowd-Funding finanziert. Mehr

09.04.2016, 16:03 Uhr | Gesellschaft
Stiefmütter Ewig nur Nummer 2

Hinterlistig und eifersüchtig? Solche Eigenschaften werden Stiefmüttern gerne zugeschrieben. Doch ein gutes Verhältnis zu den Kindern des neuen Partners liegt nicht im Bereich des Unmöglichen. Mehr Von Katrin Hummel

27.04.2016, 12:38 Uhr | Gesellschaft

Gründen für vegane Hipster Für gute Pizza verzichten sie auf 150.000 Euro im Jahr

Matthias Kramer und Marc Schlegel wollten eigentlich eine Dating-App herausbringen. Warum sie statt dessen ein Unternehmen für veganen, glutenfreien und kalorienarmen Pizzateig gegründet haben. Mehr Von Jonas Jansen 6 11