24.09.2008 · Tiemo Kracht ist 43 Jahre alt und Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum. Er studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Kiel, den Vereinigten Staaten und der Slowakei. Quereinsteigern sagt er gute Chancen voraus.
Wie sind derzeit die Berufsaussichten von Quereinsteigern auf dem Arbeitsmarkt?
Die Aussichten haben sich in letzten Jahren deutlich aufgehellt. In der Vergangenheit wurde die reine Fachkompetenz stärker gewichtet, so dass Fachkarrieren stark gefördert wurden. Viele Unternehmen hatten einen Tunnelblick. Heute erleben wir einen Perspektivenwechsel, der auf zwei Faktoren zurückzuführen ist: Zum einen geht wegen der demografischen Entwicklung und der damit schrumpfenden und alternden Gesellschaft die Grundgesamtheit an fachlich vorgeprägten Kandidaten dramatisch zurück, dies ist heute schon am eklatanten Fach- und Führungskräftemangel erkennbar. Unternehmen sind gezwungen, sich anderen Karriereprofilen zu öffnen und Quereinsteiger zu gewinnen. Zum zweiten wächst die Erkenntnis, dass nicht nur die fachliche Ausbildung und Facherfahrung von Kandidaten zählt, sondern vor allem auch Persönlichkeit, Charakter, Kreativität und die auch daran geknüpfte Management-Kompetenz.
Hinkt Deutschland da international hinterher?
Ja, eindeutig, Deutschland hat lange die Fachkarriere betont. Ein Absolvent der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Controlling beginnt als Analyst im Unternehmen, wird Controller, Senior-Controller, Teamleiter Controlling, Abteilungsleiter Vertriebscontrolling und dann vielleicht Bereichsleiter Controlling. Das ist ein klassischer Lebenslauf in Deutschland. Im angelsächsischen Raum zum Beispiel wird die Heranbildung der General-Management-Kompetenz stärker betont. Das schafft Durchlässigkeiten und erfordert ein breites Erfahrungsspektrum. Diese Karrieren sind durch den „Sprung ins kalte Wasser“ geprägt, um die Fähigkeit zu kultivieren, sich in neue Aufgabenfelder und Sachverhalte einzuarbeiten und Unternehmenserfolge zu organisieren. Das ist bereichernd für den einzelnen, und es ist auch bereichernd für das Unternehmen, weil es seine Leute sehr breit einsetzen kann.
Welche Branchen sind besonders aussichtsreich für Quereinsteiger?
Ich benenne lieber die Branchen, die sich weniger für Quereinsteiger eignen: Dazu zählen alle hochtechnisierten Berufe, wo eine überdurchschnittliche ingenieurs- bzw. naturwissenschaftliche Ausbildung unabdingbar ist: Maschinen- und Anlagenbau, Informationstechnologie, Telekommunikation oder Luft- und Raumfahrttechnik, aber auch das Segment der Chemie- und Pharmaindustrie. Aber selbst in diesen Branchen gibt es Nischen - Unternehmenskommunikation, Marketing, Vertrieb oder Unternehmensentwicklung - die Quereinsteiger mit Ideenreichtum, Management- und Steuerungsqualitäten und hoher Sozialkompetenz sinnvoll integrieren können. Und spätestens vom Jahr 2015 an wird uns der demografische Wandel erwischen, wenn die Baby-Boomer-Generation in Rente zu gehen beginnt. Dann werden die Unternehmen auf die Quereinsteiger nicht mehr verzichten können, weil die Personallücken einfach zu groß werden.
Was erhoffen sich Personalchefs, wenn sie Quereinsteiger einstellen?
Im Regelfall erhoffen sie sich die Gewinnung überzeugender, charakterstarker und sozialkompetenter Persönlichkeiten, die das Unternehmen im Hinblick auf Kreativität und Ideenreichtum, Innovationskraft und Veränderungsmanagement nachhaltig bereichern können. Oft tragen Quereinsteiger spannende Sichtweisen und Erfahrungen in das Unternehmen hinein und schaffen einen Mehrwert durch besondere Auslandserfahrungen und exotische Sprachkenntnisse, die der Schlüssel für die Erschließung neuer Absatzmärkte oder Produktionsstandorte sein können. Insgesamt erweitert sich durch die Mischung von Fachkräften und Quereinsteigern der Horizont eines Unternehmens. Außerdem haben Quereinsteiger oft eine deutlich höhere Motivation, da sie sich in einem „artfremden“ Umfeld beweisen und bewähren müssen - dies führt nicht selten zu einer weitaus überdurchschnittlichen Einsatz- und Leistungsbereitschaft und den unbändigen Willen, permanent dazuzulernen und stärkt den Erfolgshunger.
Welche Qualifikationen brauchen Quereinsteiger, um in einem Unternehmen Fuß fassen zu können?
Ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit für gänzlich neue Themen und Aufgaben, eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit. Außerdem müssen sie bereit sein, eine deutlich steilere Lernkurve durchzumachen als ihre Fachkollegen. Dies erfordert nicht selten, noch einmal die Schulbank zu drücken.
Was raten Sie Quereinsteigern bei der Jobsuche?
Zunächst einmal sollte man sich ein realistisches Bild der eigenen Talente, Neigungen und Leidenschaften machen. Generell sollte man sich weniger davon leiten lassen, welche Berufe gerade Konjunktur haben, sondern davon, was man wirklich kann und will - nicht nur aus fachlicher Perspektive, sondern auch bezüglich der persönlichen Eigenschaften und Qualitäten. Nach diesem Findungsprozess sollte man sich Kontakte schaffen und herausfinden, wie der konkrete Arbeitsalltag der Wunsch-Branche aussieht. Wenn man soweit in seinem Entschluss gefestigt ist, kommt die gezielte Bewerbung. Und im Bewerbungsgespräch gilt: authentisch bleiben und sich nicht in jede Richtung verbiegen lassen. Die größten Trümpfe von Quereinsteigern sind ja meist ihre Authentizität, ihr Anderssein, ihre Exotik, ihre autonome Persönlichkeit. Schließlich haben sie das studiert, was sie wirklich wollten und sind ihren Weg gegangen.