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„Innovation Camp“ Grübeln im Showroom

28.01.2010 ·  Wer im Beratungsunternehmen Logica einen Einfall hat, kann einige Tage Auszeit beantragen und die Idee mit Kollegen in einem „Innovation Camp“ austüfteln. Auch der Vorstandschef nutzt diese Möglichkeit. Ein Ortsbesuch.

Von Friederike Haupt
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Weit ist der Vorstandsvorsitzende gefahren, um nun in einem Wohnzimmer wie aus dem Ikea-Katalog zu stehen. Durchs Fenster sieht er braun-weiße Kühe, um ihn herum weiße Sofas, einen Glastisch mit einem Stapel „Vogue“-Ausgaben darauf, pastellfarbene Bilder. Die acht Herren in Sakkos wirken irgendwie fehl am Platze. Doch hier, in dem Haus am Rande von Wetzlar, wollen sie Großes beschließen: ein neues Geschäftsmodell. Riesenräume mit Ledersesseln haben sie extra gemieden, denn es soll nicht so sein wie immer. Neu soll es sein.

Das, was den Chef von Logica Deutschland, Torsten Straß, hierhergeführt hat, nennt er „Innovation Camp“. 2008 hat das Beratungsunternehmen diese Möglichkeit eingeführt, Ideen abseits des Arbeitsalltags weiterzudenken. Vorbild war der „Google Friday“: ein Tag in der Woche, an dem die Suchmaschinenbauer über ihre Schreibtischkante hinausdenken sollen. Ein Fünftel der Arbeitszeit wenden die rund 2200 deutschen Logica-Mitarbeiter freilich nicht für Querdenkereien auf; doch wer einen Einfall hat, kann dafür eine Auszeit von ein paar Tagen beantragen - ein „Innovation Camp“.

Allein oder mit Kollegen, zu Hause oder weit weg

Ob er allein oder mit Kollegen an der Idee arbeiten will, ist dem Mitarbeiter selbst überlassen. Auch den Ort darf er frei wählen. Mit „ein paar hundert Euro“ Reisekostenbudget unterstütze Logica jeden dieser Workshops, berichtet Thomas Bolz, der als Manager im Bereich Software-Entwicklung arbeitet und seit 2008 auch die Rolle des Innovation Managers übernommen hat. Wichtig, sagt Bolz, sei vor allem, dass die kreativen Kollegen durch das Sonderprojekt nicht in ihrer normalen Arbeit unter Zeitdruck gerieten. Deshalb würden die Workshop-Tage in der individuellen Zielerreichung berücksichtigt.

Dass, wie an diesen zwei Tagen in Wetzlar, der Chef höchstpersönlich dabei ist, ist eine Premiere. Doch auch er hatte eine Idee für ein solches Sonderprojekt: Als er sich mit Architekten traf, weil er privat ein Haus bauen wollte, entdeckte Straß das Thema Digitalstrom. Das ist ein System, mit dem sich über das normale Stromnetz elektrische Geräte kontrollieren, vernetzen und steuern lassen. Noch dieses Jahr soll die Technik auf den deutschen Markt kommen. „Und das“, hat Straß sich gedacht, „betrifft nicht nur mich als Privatperson.“

So nahm er Kontakt auf mit der Aizo AG, die von den Erfindern des Digitalstromverfahrens gegründet wurde. Im Vergleich zu Logica ist sie mit ihren rund 30 Mitarbeitern ein Zwerg - und doch ein interessanter Geschäftspartner in spe für Straß. Zum Austausch in der Aizo-Niederlassung in Wetzlar ist Straß mit drei Kollegen angereist, und auch die Aizo AG nimmt mit vier Personen teil. Es sei das erste Mal, dass bei einem solchen Workshop andere Unternehmen einbezogen würden, sagt Straß. Was dabei genau für ein Geschäftsmodell entstehen soll, weiß er noch nicht: „Das ist die Natur von Innovationen, wir wissen am Anfang nicht, was genau herauskommen wird.“

Wie sieht „intelligenter Strom“ aus?

So lassen sich die Berater ins Ikea-Wohnzimmer im Dachgeschoss der Aizo-Niederlassung führen. Dort lebt allerdings niemand; vielmehr dient die Wohnung als Showroom. Wie „intelligenter Strom“ aussehen kann, könne man hier erleben, sagt der Vertriebs- und Marketingchef von Aizo, Jan Zakrzewski. Und führt es vor: Klingelt es an der Tür, leuchtet gleichzeitig eine Lampe auf. Hinter den Wänden ist viel Technik verborgen, die alle Geräte koordiniert, die am Stromnetz hängen. Saugt jemand gerade Staub, wenn es an der Tür klingelt, hört er den Besucher trotzdem - das System ist so eingestellt, dass der Staubsauger im Moment des Klingelns für fünf Sekunden abgestellt wird. Damit lasse sich bis zu 30 Prozent des Stromverbrauchs sparen. Straß, Zakrzewski und ihre Mitarbeiter wollen diskutieren, wie beispielsweise Telekommunikationsunternehmen und Energieversorger als Kunden von Logica davon profitieren können.

Am ersten Tag des „Innovation Camps“ haben sie daher zwei unternehmensgemischte Gruppen gebildet, die sich mit je einer der beiden Kundengruppen beschäftigt haben. Am Mittag des zweiten Tages nun treffen die Teams wieder zusammen, um ihre Ergebnisse vorzustellen. Vor Straß liegen Laptop, Block und Stift. Die Stimmung ist gut: Am Vorabend haben alle im Hotel der Logica-Abgesandten zu Abend gegessen und nicht nur über die Arbeit gesprochen. So sind die zwanzigminütigen Vorträge zwar konzentriert, doch immer wieder wird auch gescherzt. Gemeinsam machbar, so lautet das Ergebnis nach den Präsentationen, ist vieles.

Nach dem Camp fängt die Arbeit erst richtig an

Nun muss noch das Wichtigste besprochen werden: wie erfolgversprechend die einzelnen erwogenen Geschäftsmodelle sind. Doch zuvor serviert Zakrzewski Salami-, Schinken- und Käsebrötchen. Auch während der Brotzeit drehen sich die Gespräche weiter um die Unternehmen. Dann will Straß Nägel mit Köpfen machen: Mit seinen drei Mitarbeitern zieht er sich zurück, um zu diskutieren, welche der Geschäftsideen für Logica besonders interessant sind. Dazu entwirft er eine Excel-Tabelle, in der er die Möglichkeiten der Kooperation notiert. Dann sammeln die Kollegen Kriterien, nach denen sie die Ideen beurteilen: „Erfolgschancen“, tippt Straß ein, „Time 2 Market“, „potentielles Volumen“, „Awareness-Generierung“, „Investitionsbedarf“. Sie diskutieren zu jedem Punkt, einigen sich jeweils auf die Einschätzung „hoch“, „mittel“ oder „niedrig“. Schnell wird klar, dass zwei Ideen besonders reizvoll sind. Sie wurden mit guten Erfolgschancen bewertet und haben auch sonst kaum eine negative Einschätzung erhalten.

Als gegen 15 Uhr die Mitarbeiter von Aizo wieder dazustoßen, ist man sich einig. Heute wird kein Vertrag geschlossen; erst einmal lädt Aizo Logica zu einem Entwicklertreffen ein. Von dem Treffen in Wetzlar bleiben die Ideen, die persönlichen Kontakte, die angepeilten Ziele. „Nach einem Innovation Camp“, sagt Straß, „fängt die eigentliche Arbeit erst richtig an.“

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