Home
http://www.faz.net/-gym-wxuj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Innere Kündigung „Keine faulen Kompromisse“

29.05.2008 ·  Eine Kündigung kann heilsam sein, sagt der Wirtschaftspsychologe Ralf Brinkmann. Man sollte nicht zu lange warten. Wer seinen Job nur aus wirtschaftlichem Zwang erfülle, riskiere schlimme Folgen für seine Psyche.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Eine Kündigung kann heilsam sein, sagt der Wirtschaftspsychologe Ralf Brinkmann. Man sollte vor ihr nicht zu lange zurückschrecken. Denn wer seinen Job nur noch aus wirtschaftlichem Zwang erfülle, riskiere schlimme Folgen für seine Psyche.

Herr Brinkmann, Sie haben sich mit dem Phänomen der inneren Kündigung befasst. Was verstehen Sie darunter und welches Ziel hatte die Untersuchung?

In der Regel geht es bei der inneren Kündigung um einen Bruch des „psychologischen Arbeitsvertrages.“ Darunter verstehe ich das innere Gegenstück zum reellen, rechtsverbindlichen Kontrakt. Er beinhaltet all die unausgesprochenen Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche des Arbeitnehmers gegenüber seinem Arbeitgeber. Zur inneren Kündigung kommt es häufig, wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, ungerecht behandelt worden zu sein. Die Betreffenden versuchen dann eine „gerechte“ Situation für sich herbeizuführen bzw. die unbefriedigende Arbeitssituation wieder in den Griff zu bekommen. Wir wollten die Symptome definieren, damit eine Gefährdung durch das Phänomen überhaupt diagnostiziert werden kann. Das würde sowohl den Betroffenen als auch den Unternehmen bei der Problemlösung helfen.

Was geht in den betroffenen Arbeitnehmern vor?

Ein wesentliches Merkmal ist der lautlose Verlauf einer inneren Kündigung. Sie erfolgt im Verborgenen. Die Betroffenen wollen nicht auffallen und Konflikte vermeiden, da ihnen im schlimmsten Fall eine Kündigung seitens des Arbeitgebers droht. Der Arbeitnehmer möchte seine Stelle aber in der Regel behalten.

Und wie geht es dann weiter?

Die innere Kündigung ist häufig das Resultat eines langwierigen Prozesses, dem punktuell einschneidende Negativerlebnisse im Arbeitsleben des Beschäftigten zu Grunde liegen. Dann werden aus einstmals hoch motivierten Mitarbeitern irgendwann Mitläufer, die täglich nur noch auf ihren Feierabend warten. Sie reduzieren ihre Kommunikation, bringen keine neuen Ideen mehr ein und mutieren zu Jasagern.

Können Sie kurz skizzieren, welche Folgen die innere Kündigung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber hat?

In der Regel haben wir zwei Verlierer: Die Betroffenen und die Unternehmen. Das individuelle Rückzugsverhalten und die emotionale Distanz zur Arbeit höhlen den innerlich gekündigten Arbeitnehmer in einem wichtigen Bereich aus: dem der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit. Die ungeliebte Tätigkeit, häufige berufliche Frustrationen, mangelnde Perspektiven und fehlende Ziele führen bei vielen zu emotionalen Spannungen und Konflikten. Die Folge ist Stress. Menschen, die in der Gefahr stehen, innerlich zu kündigen, haben innerhalb der Arbeit oft nicht mehr ausreichende soziale Unterstützung, um berufliche Enttäuschungen zu verarbeiten oder unbefriedigende Arbeitssituationen zu verändern, indem sie sich Rat und Sichtweise anderer einholen. Es ist wichtig, dieses Defizit zu erkennen und zu beheben. Denn diese Unterstützung auf emotionaler Ebene, sei es durch direkte Hilfe oder indem man mithilfe von Informationen neue Perspektiven vermittelt, führt dazu, dass sich der Betroffene nicht allein gelassen fühlt. Schließlich ist das Gespräch mit der Führungskraft wichtig, um unausgesprochene Erwartungen und Ziele anzusprechen. Wenn all das nicht geschieht, sinken Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Es entsteht ein Zustand der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, das Gefühl vollständiger Erschöpfung, Depression und Apathie.

…und das hat dann auch negative Folgen für die Arbeitgeber.

Ganz klar. Der bewusste Entschluss eines Arbeitnehmers auf Engagement und Eigeninitiative zu verzichten kann sich extrem negativ auf Unternehmen auswirken, denn dem gezielten Ausschöpfen von Produktivitätsreserven stehen innerlich gekündigte Mitarbeiter zwangsläufig im Weg.

Hat die innere Kündigung nur negative Seiten?

Das kommt darauf an, wie man es sehen will. Vielfach wird der Betreffende auch durch zunächst positive Folgen seiner inneren Kündigung in seinem Entschluss bestärkt, da er nun seinen Kräftehaushalt schont oder mehr Lebensfreude entwickelt, etwa weil die Freizeit an Bedeutung gewinnt. Die andere Seite der Medaille für den innerlich Gekündigten ist die mangelnde Arbeitsfreude, der tägliche Stress der ausgelöst wird, um die Demotivation vor dem Chef und den Kollegen zu verbergen. Einige Betroffene entwickeln sogar Depressionen oder psychosomatische Störungen. Dies macht es schwer, die innere Kündigung eindeutig zu diagnostizieren. Es gibt jedoch einige Indikatoren, die auf eine innere Kündigung verweisen.

Welche sind das?

Innerlich Gekündigte haben an Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten und Kollegen kein Interesse mehr. Sie sind nicht mehr bereit, auch gegen die Mehrheit mit der eigenen Meinung Stellung zu nehmen. Sie bringen keine neuen Ideen, Vorschläge oder Kritik ein, gestatten Eingriffe anderer in ihren Kompetenzbereich und schöpfen die eigenen Kompetenzen nicht mehr ganz aus. Außerdem reduzieren sie die Kommunikation mit Vorgesetzten und Kollegen und meiden zum Beispiel Betriebsfeiern.

Welche Rolle spielen Vorgesetzte und Kollegen?

Die Führungsfehler von Vorgesetzten können enormen Einfluss darauf haben, dass Mitarbeiter innerlich kündigen. Beispiele hierfür sind ein autoritärer Führungsstil, eine zu sehr ausgeprägte Kontrolle durch Vorgesetzte sowie Eingriffe in die Kompetenz des Arbeitnehmers. Hinzu kommt oft die mangelnde Beteiligung der Mitarbeiter an den für sie relevanten Entscheidungen oder eine geringe Gesprächsbereitschaft seitens der Führungskräfte. Die Meisten geben dem spürbaren Verlangen ihres Chefs Handlungsergebnisse zu kontrollieren früher oder später nach und stellen jegliche Eigenaktivität ein. So entstehen Misstrauenskulturen in Unternehmen, die durch Unzulänglichkeiten der Organisation noch gefördert werden, etwa durch unflexible, stark hierarchische Strukturen, gepaart mit einer mangelnden Sinngebung durch die Geschäftsführung.

Eine Eigenkündigung gilt vielen als ultima Ratio. Vielfach ist sie aufgrund der individuellen Lebensumstände - Partner, Familie, Finanznöte - auch nicht ohne weiteres realisierbar. Also doch lieber einen faulen Kompromiss eingehen und auf die Berufung im Beruf verzichten?

Es wird häufig davon gesprochen, dass eine innere Kündigung auch eine Art „geglückte Anpassung“ darstellt. Wer seine ehrgeizigen beruflichen Pläne fallen lässt und nur noch das tut, was ihn in der Freizeit gefällt oder was er für sein Gehalt als gerechtfertigt ansieht, befreit sich natürlich von einer Last. Etwa dem Druck ständig besser zu sein als die Kollegen. Hier kommt es indes darauf an, wie diese Menschen motiviert sind. Ist es die Ehefrau, die den Partner zum beruflichen Aufstieg drängt oder kommt der Wunsch von innen heraus? Immer dann, wenn ein intrinsisches Motiv, wie wir Psychologen sagen, vorliegt, sollte eine reife Entscheidung getroffen werden. Faule Kompromisse tragen den Kern für spätere innerer Konflikt und Selbstvorwürfe in sich.

Was raten Sie Unternehmen in solchen Fällen?

Es ist in vielen Fällen sicher sinnvoll für ein Unternehmen, Mitarbeiter, die innerlich gekündigt haben, zu reaktivieren. Hier spielen aber auch Persönlichkeitszüge der Betroffenen eine Rolle, sodass sich keine generelle Empfehlung geben lässt.

Gibt es Zahlen zu den wirtschaftlichen Schäden, die durch innere Kündigungen entstehen?

Nun, in den Unternehmen mit einem hohen Anteil von innerlich gekündigten Arbeitnehmern, spiegeln beispielsweise die betrieblichen Fehlzeitenstatistiken, das Ausmaß an Kundenreklamationen und die Ausschussquoten dieses Phänomen wider. Hohe Fehlzeiten und verminderte Produktivität wiederum führen zu erheblichem Schaden. Menschen mit einer geringen emotionalen Bindung an ihre Arbeit fehlen häufiger im Betrieb als solche mit einer hohen Bindung. Aufgrund von Selbstauskünften von Arbeitnehmern liegt das Verhältnis in Arbeitsausfalltagen gezählt bei 4,6 zu 7 pro Jahr.

Das Gespräch führte Martin Dommer

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen