07.02.2012 · Bürsten binden ist Geschichte: Immer mehr schwerbehinderte Menschen arbeiten in ganz „normalen“ Betrieben. Ohne staatliche Hilfe geht es meistens aber nicht.
Von Eva-Maria BerendsenEine Fertigungshalle zwischen Frankfurt und Fulda: Hendrik Otto und seine Kollegen sortieren rote Gummiringe in eine Kiste, 17 müssen es sein, so will es der Auftraggeber in Sindelfingen. Dichtungen, die später in einen Mercedes eingebaut werden, dort, wo der Motor die Luft ansaugt. So ganz genau weiß Otto das nicht, der von Geburt an geistig behindert ist und seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Früher hat er in einer Werkstatt des Behindertenwerks Main Kinzig (BWMK) gearbeitet. Seit zwei Jahren fährt er jeden Morgen mit dem Bus zum Werk des Autozulieferers Woco, den im Umkreis von Bad Soden so ziemlich jeder kennt. Nach der jüngsten Branchenkrise, als die Aufträge endlich zurückkehrten, hatte die Geschäftsleitung überlegt: Können nicht auch Behinderte die Verpackungsarbeiten stemmen?
Mit der Hilfe von Gruppenleitern wie Klaus-Dieter Mazeczek klappt es: Mit einer Waage wird geprüft, ob die Leute auch die korrekte Stückzahl verpackt haben. Stimmt das Gewicht, kommen die Kisten zum Versand, über den Stapeln prangen große Nummern. Weil manche keine Zahlen lesen können, sind die Schilder zusätzlich mit Symbolen markiert. "Die hier zum Stern" - und die Kiste mit den Dichtungen landet dort, wo sie hingehört. Mazeczek erzählt, seine 25 Leute seien mächtig stolz, in einem ganz "normalen" Betrieb zu arbeiten. Zu Freunden und Nachbarn sagten sie mit Identifikationseifer: "Ich schaff' bei Woco."
Das stimmt indes nicht ganz, denn es handelt sich um einen Kombilohn aus der staatlichen Grundsicherung und dem Erlös des Auftrags, aus dem ein Entgelt von bis zu 300 Euro je Mitarbeiter ausgeschüttet wird. Im Behindertenwerk hofft man, dass sich manch einer bewährt und vom Betrieb komplett übernommen wird. Noch ist das Ergebnis mäßig: "Das schaffen vielleicht zwei, drei Personen im Jahr", sagt Markus Reiter aus der BWMK-Leitung.
Geht es nach der Politik, sollen möglichst viele Menschen mit Behinderungen den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. 10 Millionen Behinderte leben in Deutschland, 7 Millionen davon sind schwerbehindert. Wenn das Versorgungsamt eine Behinderung von mindestens 50 Prozent festgestellt hat, bedeutet es nicht unbedingt, dass die Person nicht arbeiten kann. Viele sind eingeschränkt einsatzfähig; ungefähr die Hälfte hat eine Ausbildung oder einen Hochschulabschluss. Zu mehr als 80 Prozent entstehen schwere Behinderungen im Laufe des Lebens, schreibt das Statistische Bundesamt. Krankheiten wie Rheuma oder Diabetes, das Schädel-Hirn-Trauma infolge eines Unfalls, die kaputten Knie des Fliesenlegers - all das kann einen Erwachsenen, der gestern noch voll gearbeitet hat, zum Schwerbehinderten machen.
Die Anzahl beschäftigter Schwerbehinderter ist in den vergangenen Jahren gestiegen - im Jahr 2009 waren in Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern 876 000 behinderte Menschen beschäftigt; 2005 waren es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit noch 100 000 Plätze weniger gewesen. Jeder Dritte der 3 Millionen Schwerbehinderten im erwerbsfähigen Alter hat heute einen regulären Arbeitsplatz. Doch es sollen noch mehr werden, denn das neue Versprechen der Politik lautet "Inklusion", was umfassende gesellschaftliche Teilhabe bedeutet. Dazu gehört natürlich auch die Arbeitswelt.
Manche sind indes so beeinträchtigt, dass der allgemeine Arbeitsmarkt für sie nicht in Frage kommt. 280 000 Menschen arbeiten in Behindertenwerkstätten, die sich von ihrem Bastelstuben-Image von einst aber längst verabschiedet haben. Bürsten und Besen, die viele früher eher aus gutem Willen kauften, werden in den 2600 Betriebsstätten kaum noch gefertigt. Heute muten die Produkte an, als hätten man sie direkt beim Designer erworben. Auf entia.de werden extravagante Obstschalen oder futuristische Essig- und Ölsets angeboten. Der Anteil der Eigenprodukte liegt aber nur noch bei 15 Prozent.
Der große Rest sind Lohn- und Auftragsfertigungen - weshalb sich viele Werkstätten als Partner der Wirtschaft sehen. In den verschiedenen Ablegern der BWMK scannen die Behinderten Dokumente für die Deutsche Bank, andernorts kopieren sie Aktenberge. Auch die Autoindustrie ist ein guter Kunde: In einer Einrichtung werden Blendenträger des Porsche-Modells "Panamera" zusammengesetzt, mehrere Fotos des schnittigen Sportwagens hängen dort an der Wand. Es sind keine komplizierten Arbeiten, und jedes Teil wird mit einem Scan kontrolliert.
Heute sollen die Behindertenwerke ihre Klienten rehabilitieren, es geht nicht mehr um Beschäftigungstherapie. Die Produktionsprozesse könne man so zergliedern, dass auch Schwerbehinderte die Arbeit bewältigen können, sagt Claudia Fischer, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen. Für Leute, die nicht zählen können, gebe es spezielle Zählbretter. CNC-Fräsen in der Metallverarbeitung wüssten auch Behinderte zu bedienen. "Man kann alles anders machen", sagt Fischer.
Trotzdem zögern viele Unternehmen, behinderte Menschen - auch die gut ausgebildeten - einzustellen. Obwohl laut Gesetz Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern sogar dazu verpflichtet sind. Erreichen sie die nach Größe gestaffelte Quote (bis 5 Prozent) nicht, können sie sich jedoch freikaufen. Diese Ausgleichsabgabe wurde zu Beginn des Jahres noch einmal angehoben. Sie liegt zwischen monatlich 115 und 290 Euro je Arbeitsplatz, der nicht wie vorgesehen mit einem Behinderten besetzt wurde. Nach den aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit waren im Jahr 2009 etwa 252 000 Pflichtarbeitsplätze nicht besetzt. Im vergangenen Jahr sind durch die Ausgleichsabgabe 466 Millionen Euro zusammengekommen, zählt die Arbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH).
Viele Unternehmen nennen den besonderen Kündigungsschutz von Behinderten als Haupthindernis. Denn jeder Entlassung muss das zuständige Integrationsamt zustimmen. Doch in der Praxis sind Kündigungen an der Tagesordnung: Ist ein Unternehmen in Schieflage geraten, müssen die Ämter die Kündigung ohnehin durchwinken. Auch die meisten behinderungsbedingten Kündigungsanträge haben Erfolg: Im vergangenen Jahr wurde nur in 22 Prozent der Fälle eine Entlassung abgewendet, heißt es aus dem BIH.
Dann waren meist die Berater des Integrationsfachdienstes erfolgreich, mit denen sich Arbeitgeber zusammensetzen müssen, wollen sie einem behinderten Mitarbeiter kündigen. Gemeinsam wird überlegt, ob da nicht doch noch etwas zu retten sei, sagt Helga Seel aus dem BIH-Vorstand: Könnte man nicht das passende Mobiliar für den Kollegen im Rollstuhl anschaffen? Wie kann der Arbeitgeber mit der hirngeschädigten Kollegin umgehen, die im Großraumbüro plötzlich aufbrausend und gereizt reagiert? "Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen kreativ werden", fordert Seel. Das sei auch mit Blick auf den demographischen Wandel unerlässlich: 15 Prozent der Menschen zwischen 55 und 65 Jahren sind schwerbehindert.
Viele Beschäftigte mit körperlichen Behinderungen nehmen Arbeitsassistenten in Anspruch, die aus der Ausgleichsabgabe finanziert werden. Helfer, die etwa für einen querschnittsgelähmten Universitätsprofessor nach den Aktenordnern greifen und Freiberuflern wie der Filmemacherin Karin Malwitz zur Seite stehen. Weil sie keine hohen Töne hört, "Haus" und "Maus" und "i" und "e" im Gespräch nicht voneinander unterscheiden kann, beschäftigt Malwitz Assistentinnen, die für sie Telefonate führen, bei Treffen mit Sponsoren dabei sind, oder Filmskripte korrigieren. "Wenn man unlogisch hört, dann schreibt man auch unlogisch", sagt sie, die lieber Bilder sprechen lässt.
Mancherorts gehört das Zusammenspiel zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zum Geschäftsmodell. 23 000 Behinderte sind in Integrationsfirmen angestellt, wo die Hälfte der Beschäftigten einen Schwerbehindertenstatus hat: Hotels, sie sich unter dem Namen "Embrace" zusammengeschlossen haben. Oder die Wäscherei "Heinzelmännchen", eine Tochter des BWMK. Manche der Beschäftigten seien "zu fit für die Werkstatt", wie Betriebsleiter Jürgen Müller sagt.
Es laufe schon anders ab als in "normalen" Betrieben, sagt Müller. Viele seiner Leute könnten nicht so schnell arbeiten, manche müssten öfter eine Pause einlegen. Deshalb findet er die Kritik seiner Konkurrenten unberechtigt, die von Wettbewerbsverzerrungen sprechen, weil den Betrieben der ermäßigte Umsatzsteuersatz von 7 Prozent gewährt wird. "Ich kann aus den Leuten nicht mehr rausholen." Aber das sei auch nicht das Ziel: Die Arbeit richte sich nach den Bedürfnissen der Beschäftigten, nicht umgekehrt.
Müller sagt, dass Inklusion nicht so einfach sei. Das liege auch an den nichtbehinderten Kollegen. "Der kriegt dasselbe Gehalt, obwohl er viel langsamer arbeitet als ich", bekomme er bisweilen zu hören. Müller sage dann: "Plötzlich behindert - das kann auch dir jederzeit passieren."