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Veröffentlicht: 29.09.2015, 15:30 Uhr

Grüne Ingenieure Überlebenstraining für Energie-Spezialisten

Die großen Stromversorger bauen Stellen ab - mancher Ingenieur muss auf den Bereich der erneuerbaren Energien umschulen. Denn hier gibt es jede Menge Perspektiven. Nicht nur bei den großen Energieversorgern.

von Leonie Heim
© dpa Arbeiten auf hoher See: Offshore-Windpark Nordsee Ost

Thomas Johann wohnt seit Jahresbeginn an zwei Orten: Sieben Tage verbringt er auf Helgoland und arbeitet in einem Windpark, dann lebt er wieder eine Woche mit der Familie auf dem Festland. Johann ist Leiter der Service- und Betriebsstation für den Offshore-Windpark Nordsee Ost, den RWE Innogy vor wenigen Monaten in Betrieb nahm. Mehr als sieben Jahre lang hat er zuvor bei RWE im konventionellen Bereich gearbeitet. „Im Vergleich zu konventionellen Anlagen ist hier der Teamgeist noch stärker ausgeprägt. Bei der Arbeit auf See sind die Kollegen aufeinander angewiesen. Auf Helgoland haben wir ein eigenes Apartmenthaus, auch ein Großteil der Freizeit wird zusammen verbracht - ein wenig wie auf einem Schiff“, sagt Johann. Und wie bei einem Schiff sei einer der wichtigsten Faktoren bei der Arbeit im Windpark das Wetter. Wind und Wellen bestimmen, ob die Mitarbeiter überhaupt mit dem Boot auf die Anlage übersetzen können, alle haben Kletterkurse, Rettungsübungen und ein Training für das Überleben auf See absolviert. Das hat mit der Theorie, die in der Hochschule vermittelt wird, wenig zu tun. „Wir haben es mit sehr junger Technologie zu tun“, sagt Johann. „Wir müssen Erfahrungen sammeln und Techniken weiterentwickeln. Wie erträgt der Werkstoff die Bedingungen, welchen Einfluss haben die salzhaltige Luft und die Umgebungsbedingungen?“ Windparks auf hoher See würden auch noch in zehn Jahren ein junger Bereich mit vielen Herausforderungen sein.

Die Energiewende beeinflusst langfristig nicht nur die Umwelt, sie verlagert auch Stellen - vom konventionellen Bereich in den erneuerbaren. Seit dem 2011 beschlossenen Atomausstieg kommen auf Techniker und Ingenieure neue Aufgaben zu. Wer sich darin auskennt, ist gefragt. So hält der angeschlagene Energieriese RWE zwar an allen Sparten fest - doch während der Mutterkonzern hohe Verluste einstreicht und Tausende Mitarbeiter entlässt, schlägt sich die ÖkostromTochtergesellschaft RWE Innogy tadellos. Auch die Tatsache, dass Eon im April dieses Jahres Kohle, Gas und Atomkraft in dem Unternehmen Uniper abspaltete, zeigt, dass die nahe ökonomische Zukunft in der Energiebranche den erneuerbaren Energien, ihrer Speicherung und dem Netzausbau gehört. Und damit den Ingenieuren, die sich in diesen Gebieten auskennen.

Nach der Stromerzeugung geht es weiter

Wenn auch Wasser, Wind und Sonne die Symbolträger der Energiewende sind, ist das Bild im Ganzen noch wesentlich komplexer. Denn nach der Stromerzeugung geht es weiter: Damit die erneuerbare Energie auch dort ankommt, wo sie hinsoll, kümmern sich Elektroingenieure um ihre Einspeisung in die Stromnetze. Einer von ihnen ist Frank Alt, Leiter der Netzführung der RWE Westnetz in Rheinland-Pfalz. Dass die erneuerbaren Energien Vorfahrt haben, ist gesetzlich geregelt. Doch die Stromproduktion ist bei ihnen deutlich unvorhersehbarer als bei konventionellen Kraftwerken. Zwar ist sicher, dass nachts kein Solarstrom produziert wird. Doch ein unerwartet bewölkter Himmel oder ein plötzlicher, starker Wind kann die Berechnungen schnell durcheinanderbringen. Dann müssen die Ingenieure und Techniker sicherstellen, dass die Leitungen nicht überlastet werden. Seit der Energiewende komme es immer häufiger vor, dass die prognostizierten Werte nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen und die Mitarbeiter eingreifen müssen. „Nicht nur am Ausbau, auch an der Intelligenz der Netze wird gearbeitet“, sagt Alt. „Es werden Materialien verwendet, die immer belastbarer sind. Geräte nehmen die Wettermesswerte aus dem Leitungsumfeld auf, so dass wir bei Kälte oder starkem Wind mehr Energie durchleiten können, ohne dass die Leitungen zu heiß werden oder durchhängen.“ Die Netzbeobachtung werde immer wichtiger, je mehr Energie aus erneuerbaren Quellen komme. Bei günstigen Wetterbedingungen könne der Energiebedarf schon vollständig aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. „Das Problem ist jedoch, dass wir die eingespeiste Energie auch aufnehmen müssen, wenn der Verbrauch nicht so hoch ist, wie beispielsweise nachts.“ Einmal produzierter Strom muss eingespeist werden - im Notfall wird das Ausland dafür bezahlt, dass die Energie dort verwendet wird.

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