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Mobilitätsdienstleister Mobil mit dem Smartphone

 ·  Das eigene Auto ist kein Muss mehr. Im Internet findet sich Ersatz - von der Mitfahrgelegenheit bis zum Leihwagen. Oft entwickeln junge Ingenieure solche Konzepte und werden zu Unternehmern.

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© Cyprian Koscielniak

Sie tragen Namen wie „Autonetzer“, „Car2gether“, „Flinc“, „DriveNow“ „carpooling.com“, „MeinAuto.de“ „Getaround“, „Multicity“, „Nachbarschaftsauto“, „Open Ride“ oder „Tamyca“. Eine ganze Welle neuer Mobilitätsdienstleister, oft von jungen Leuten gegründet, macht von sich reden. Ob Carsharing, Kurzzeitmiete, Mitfahrgelegenheit oder Neuwagenverkauf: Die Geschäftsmodelle funktionieren fast immer mit Hilfe des Internets und über Smartphones. Die grundlegende Idee ist meist dieselbe: Wer gelegentlich ein Auto nutzen will, muss dafür nicht mehr unbedingt eines besitzen.

Früher waren Carsharing und Mitfahrzentralen etwas für vermeintlich freudlose Ökos. Tage im voraus musste sich anmelden, wer eine Fahrt unternehmen wollte, und hoffen, dass es klappt. Heute läuft die Anmeldung fast vollständig spontan über Smartphone und App-Technik. Die Zahl der Nutzer von Carsharing-Angeboten ist laut deutschem Branchenverband allein in den beiden zurückliegenden Jahren um jeweils 30000 auf jetzt 220.000 Personen gewachsen. Entsprechend viele Leute werden von den Mobilitätsdienstleistern eingestellt.

Beispiel Carpooling

Zum Beispiel bei der Mitfahrzentrale „carpooling.com“. Dort arbeitet seit kurzem Holger Haslbeck. Der erfahrene IT-Ingenieur und diplomierte Informatiker hat seine Karriere Anfang der neunziger Jahre als Softwareentwickler in der Autoindustrie begonnen, wechselte später in die Internetbranche und in die boomende Computerspielbranche. Seit Juni dieses Jahres arbeitet er für Carpooling. Das Münchener Unternehmen betreibt unter anderem die Internetseite „mitfahrgelegenheit.de“ und ist europäischer Marktführer in der Vermittlung von Fahrgemeinschaften.

Im Juli beteiligte sich sogar der Autokonzern Daimler an der stark wachsenden Firma. Demnächst ist der Start einer Carpooling-Plattform in den Vereinigten Staaten geplant. Haslbeck leitet die Planung neuer Produkte, führt Entwicklungsprozesse ein und vermittelt zwischen Produktmanagement und Softwareentwicklern. Stefan Weber, einer der drei Gründer von Carpooling und ein ehemaliger Kollege von Haslbeck bei Yahoo, holte ihn zu dem Mitfahrnetzwerk. „Mobilität ist ein wichtiges Zukunftsthema, aber nicht jeder Mensch wird ein eigenes Auto besitzen. Wir machen es Autofahrern sehr leicht, über Internet oder Smartphone freie Plätze in ihrem Wagen zu füllen“, beschreibt Haslbeck seine Motivation. Das sei auch ein Beitrag zum Klimaschutz. Man könne in einem kleinen Unternehmen wie Carpooling viel bewegen. „Das macht Spaß.“

Noch arbeiten erst 40 Beschäftigte im Münchner Büro von Carpooling. Das Unternehmen hat aber schon zusätzliche Stellen für IT-Ingenieure und Software-Entwickler ausgeschrieben. Neben der Aussicht, in einer Wachstumsbranche zu arbeiten, winkt ein überdurchschnittliches Gehalt.

Startups gibt’s auch für den Autokauf

Nicht immer geht es bei den Internet-Startups darum, sich kein eigenes Auto kaufen zu müssen. Auch der Kölner Internet-Neuwagenhändler „MeinAuto.de“ wächst stark. So stark, dass die Konkurrenten aus den konventionellen Autohäusern schon nervös werden. Das 2007 gegründete Startup sucht immer wieder neue Mitarbeiter. Schon belegen die gut 80 ausnahmslos jungen Beschäftigten - das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren - zwei Etagen im Kölner Bürohochhaus „Patrizia Towers“ im trendigen Stadtteil Ehrenfeld. Derzeit sucht das Unternehmen einen Leiter für die Informationstechnik (IT), der zwei Systemadministratoren und ein halbes Dutzend sogenannter Web-Entwickler führen soll. Für die Auftragsbearbeitungssoftware werden Web-Entwickler, Informatiker und Wirtschaftsinformatiker benötigt. Auch Ingenieure oder Wirtschaftswissenschaftler, die Berufserfahrung mit Internetportalen gesammelt haben, können bei den Kölnern als IT-Produktmanager E-Commerce arbeiten. „MeinAuto.de“ hat zudem eine Absolventin, die in einem Masterprogramm für Produktmanagement studiert, als Teilzeitkraft ins Unternehmen geholt. „Das ist ein sehr interessantes Studienprofil, das selten ist“, sagt Andreas Partz von „MeinAuto.de“. Solche neuen Studiengänge zeigten, wie das Hochschulwesen auf die geänderten Anforderungen im Markt reagiere.

Die Nachfrage nach IT-Absolventen ist hoch, das Angebot knapp. Viele ausgebildete Informatiker nutzen ihre Möglichkeiten, indem sie als Freelancer vergleichsweise selbstbestimmt arbeiten, und zahlreiche Web-Entwickler sind nicht auf dem Arbeitsmarkt, weil sie lieber als Selbstständige agieren. Die Arbeitgeber konkurrieren um diese Fachkräfte: Auch Internet-Companys suchen häufig Web-Entwickler. „Wir sind darauf angewiesen, dass die Studenten, die wir beschäftigen, sich in Eigenregie selbst viel aneignen“, sagt Partz. Deshalb bildet „meinauto.de“ selbst aus: zum Beispiel Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung oder für Systemintegration. Das Unternehmen lässt junge Menschen praxisnah arbeiten. „Auszubildende laufen bei uns nicht nur mit. Sie bekommen peu à peu alles beigebracht, übernehmen Projekte, planen, konzipieren und setzen die Projekte um“, sagt Partz.

Die Lebensläufe von Web-Entwicklern und IT-Mitarbeitern sehen sehr unterschiedlich aus. „Wir haben alle Varianten - vom Informatikstudium über die technische oder gestalterische Ausbildung bis hin zu Autodidakten, die sich alles selbst beigebracht haben“, sagt Partz. ITler wünschten sich eine andere Art von Selbstverwirklichung als BWLer oder Vertriebler. Es gehe ihnen um spannende technische Projekte, weniger um unternehmerische Herausforderungen. Hohe Gehaltsforderungen seien daher selten ein Problem.

Kein Wunder: Wer für einen der neuen Mobilitätsdienstleister arbeitet, bekommt zumindest das Gefühl an einer großen Sache mitwirken zu können. Das Mobilitätsverhalten der Menschen ändert sich. Einer Studie der Goethe-Universität Frankfurt zufolge hat sich der Anteil der Führerscheinbesitzer unter den Zwanzigjährigen in den vergangenen zehn Jahren ungefähr halbiert. Selbst Autofahrer nutzen häufig nur noch gelegentlich ein Fahrzeug, ohne es zu besitzen. Die Zulassungszahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes sprechen eine deutliche Sprache: Waren 1988 noch 16 Prozent der Neuwagenkäufer zwischen 18 und 29 Jahre alt, so ist dieser Anteil bis 2009 um mehr als die Hälfte auf 7 Prozent gesunken.

Vermietung von Privat für Privat

Mit der Autovermietung von privaten Besitzern an private Nutzer befasst sich das Startup „Tamyca“. Auf die Idee kamen vier Ingenieurs- und Informatikstudenten aus Aachen. Michael Minis (Wirtschaftsingenieur), Andreas Krüger (Software-Ingenieur), Markus Harmsen (Software-Ingenieur) und Justus Lauten (Designer mit Informatik-Studium) fragten sich: Warum stehen so viele Autos ungenutzt herum? Im November 2010 entstand „tamyca.de“. Binnen Tagen erstellten die Studenten eine erste Version der Website, auf der Privatpersonen ihr Auto vermieten können. Die Website stieß schnell auf großes Interesse - sie hatten einen Nerv getroffen.

Die vier Gründer sind sich sicher, dass sie gerade wegen ihres ingenieurwissenschaftlichen Fachwissens die Plattform in kürzester Zeit auf die Beine stellen konnten. Michael, der Wirtschaftsingenieur, wendet sein Wissen als Geschäftsführer an, Andreas entwickelt das Back-End der Plattform. Markus entwickelt das sogenannte Front-End, die Programmierung der Website und die Android-App, und Justus, der Informatiker mit Design-Talent, macht alles schön: die Website, das Logo und den Konzeptfilm.

Der erste „richtige“ Angestellte der Gründer war IT-Ingenieur mit einem kurzen Maschinenbaustudium und einer Ausbildung zum Fachinformatiker, Schwerpunkt Anwendungsentwicklung. Der zehnte Mitarbeiter, den Tamyca zuletzt eingestellt hat, ist ein Maschinenbau-Student. Zurzeit sucht Tamyca Ingenieure mit der Vertiefungsrichtung Prozessentwicklung, aber auch mit elektrotechnischem Hintergrund für die Entwicklung der „Tamyca-Box“, eines Systems, das die schlüssellose Übergabe des Autos per Smartphone und einer Hardware im Fahrzeug ermöglicht.

Neue Fachleute braucht auch die Flinc AG - nicht zu verwechseln mit der Carsharing-Tochtergesellschaft Flinkster der Deutschen Bahn. Flinc vermittelt spontane Mitfahrgelegenheiten über Internet und Smartphone. Das 2010 gegründete Unternehmen beschäftigt 17 Mitarbeiter und hat zwei Teams: Ein Entwickler-Team aus Konzeptern, Designern und Softwareentwicklern und ein Business-Development-Team, in dem Marketing und Vertrieb stattfinden. „Für das Entwickler-Team suchen wir primär Softwareentwickler, die mehrjährige Erfahrung in der Programmierung von Ruby on Rails haben“, sagt Gründer und Unternehmenschef Klaus Dibbern. Ruby on Rails ist ein Software-Rahmen für die Entwicklung dynamischer Websites. Wichtiger als die fachliche Qualifikation, sagt Dibbern, seien aber soziale Kompetenzen. Ist der Mitarbeiter teamfähig? Kann er sich den Veränderungen eines Startups anpassen?

Ob bei Flinc oder anderswo: Mit den neuen Mobilitätsdienstleistern eröffnen sich für Absolventen von Ingenieursstudiengängen, die nicht in der klassischen Industrie arbeiten wollen, völlig neue Perspektiven. Eine Studie der Unternehmensberatung Frost & Sullivan prognostiziert, dass 2016 weltweit knapp 10 Millionen Menschen 150000 Carsharing-Fahrzeuge nutzen.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

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