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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

E-Mobilität Vierzig Studenten und ein Elektroflitzer

 ·  Hamburger Studenten haben ein Elektroauto gebaut. Dafür gibt es keine Leistungspunkte, aber Praxiserfahrungen und wichtige Kontakte zu Unternehmen.

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Im Hamburger Stadtpark brüllen die Motoren. Die Fahrer rollen an die Startlinie und zeigen, wie laut ihre Oldtimer knurren können. Der Aston Martin donnert und dröhnt, der Jaguar faucht und knurrt, und der Formel-3000-Klassiker Ralt Cosworth knattert so laut, dass den Zuschauern am Rand der Strecke schon vor Beginn des Rennens fast das Trommelfell platzen. Rund um den Park drängen sich Tausende Besucher hinter Zäunen, Heuballen und Fahrbahngittern. Zwischen den blitzenden Karossen wartet ein kleines weißes Auto auf den Start. Kaum größer als ein Gokart, duckt es sich zwischen den leistungsstarken Veteranen. Der Motor gibt keinen Laut von sich, nur ein Blinklicht am Überrollbügel zeigt, dass die Elektromaschinen im Heck bereit sind loszufahren. Die zurechtgestutzte Außenhaut ist mit Aufklebern von Sponsoren übersät, die Kunststoffnase mit Klebeband fixiert. Der Helm des Fahrers guckt aus dem Gitterrohrrahmen hervor, der die ganze Konstruktion irgendwie zusammenhält. Alexander Knittler steht am Straßenrand, lässt den Wagen nicht aus den Augen und brummt: „Hauptsache, wir bleiben unterwegs nicht liegen.“

Knittler ist 21 Jahre alt und studiert allgemeine Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Zusammen mit einigen Kommilitonen hat er den kleinen Flitzer gebaut. Auf der Oldtimer-Rallye in Hamburg fahren die Studenten zwar nur zum Spaß mit und um ein bisschen bekannter zu werden. Aber jeder Einsatz ist eine wichtige Testfahrt, denn bisher hat der Elektroflitzer zuverlässig versagt, sobald es ernst wurde.

Akku-Ausfall nach Runde acht

Bei einem Rennen in Silverstone kam der Wagen nicht über die Startlinie hinaus, weil sich in einem Kontrollsystem des Motors Wasser angesammelt hatte. In Hockenheim fiel nach der achten Runde ein Akku aus, und nur wenige Tage vor der Rallye in Hamburg brach ein Bauteil der hinteren Radaufhängung. Das sei jetzt alles repariert, sagt Knittler und reckt sich über das Absperrgitter. Dann flattert die Fahne, die Motoren dröhnen, und die Rennwagen schießen an den Zuschauern vorbei.

Dass dieses Auto überhaupt existiert, grenzt an ein kleines Wunder. Viele Bauteile, vom Getriebe über das Fahrwerk bis zum Lenkrad, haben die Studenten selbst gezeichnet, gefräst und zusammengeschraubt. Damit der Sitz des 85 Kilowatt (115 PS) starken Wagens genug Halt bietet, hat der Fahrer drei Stunden lang in nassem Schaumstoff gesessen, bis das Material um sein Hinterteil herum ausgehärtet war.

Das Geschäftsfeld gilt als Zukunftsmarkt

Die Planung begann vor gut einem Jahr. Damals gründeten ein paar Dutzend Studenten der TUHH einen Verein namens E-gnition mit dem Ziel, an der Formula Student Electric teilzunehmen. Der Höhepunkt dieses Konstruktionswettbewerbes ist ein Rennen, bei dem Studenten aus aller Welt jedes Jahr in selbstgebauten Autos gegeneinander antreten. Die Organisation dahinter wird unterstützt von großen Automobilherstellern. Die Unternehmen wollen das Interesse junger Ingenieure an der Automobilwirtschaft wecken. Außerdem wollen sie Nachwuchs heranziehen, der die ehrgeizigen Ziele der Elektromobilität in die Tat umsetzt.

Dieses Geschäftsfeld gilt als Zukunftsmarkt. Allein in Deutschland sollen nach den Plänen der Bundesregierung bis 2020 mindestens eine Million Elektroautos auf den Straßen rollen. Das stellt die Unternehmen vor große Herausforderungen. Die Batterien müssen stärker, Fahrwerke und Karosserien leichter werden. Informatiker müssen die Fahrzeugelektronik weiterentwickeln, Ingenieure die Antriebsstränge. Nach Schätzungen der Branche entstehen dadurch allein in Deutschland 30.000 neue Arbeitsplätze.

An Universitäten, zum Beispiel in München, Chemnitz, Stuttgart und Bochum, sind Bachelor- und Masterstudiengänge mit dem Schwerpunkt Elektromobilität angelaufen. Wer sich neben dem Studium an Projekten wie der Formula Student beteiligt, sammelt praktische Erfahrung und knüpft Kontakte zu Unternehmen. Für diesen Wettbewerb legen sich die Studenten kräftig ins Zeug. In Madrid, Bombay und Montreal zerbrechen sie sich den Kopf über Getriebeteile, Batterien und neue Werkstoffe für die Außenhaut.

Alexander Knittler starrt auf die Strecke. Donnernd verschwindet das Feld hinter einer Kurve. Der weiße Flitzer ist beim Start gut weggekommen und hat sich hinter einem aufgemotzten Golf 1 eingereiht. Knittler atmet auf. Er ist vor einem Jahr aus Neumünster zum Studium nach Hamburg gekommen. Vor drei Wochen haben die Vereinsmitglieder ihn an die Spitze gewählt. Bisher war er vor allem fürs Marketing zuständig, jetzt muss er ein kleines Unternehmen mit rund 40 Mitarbeitern führen - es gibt einen Finanzchef, einen Konstruktionsleiter und zahlreiche Fachabteilungen -, allerdings mit dem großen Unterschied, dass dort niemand Geld verdient. Die Arbeit ist freiwillig, sie kann weder als Kurs noch als Praktikum angerechnet werden. Teilweise arbeiten Knittler und seine vier Vorstandskollegen bis zu 70 Stunden in der Woche an ihrem Auto. In dem Wagen steckt die Arbeit zahlloser Nachtschichten, als Werkstatt dient eine Nische im Laserzentrum der Universität.

Wichtige Klausuren verhauen

Eine solche Zusatzbelastung wirkt sich auf das Studium aus. Wichtige Klausuren in Mechanik, Mathematik und Elektrotechnik hat Knittler schon verhauen. „Mein Studium wird mindestens zwei bis drei Semester länger dauern.“ Er glaubt aber, dass sich das lohnt. Regelmäßig kämen Briefe von Unternehmen, welche die Studenten ermutigten, sich bei ihnen zu bewerben. Ein Kommilitone habe schon während des Studiums eine Stelle beim Hauptsponsor bekommen, erzählt er. Seit der Vereinsgründung haben die angehenden Ingenieure Geld und Bauteile im Wert von 130.000 Euro von Sponsoren eingeworben. Auch die TUHH leistet finanzielle Hilfe und stellt zudem Räume und Werkzeug zur Verfügung.

Nach zehn bangen Minuten beginnt die letzte Runde. Gerade ist der Flitzer so gefährlich über eine Bodenwelle gehüpft, dass Knittler fast die Luft weggeblieben ist. Aber der Wagen fährt noch, schlägt sich sogar recht gut, auch wenn die bollernden Kraftprotze dicht an der Außenhaut vorbeiziehen und der Fahrer vor Schreck kleine Schlenker fährt.

Ein komplett neues Auto soll entstehen

In den kommenden Monaten wollen die Studenten ein komplett neues Auto entwerfen, womöglich mit einer steifen Kunststoffhaut statt eines Gitterrohrrahmens. So könnte der Wagen leichter werden. Jetzt diskutieren sie über die Details: Wie viel Geld können wir ausgeben, welche Komponenten müssen neu entwickelt werden, brauchen wir eine neue Teamstruktur? Großes Ziel ist das nächste Rennen der deutschen Formula Student im kommenden August. Daran wollen die Studenten möglichst schon mit ihrem neuen Flitzer teilnehmen. Knittler sieht eine seiner wichtigsten Aufgaben darin, dass neben der Arbeit etwas mehr gegrillt und dafür etwas weniger gezankt wird.

Die Fahne flattert, das Rennen ist vorbei. Das Auto rollt im hinteren Mittelfeld über die Ziellinie. Der neue Vereinschef freut sich und eilt ins Fahrerlager, das im Wesentlichen aus einem Pavilion, einem Anhänger und einer Kaffeemaschine besteht. Sein Technikchef hat die Batterien schon zum Aufladen angeschlossen, zwei Informatiker diskutieren über Beschleunigungskurven am Laptop. Einige Studenten stehen herum und mampfen Currywurst. Zum ersten Mal hat der kleine Flitzer ein Rennen zu Ende geschafft.

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