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Ingenieure im Atomkraftwerk Gewappnet für den Ernstfall

04.04.2011 ·  Wenn ein Atomkraftwerk kollabiert, liegt das Wohl eines ganzen Landes in der Hand von wenigen Ingenieuren und Technikern. Auch in Deutschland wird der Ernstfall trainiert. Nach Fukushima hat mancher Mitarbeiter dabei ein mulmiges Gefühl.

Von Corinna Budras, Bernd Freytag und Carina Zappe
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Die Nachrichten aus Japan machen fassungslos: Seit Wochen riskieren mehr als 400 Mitarbeiter des Unternehmens Tepco ihr Leben und ihre Gesundheit, um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima unter Kontrolle zu bringen. Die Männer schlafen im Gebäude der Anlage unter Bleitüchern. Drei Mitarbeiter ohne ausreichende Schutzkleidung waten durch verstrahltes Wasser, erleiden Verbrennungen und müssen ins Krankenhaus. Angeblich handelt es sich bei der Kernkraft um eine ausgeklügelte Hochtechnologie, die aber im Angesicht wüster Zerstörung scheinbar auch nur mit Schraubenschlüssel, Hammer und Wasserwerfer gebändigt werden kann – wenn überhaupt. Die Deutschen schauen besorgt auf ihre 17 Atommeiler und fragen: Kann das auch hier passieren?

Einer bestimmten Gruppe Menschen stellt sich diese Frage derzeit aus ganz anderem Blickwinkel: Techniker und Ingenieure aus der Energiebranche üben seit Jahrzehnten in umfangreichen Trainings, wie sie sich im Fall des Falles zu verhalten haben. Auch Mitarbeiter anderer Branchen, wie etwa der Öl- oder Chemieindustrie, werden regelmäßig auf Störungen jeder Art vorbereitet. Doch seit Fukushima schwingt im Hintergrund solcher Schulungen eine neue Atmosphäre der Dringlichkeit mit. Würde ich mich wirklich in einem havarierten Kraftwerk der gefährlichen Strahlung aussetzen? Oder mein Leben bei den Aufräumarbeiten nach einem Chemieunfall riskieren?

Die Konzerne reagieren auf Vorbehalte gegen die Atomkraft mit dem reflexartigen Hinweis auf die sehr hohen Sicherheitsstandards: Relevante Störfälle seien in den vergangenen 30 Jahren so gut wie gar nicht vorgekommen. Die meisten Vorfälle in deutschen Kernkraftwerken fielen in die Kategorie „Null“ in der sicherheitstechnischen Bedeutung, betont die Kraftwerks-Simulator-Gesellschaft KSG. In keinem Fall sei eine unzulässige Strahlenbelastung entstanden.

„Es gibt keine Chance, den Störfall zu üben“

Trotzdem müssen sie bei der Schulung ihrer Ingenieure oder Techniker hohe Anforderungen erfüllen. Dabei wird der große Vorteil der deutschen Meiler zum Nachteil: „Es gibt keine Chance, den Störfall zu üben“, sagt KSG-Geschäftsführer Eberhard Hoffmann. Seit 1978 betreiben deshalb die vier großen Energieversorger RWE, Eon, Vattenfall und ENBW unter dem Dach der KSG und der Gesellschaft für Simulatorschulung (GfS) gemeinsam ein Simulatorzentrum in Essen. Jedes Jahr werden dort bis zu 600 Kurse in Gruppen von je etwa fünf Leuten abgehalten. Die Ingenieure und Techniker werden auf alle Szenarien vorbereitet: Flugzeugabsturz, Explosion, Großfeuer, Sabotage. Das Schaltzentrum jedes Atomkraftwerks, die sogenannte Warte, ist dort realitätsgetreu nachgebaut.

An diesem Tag haben sich Schichtleiter Ralf Scheer und seine dreiköpfige Arbeitsgruppe zum Training im Essener Simulator eingefunden. Sie fühlen sich in der Warte wie im heimischen Schaltzentrum ihrer bayrischen Siedewasserreaktoren in Grundremmingen. Nur der sandfarbene Teppichboden ist im Simulator vergleichsweise sauber. Auf der Fläche eines gemütlichen Einfamilienhauses mit 25 400 Signallampen, -feldern und -bildschirmen wird ein Störfall geprobt. Ein unterschwelliger Piepton, permanentes Brummen und dezentes Sirenengeheul machen die Schicht auf einen Kühlmittelverlust aufmerksam. Eine Leitung im Kühlmittelbehälter ist abgerissen. Parallel zum akustischen Signal beginnen Schalter aufzublinken. Die großen, roten Zahlen an der Anzeige am Kopf des Raumes werden kleiner, die elektrische Leistung fährt zurück. Ingenieur Scheer, der seit 1996 „auf Schicht“ ist, gibt in ruhigem Ton Anweisungen, fragt bei den Kollegen Parameter ab und meldet telefonisch den Vorfall. Besonnen überwacht Scheer die Instrumente. Dann löst er den Räumungsalarm aus. Die Anlage fährt derweil von alleine herunter.

„In uns drin ist es natürlich nicht so ruhig“

„In uns drin ist es natürlich nicht so ruhig“, sagt Scheer. „Der Adrenalinpegel steigt mit ausgelöstem Alarm schon.“ Die Anlage sei so real aufgebaut, dass man vergesse, dass es sich nur um eine Übung handele. Nach ein paar Minuten sind die Sirenen verstummt. Die Lampen der Schaltplattformen an den Wänden und auf den diversen Arbeitspulten beruhigen sich. Scheer erklärt: „Routine sind die Übungen hier nicht. Man wird nur sicherer.“

Für die Schicht von Grundremmingen ist es die erste Störfall-Schulung nach Fukushima. Daran denken wollen sie während ihrer Simulation nicht. Zwischen Stromausfall und Pumpenproblemen ist Konzentration gefragt. Scheer sagt: „Wir haben ja eine sehr hohe Verantwortung für die Bevölkerung rund um das Kraftwerk.“ Der 44 Jahre alte zweifache Vater ist mit seiner Familie ganz in die Nähe seines Arbeitsplatzes an der Atomanlage gezogen, wollte schon direkt nach dem Studium Schichtleiter werden: „Unser Kraftwerk ist noch genauso sicher wie vor drei Wochen. So etwas wie in Fukushima würde hier nicht passieren.“ Und wenn doch? „Dann würde ich wohl vor Ort meiner Verantwortung gerecht werden.“ Geübt hat er es ja. Denn in Essen werde, so KSG-Geschäftsführer Hoffmann, auch geprobt, woran die Japaner nun seit Wochen verzweifeln: dass auch das Sicherheitssystem kollabiert. Nach dem neuen „Design“, wie es Hoffman formuliert, wird auch der Notfallbetrieb durchlaufen.

Verläuft etwas außerhalb der Norm, muss innerhalb von zwei Stunden ein Krisenstab gebildet werden. Vor allem zwei Aspekte werden trainiert: die Leittechnik und das menschliche Verhalten. Das Ganze wird betreut durch Psychologen und Sozialwissenschaftler. Im Vordergrund steht das Verhalten des Einzelnen – „auch wenn keiner guckt“. Wichtig sei zudem die Kommunikation und das Teamwork – insbesondere das Zulassen anderer Meinungen. „Wir erwarten, dass Mitarbeiter ihrem Chef auch mal sagen: Damit liegen Sie technisch falsch“, sagt Hoffmann. „Das muss geübt werden.“ Alle Akw-Mitarbeiter müssen umfassend geschult werden – und das fortlaufend. Nach der Eingangsqualifikation als Ingenieur, Techniker oder Meister müssen sie eine Erstschulung von bis zu fünf Jahren durchlaufen. Das bedeutet viele Theoriekurse und 15 Wochen im Simulator. Danach folgen jedes Jahr 100 Stunden Fortbildung und zwei Wochen Simulatortraining.

Auch in der Chemiebranche wird der Ernstfall geprobt

Auch die Chemieindustrie hat mit dem Image einer kreuzgefährlichen Branche zu kämpfen. Dabei liegen schwere Unfälle in Deutschland lange zurück. Fast 90 Jahre ist es her, als bei der Explosion eines Stickstoffwerks der BASF Teile der vorderpfälzischen Gemeinde Oppau in Schutt und Asche gelegt wurden und 561 Menschen starben. Die jüngsten großen Chemieunfälle fanden allesamt im Ausland statt. Doch die Ängste sind groß. BASF produziert in Ludwigshafen mit 33.000 Mitarbeitern auf dem größten Chemieareal der Welt unmittelbar an der Stadtgrenze. Sicherheit ist essentiell.

Das Unternehmen schult nach eigenen Angaben seine Mitarbeiter regelmäßig und setzt auf ein ausgeklügeltes Risikosystem. Mit Hilfe einer Matrix bewertet der Konzern Gefahren nach der Eintrittswahrscheinlichkeit und den möglichen Folgen und entwickelt Abwehrpläne. In diese Krisenszenarien würden von Fall zu Fall auch Gemeinschaftsunternehmen einbezogen, Lieferanten etwa oder benachbarte Unternehmen bis hin zu Städten und Gemeinden. Die Notfallsysteme würden regelmäßig in Übungen mit Mitarbeitern und Behörden überprüft. Turnusgemäß seien im vergangenen Jahr mehr als 10.000 der insgesamt gut 100.000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt geschult worden.

Trotz aller Vorbereitung: Geht es um den Ernstfall, kommen mittlerweile auch hartgesottene Ingenieure ins Grübeln: „Fukushima hat uns nachdenklich gemacht“, sagt KSG-Geschäftsführer Hoffmann. Schließlich sei dort das Problem gewesen, dass zwei Großereignisse zusammengetroffen seien. In Deutschland würden zwar alle Szenarien durchgespielt, aber nicht mehrere auf einmal. „Darüber müssen wir nachdenken.“ Doch auch die realistischsten Übungen haben mit einer wirklichen Katastrophe eins nicht gemein: Anders als die Techniker in Fukushima können Schichtleiter Scheer und seine Kollegen nach ein paar Stunden Störfall-Training gelassen den Schaltraum verlassen und Kaffee trinken gehen.

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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