27.09.2008 · Not macht erfinderisch: Weil Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt kaum noch zu bekommen sind, entwickeln sich neue Geschäftsmodelle. Für viele Unternehmen spielt dabei der Preis keine Rolle. Hauptsache, der Fachmann kommt.
Von Sven AstheimerVom Fenster aus kann man die Maschinen sehen. Flugzeuge des Herstellers Airbus, die auf der eigenen Rollbahn des Werkes in Hamburg-Finkenwerder starten und landen. Es sei ein gutes Gefühl zu wissen, „dass man einen kleinen Teil zu so etwas Großem beigetragen hat“, findet Thomas Ehlers. Die meiste Zeit richtet sich sein Blick jedoch auf seinen Bildschirm. Dort flimmert ein Schaltplan, den Ehlers streng nach Vorgaben von Airbus erstellt. Er selbst arbeitet für Labinal, einen der großen Zulieferer im Airbus-Verbund. Das französische Unternehmen ist spezialisiert auf die Verkabelung in den Flugzeugen.
Dass er einmal in der Flugzeugkonstruktion landen würde, hätte der heute 48 Jahre alte gelernte Betonbauer mit späterer Zusatzqualifizierung Elektrotechnik bis vor ein paar Jahren nicht gedacht. Der Mangel an Fachkräften hat ihm über Zeitarbeit und Weiterbildung den Aufstieg aus der Arbeitslosigkeit in eine Wachstumsbranche ermöglicht. Thomas Ehlers ist so etwas wie die personifizierte Antwort auf die Ingenieurslücke. Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.
Milliarden gehen verloren, die Gehälter steigen
Seit rund drei Jahren stimmt die Industrie schon das Klagelied vom Ingenieurmangel an. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlten im vergangenen Jahr rund 70.000 Ingenieure, das waren 44 Prozent mehr als 2006. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) schätzt den daraus resultierenden jährlichen Wertschöpfungsverlust auf 3,5 Milliarden Euro. Die große Nachfrage treibt folgerichtig die Gehälter der Spezialisten in die Höhe. Das Jahresbruttogehalt eines Ingenieurs lag nach Angaben des IW im Jahr 2006 um 69 Prozent über dem Salär aller Vollbeschäftigten und um 29 Prozent über dem anderer Akademiker. Zehn Jahre vorher hatte der Abstand zu anderen Hochschulabsolventen nur 3,6 Prozent betragen.
Vor allem für Ingenieure mit Berufserfahrung habe sich „das Lohngefüge deutlich nach oben verschoben“, berichtet Manfred Kennel aus der Geschäftsführung von Diehl Aerospace. Das deutsch-französische Gemeinschaftsunternehmen sorgt in den Flugzeugen von Airbus und Boeing für die richtige Beleuchtung. In den vergangenen Jahren sei man in der Wertschöpfungskette nach oben gerutscht, sagt Kennel, „vom Leiterplatten- zum Systemlieferanten“ geworden. Jeder dritte Mitarbeiter ist mittlerweile im Bereich Forschung und Entwicklung tätig, mehr als in der Produktion. Wegen des Luftfahrtbooms sind die Auftragsbücher auf mehrere Jahre hinaus voll. Um sicherzustellen, dass diese Aufträge auch von qualifiziertem Personal abgearbeitet werden können, hat Diehl unter anderem Kooperationen mit Universitäten ins Leben gerufen. Durch Berufspraktika sollen frühzeitig Kontakte zu potentiellen Mitarbeitern geknüpft werden. Eine Strategie, die bislang aufgehe, sagt Kennel.
Indische Verhältnisse: sechs Stellen, 2000 Bewerber
Auch anderswo hat die Not erfinderisch gemacht. Schon kurz nachdem sie vor sieben Jahren ihre Arbeit als Personalmanagerin für Labinal begann, erzählt Martina Matthäi-Lehmann, habe die rasante Expansion am Luftfahrtstandort Hamburg die Suche nach Luftfahrtingenieuren zur Herausforderung werden lassen. „Wir brauchten so viel Personal, wie wir am Markt gar nicht beschaffen konnten.“ Zumal unter deutschen Ingenieuren sich zunehmend eine gewisse „Arroganz“ breitgemacht habe, getreu der Devise: „Hier ist meine Bewerbungsmappe, wie viel bezahlt ihr mir?“ Also geht der Blick ins Ausland. Vor allem der indische Arbeitsmarkt sei sehr interessant, berichtet die Personalmanagerin. Auf die Ausschreibung für sechs Ingenieurstellen dort habe man 2000 Bewerbungen erhalten – und viele Kandidaten seien überqualifiziert gewesen.
Gleichzeitig schaute sich Labinal auf dem heimischen Arbeitsmarkt in verwandten Berufsgruppen um, etwa unter Maschinenbauern oder Elektrotechnikern. Später wich man auf Bauingenieure aus. Ein Bauingenieur müsse Wasserleitungen durch Häuser legen, der Flugzeugingenieur Kabelbündel durch Flugzeuge, da sei ein Grundverständnis vorhanden, erklärt Matthäi-Lehmann. Allerdings mussten noch die speziell benötigten technischen Fähigkeiten vermittelt werden, vor allem das Arbeiten mit der unerlässlichen Software Catia. Zunächst führte Labinal die Schulungen selbst durch. Doch irgendwann reichten die Kapazitäten dafür nicht mehr aus, zumal für die Produktion des neuen Airbus A350 neue Werkstoffkenntnisse notwendig sind.
„Es sind weniger Fische im Teich“
Deshalb greift das Unternehmen inzwischen auf professionelle Personaldienstleister wie Ferchau oder Adecco zurück. Natürlich könne auch Adecco geeignete Kandidaten nicht einfach aus dem Hut zaubern, sagt Deutschland-Geschäftsführer Uwe Beyer. Der Abbau der Arbeitslosigkeit seit 2006 um rund 2 Millionen habe die Suche nicht leichter gemacht. „Es sind einfach weniger Fische im Teich.“ Als weltweit tätiger Konzern verfüge man aber über ein dichtes Netzwerk und auch über viele Kooperationspartner in der Weiterbildungsbranche.
Einer dieser Partner ist das Hamburger Unternehmen Date up, das auch mit anderen Zeitarbeitsanbietern wie Manpower zusammenarbeitet. Hier wird Personal in mehrmonatigen Catia- oder SAP-Kursen für den Einsatz in der Luftfahrt, dem Schiffsbau oder der Logistik geschult. Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass ein technischer Beruf erlernt wurde. Ein Teil der Kandidaten kommt mit einem Vermittlungsgutschein der Arbeitsagentur, die dann die Kosten von 3500 Euro trägt. Länger als zwei Jahre sollten die Kursteilnehmer allerdings nicht arbeitslos gewesen sein, sagt Bildungsberaterin Tina Eisner. Sonst falle der Anschluss zu schwer. Der Altersdurchschnitt in den Klassen liege bei 40 Jahren, eine Begrenzung nach oben gebe es nicht. „Wir hatten im Kurs für die Schiffsbauer gerade einen 60-Jährigen, der war in der Abschlussprüfung Klassenbester.“ Auch die Bildungsbranche spürt den Aufschwung am Arbeitsmarkt. „Früher konnten wir uns die Leute aussuchen“, sagt Eisner. „Heute nicht mehr.“
An Weihnachten Schokolade statt Kalender
Die Suchkosten für Hochqualifizierte seien in den vergangenen Jahren um rund 25 Prozent gestiegen, berichtet Adecco-Chef Beyer, den Aufpreis tragen die Kunden. Aus deren Reihen seien jedoch kaum Klagen zu hören. „Für die Unternehmen wäre es deutlich teurer, die Stelle nicht zu besetzen, als einen Personaldienstleister zu beauftragen“, lautet Beyers simple Rechnung. Daran werde sich trotz Konjunkturschwäche auch in Zukunft wenig ändern. „Der Druck entsteht auf die unteren Lohngruppen. Aber die Suche nach qualifiziertem Personal wird teuer bleiben“, sagt der Manager voraus.
Berufswege wie der von Thomas Ehlers sind also keine Seltenheit. Seine anfänglichen großen Bedenken gegenüber der Zeitarbeit sind mittlerweile verflogen. Sein Gehalt entspreche dem üblichen Marktlohn, sagt er, schließlich erhalte er immer mal wieder ein Angebot. Auch sonst mag er keine Unterschiede zur Stammbelegschaft feststellen. Außer an Weihnachten vielleicht. „Da hat Adecco Schokolade verteilt und Labinal Kalender“, sagt der Norddeutsche trocken.
Mich wundert die Problematik nicht!
Yannik Keller (MCRendite)
- 28.09.2008, 21:17 Uhr
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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