Siebenhundert Meter ziehen sich die dunklen Gänge unter dem mächtigen Münchener Museumsbau hin. Aber den meisten Besuchern kommt der Rundgang deutlich länger vor. Denn viele biegen gänzlich unvorbereitet in die Abteilung und tauchen dann in eine überraschende, weil für sie völlig fremde Welt ein.
Sie spiegelt Meilensteine der Ingenieurskunst wider, um an feste mineralische Rohstoffe zu gelangen. Schon in den provisorischen Sammlungen von1906 an gab es eine Abteilung Bergbau. Das Anschauungsbergwerk und die Ausstellungsräume auf der Museumsinsel entstanden 1925, die Abteilung wurde mehrfach umgebaut und erweitert, zuletzt 1990. Die Entwicklung von Schachtbau und Schachtfördertechnik wird gezeigt, Schwerpunkte sind der Erz-, Salz- und Kohlenbergbau und der Tagebau.
Es ist ziemlich dunkel hier, geht runter und seltener hinauf über Treppen und Stiegen. Die Luft ist teils ölig und muffig, was nicht stört, weil es auf den drei Sohlen, Stockwerken, auf 4600 Quadratmetern zu viel zu entdecken gibt. Manche gerade der jüngeren Besucher genießen das Gefühl irgendwo zwischen Geisterbahn und Science-Fiction in den Kellern des Museums.
Der Schacht war damals High-Tech
Heute, da sich computergesteuerte High-Tech-Roboter durch den Fels arbeiten, wirkt der 11 Meter in die Tiefe reichende Nachbau des Klenze-Schachts fast ein wenig antiquiert. Ein Hunt, ein Grubenwagen, erinnert daran, dass im Süden von München bis 1971 Pechkohle abgebaut worden ist. Ein Förderkorb nimmt die gefüllten Förderwagen auf, die durch eine Aufschiebevorrichtung einzeln in den Korb eingeschoben und durch den Schacht an die Oberfläche gebracht werden. „1925 war das High-Tech, der Museumsgründer Oskar von Miller dokumentierte nicht nur die historische Entwicklung, sondern auch das, was damals aktuell war“, erklärt Kurator Klaus Freymann.
Bohren im Firstenstoßbau
Bohren, sprengen, wegladen, das wird im Firstenstoßbau demonstriert mit einem der vielleicht beeindruckendsten Szenen der Ausstellung: Drei lebensgroße Figuren arbeiten in einem steilstehenden Erzgang, der mit Original-Erz aus dem Oberharz nachgebildet ist. Sie mühen sich, in den Klüften Blei- und Zinkerz abzubauen. Die realistisch nachgebauten Szenen orientieren sich fast immer an konkreten Vorbildern, etwa am Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar, den Salzbergwerken in Berchtesgaden und im polnischen Wieliczka oder dem Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet.
Schaufelradbagger arbeiten sich durch den Braunkohlentagebau
Dem Tagebau ist ein eher konventionell gestalteter Part der Ausstellung gewidmet. Der großzügige Raum hat Tageslicht, draußen glänzt die Isar graugrün in der Frühlingssonne. Ein großzügiges Modell bildet den Braunkohlentagebau im Niederrheinischen Revier nach. Die größten Tagebaue in Deutschland dienen der Gewinnung von Braunkohle und liegen im Rheinland, in der Gegend von Leipzig und in der Lausitz. Die Ausstellung zeigt Modelle verschiedener Schaufelradbagger und ein Video, das eine Ahnung davon vermittelt, dass der Durchmesser eines gigantischen Schaufelrades 21,6 Meter umfasst.
Mit Licht und Druckluft durch den Blindschacht
Einen Riesenfortschritt in der Bergbautechnik brachten die Elektrifizierung und die Einführung von Druckluft unter Tage. Davon zeugt eine Blindschachtfördermaschine im Original. Ein Blindschacht hat keine Öffnung zum Tageslicht und verbindet mehrere Sohlen untereinander. Die druckluftbetriebenen Bohr- und Lademaschinen dienen dem Vortrieb einer Strecke im Nebengestein. Der Kohlenbergbau hat das Ruhrrevier zum Vorbild.
Der Hobelstreb kämpft sich durch den Berg
Einen weiteren Schritt hin zur Mechanisierung markiert der Hobelstreb: Ein Hobel schrammt an der Wand entlang, und die dabei losgelöste Kohle fällt auf einen Kettenförderer. Kein Vergleich mehr zur schweren Arbeit von Mensch und Grubenpferden, an die ein unterirdischer Pferdestall erinnert. Hier im Bereich Kohlenbergbau sind mehrere Kohleflöze aufgeschlossen. Wer sich an den Sachkundeunterricht erinnert: Flöze sind Schichten, die aus Kohle bestehen und sich aus Pflanzen gebildet haben, die im Lauf der Erdgeschichte von anderen Gesteinen bedeckt und verfestigt worden sind.
Unterm Spritzbeton ist die Hängebahn montiert
Interessiert betrachten Besucher die EHB, die Einschienenhängebahn. Für sie wurde eine geräumige Strecke mit Stahlbögen und Spritzbeton ausgebaut. Das ganze erinnert an einen waagerechten Sessellift, der unter Tage die Mannschaft und das Material transportiert. Es gibt Sitzbalken für die Bergleute und Container, um Werkzeug zu transportieren. Endstation ist dann der Grubenbahnhof, eine unterirdische Verladestation.
Inzwischen wird der Streb von über Tage aus gesteuert
Technikfreunde begeistert der Streb im modernen Steinkohlenbergbau mit seinem Schildausbau und dem imposanten Walzenschrämlader. Der Streb, der auf einer Strecke von immerhin 20 Metern inszeniert ist, erstreckt sich aber in Wirklichkeit bis zu 300 Meter weit im Kohleflöz. Nur noch eine Handvoll Bergleute ist für den Betrieb eines solchen Strebs erforderlich, der ansonsten von einer Leitzentrale über Tage gesteuert wird. Inzwischen gibt es sogar lasergesteuerte Bergbaumaschinen. „Zwar ist der Steinkohlenbergbau in Deutschland stark zurückgegangen, nach wie vor floriert aber zum Beispiel der Kalisalzbergbau, und auch die deutsche Zuliefererindustrie ist Weltspitze“, erklärt Kurator Freymann.
Blitzlicht für die Ketten des Radladers
Begehrtes Fotomotiv mit ordentlich Blitzlichtunterstützung ist der Radlader, ein dieselgetriebenes Fahrzeug, dessen Räder riesige Ketten umspannen und zusammen mit einem Bohrwagen den modernen Erzbergbau und das Load-Haul-Dump-Verfahren repräsentiert. Der Fahrlader wurde übrigens beim Bau der neuen Ausstellung mit eigener Kraft eingefahren. Erst dann wurden um ihn herum die Kulissen aus Zementschalen errichtet. Sie wurden mittels Silikonkautschuk-Formen, die in der Eisenerzgrube Haverlahwiese abgenommen wurden, später im Museum abgegossen. Immerhin arbeiten rund 100 Mitarbeiter in den Werkstätten des Deutschen Museums.
Stahlanker stabilisieren den Berg
Staunen und glänzende Besucheraugen erntet der ausgestellte Bohrwagen. Der selbstfahrende Gesteinsbohrwagen ist im Einsatz, um die Sprengarbeit vorzubereiten oder um Stahlanker einzubringen, die das Gebirge stabilisieren. Klaus Freymann ist übrigens nicht nur einer von drei Bereichsleitern der Museumsleitung, sondern außerdem promovierter Geowissenschaftler und Leiter der Abteilung Bergbau. Die Bergmannskluft ist für ihn also nicht nur Folklore.
