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Im Gespräch: Thomas Straubhaar „Es muss nicht immer eine Millionenstadt sein“

Früher zogen die Menschen zu den Arbeitsplätzen, inzwischen ist es umgekehrt: Die Unternehmen gehen nicht mehr aufs platte Land, sondern in die mittelgroßen Städte, sagt Volkswirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar im F.A.Z.-Interview.

© Denzel, Jesco Vergrößern Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI)

Herr Straubhaar, in Ihrem Städteranking hat Bonn überraschend gut abgeschnitten. Was macht ausgerechnet eine ehemalige Hauptstadt so attraktiv?

Bonn ist ein Paradebeispiel für die neue Entwicklung, dass auch industrienahe Unternehmen immer häufiger ihre Zentralen in attraktive Städte verlegen, um Mitarbeiter anzuziehen. In Bonn sind inzwischen viele Firmen mit industrieller Verankerung. Dieser Effekt hat eine Katalysatorwirkung auf Dienstleister und Beratungsfirmen. Dazu kommen Schulen für die Kinder und ein funktionierendes Gesundheitswesen. So kommt eines zum anderen. Das hat Bonn - auch zur Verblüffung der Bonner Bevölkerung - nach dem weitgehenden Ende der Hauptstadtfunktion sehr gut geschafft. Die Verkehrsanbindung ist super, die Größe zieht noch nicht die Nachteile einer wirklichen Großstadt nach sich. Außerdem hat Bonn herausragende universitäre Einrichtungen, deshalb kommen junge Leute in die Stadt. Die studieren, gründen ein Start-up, entwickeln Innovationen und locken wiederum andere junge Leute an.

Können Menschen heutzutage noch entscheiden, wo sie leben wollen? Oder entscheidet nicht auch häufiger der Arbeitsplatz darüber?

Das ist inzwischen anders. Früher sind die Menschen zu den Arbeitsplätzen gezogen - meist auf das platte Land. Jetzt kommen die Arbeitsplätze zu den Menschen. Unternehmen schauen inzwischen genau, wo sie ihre Zentrale aufbauen. Dagegen wird die Rolle von Steuern stets überschätzt. Wichtiger sind kluge Menschen, die Verkehrsinfrastruktur und die Lebensqualität.

Das schaffen auch mittlere Städte?

Absolut. Es braucht eine kritische Größe von etwa 100.000 Menschen, um einen Wachstumskern zu entwickeln. Das muss nicht notgedrungen eine Millionenstadt sein, dafür ist Deutschland auch wiederum zu klein. Ob Sie Augsburg wählen oder Regensburg oder Ulm, ist nicht so spielentscheidend. Es ist die Herausforderung einer kleinen Stadt, dass sie nicht mit dem platten Land verwechselt wird. Dann gibt es in der Regel Abwanderungstendenzen.

Infografik / 2013 / Städte im Vergleich © F.A.Z. Vergrößern Nicht nur München und Hamburg, auch Städte wie Bonn und Essen können sich sehen lassen.

Wie viel hängt von der Politik ab und wie viel von den einzelnen Bürgern?

Politik hat in diesen Punkten nur beschränkte Möglichkeiten. Den Megatrends - Urbanisierung, Individualisierung, Diversifizierung der Bevölkerung - kann und soll die Politik nicht viel entgegensetzen. Da ist die Gefahr sonst zu groß, dass man eher Mitnahmeeffekte schafft oder gar das Gegenteil von dem erreicht, was erzielt werden sollte. Ein Beispiel: Durch das moderne Verkehrsnetz nach Ostdeutschland hat man nicht die Arbeitsplätze in die Fläche gebracht, sondern man hat den Leuten ermöglicht, schneller in die Städte zu kommen. Deshalb lautet die Botschaft: Das flache Land kann nicht gegen die Stadt kämpfen, sondern muss einen besonderen Mehrwert bieten. Darmstadts Zukunft steht und fällt mit Frankfurt. Es wäre ein Irrweg, in einen Wettbewerb zu treten. Darmstadt muss versuchen, gute und attraktive Angebote zu machen, die auf das Wohnen oder die Wochenendgestaltung zielen. Das gilt auch für Schwerin. Nestlé geht nicht dorthin wegen der schönen Stadt, sondern weil es in der Metropolregion von Hamburg liegt. Als kleine Stadt kann man sich nicht gegen den Trend stemmen.

Was ist mit Städten wie Wolfsburg, die dominiert sind von einem Unternehmen?

Das ist ein enormes Klumpenrisiko. Wolfsburg hängt sehr am Erfolg von Volkswagen. Für junge Leute ist es deshalb ein großes Risiko, nach Wolfsburg zu gehen. Wenn eine Krise kommt, müssen sie viele Kilometer hinweg in eine andere Region ziehen. Das ist anders in größeren Städten, in denen sie nur etwas länger pendeln müssen, um einen neuen Job zu bekommen.

Städte sollten also so weit wie möglich diversifizieren?

Soweit das überhaupt möglich ist auf jeden Fall. Dabei hilft auch eine andere Willkommenskultur. Beim Einwohnermeldeamt müssten viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten. Und nicht nur dort: in der Polizei, in Schulen und Krankenhäusern - und zwar in Leitungsfunktionen und nicht nur als Straßenreiniger oder Busfahrer.

Wie mobil ist unsere Gesellschaft heute?

Viele Mikrodaten zeigen, dass die Menschen in aller Regel sehr sesshaft sind. Sobald sie eine Familie haben, werden Umzüge die Ausnahme und nicht mehr die Regel. Dann werden lieber größere Distanzen hingenommen, anstatt das gesellschaftliche Umfeld zu verändern. Auch das spricht dafür, in die Stadt zu geben, weil dort das Pendeln auf kürzeren Distanzen möglich ist.

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Das Gespräch führte Corinna Budras.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 03.07.2013, 14:00 Uhr