03.02.2009 · Schluss mit den Heldengeschichten, sagt Malcolm Gladwell. Über Erfolg entscheiden nicht Talent oder Köpfchen, sondern das Umfeld, die Kultur - und der Zufall.
Schluss mit den Heldengeschichten, sagt Malcolm Gladwell. Über Erfolg entscheiden nicht Talent oder Köpfchen, sondern das Umfeld, die Kultur - und der Zufall.
Herr Gladwell, ist jeder seines Glückes Schmied, oder bestimmt das Schicksal unseren Erfolg?
Wir überschätzen jedenfalls unseren Einfluss auf unsere Karriere. Wann ein Mensch geboren wird, in welchem Umfeld, in welcher Kultur, diese Faktoren haben großen Einfluss auf den Erfolg.
Mehr Einfluss als Talent oder der Wille zum Erfolg?
Beides wird sicher überschätzt. Die amerikanische Gesellschaft liebt Erfolgsgeschichten, in denen sich eine Person angeblich mit übermenschlicher Begabung, großem Geschick und eisernem Willen an die Spitze kämpft. Wir konzentrieren uns zu stark auf das Individuum, nach dem Motto: Jeder schafft es alleine, wenn er nur will. Das erklärt aber nicht, warum Menschen mit demselben Intelligenzquotienten und dem gleichen Fleiß unterschiedlich weit kommen.
In Ihrem Buch schildern Sie etwa, dass für Leistungssportler das Geburtsdatum über die Karriere entscheiden kann.
Ja, denn in der ganzen Welt werden Sportler schon im Kindesalter nach Stichtagen ausgesucht. So haben Hockey-Nationalspieler aus Kanada und Tschechien größtenteils im Januar, Februar und März Geburtstag. Das hat nichts mit Astrologie zu tun, sondern mit der Tatsache, dass für die Auswahl des Hockey-Nachwuchses der 1. Januar der Stichtag ist. Und wenn Sie ein 9 Jahre altes Kind sind, dann macht es für Ihre Kraft und Koordinationsfähigkeit einen großen Unterschied, ob Sie am 1. Januar oder am 1. November Geburtstag feiern. So werden die Weichen für eine Karriere gestellt.
Gilt diese Regel auch jenseits des Sports?
Diese Dummheitshürde, wie ich sie nenne, weil sie willkürlich ist, finden Sie in fast allen Bereichen. Manchmal ergibt er sich zufällig: Schon die Zugehörigkeit zu einem geburtenstarken oder -schwachen Jahrgang macht es leichter oder schwerer, die Spitze einer Zunft zu erreichen. Ich zeige in meinem Buch, dass nahezu alle Computergrößen im Silicon Valley, von Bill Gates bis Steven Ballmer, um 1955 geboren wurden. Sie konnten das Zeitfenster für eine Revolution der Computerbranche optimal nutzen. Andere, gleich Begabte waren zu jung oder zu alt, um auf den Zug aufzuspringen.
Also muss man sich gar nicht erst anstrengen im Leben?
Das Geburtsdatum ist ja nur ein Faktor für den Aufstieg, harte Arbeit spielt auch eine Rolle. Ich bin überzeugt, dass Erfolgstypen nicht geboren, sondern gemacht werden. Niemandem fliegt der Erfolg zu, weil er so talentiert ist.
Laut Ihrer These haben die Leute, die wir für Genies halten, einfach nur 10 000 Übungsstunden hinter sich.
Das gilt für Mozart wie für Bill Gates oder für die Beatles. Hätten die Beatles nicht über Monate hinweg jeden Tag acht Stunden lang in einem Strip-Club in Hamburg gespielt, dann wären sie später wohl kaum so erfolgreich gewesen. Hätte Bill Gates nicht schon als Schüler angefangen zu programmieren, als die meisten seiner Altersgenossen keinen Zugang zu Computern hatten, dann hätte es Microsoft in seiner jetzigen Form wohl nicht gegeben. Auch Tiger Woods ist kein Golf-Naturtalent, er kam nicht deshalb an die Spitze, weil er immer mal wieder am Wochenende entspannt abgeschlagen hat.
Diese Leute haben also nicht mehr Talent für ihr Gebiet als Sie oder ich?
Erstaunlich viele Forscher sagen, dass es Talent gar nicht gibt. Auch für mich ist Talent nur eine Erscheinungsform von Liebe: Man liebt es, sich mit einer Sache zu beschäftigen. Je mehr man es liebt, umso mehr hängt man sich rein und umso besser ist man. Das Talent der Beatles bestand darin, dass sie sehr, sehr, sehr gerne Musik machten und bereit waren, unter Bedingungen aufzutreten, die andere Musiker abgeschreckt hätten.
Sie behaupten sogar, dass jeder gut in Mathematik sein kann, wenn er nur will.
Glauben Sie das etwa nicht?
Aus eigener trauriger Erfahrung glaube ich das nicht.
Es ist eine Illusion, dass Sie schlecht in Mathe sind. Sie haben sich nur aufgegeben, wahrscheinlich weil Sie durch zahllose kulturelle Einflüsse entmutigt wurden - zum Beispiel, weil Sie eine Frau sind. Die Berufe, die ich im Buch behandele, Recht, Computerprogrammierung, Mathematik, waren Frauen lange Zeit systematisch verschlossen.
Klingt nach einer bequemen Entschuldigung: Schuld haben die anderen.
Na und? Wenn es Ihnen so leichterfällt, sich wieder an Mathe heranzupirschen, dann los, schieben Sie die Schuld, auf wen Sie wollen. Im Zweifel hat er oder sie es verdient. Ich habe nie verstanden, warum die Leute abstruse biologische Erklärungen für Misserfolg glauben, aber kulturelle nicht. Was sind schon Gene? Sie bestimmen unsere Haarfarbe oder Größe, aber unsere Karrierechancen hängen davon ab, welche Chancen die Gesellschaft uns gibt.
Das ist der Moment, wo Sie Ihren Appell an die Gesellschaft loswerden könnten.
Bitte schön: Ich würde mir wünschen, dass wir dumme Erfolgsfaktoren wie Stichtage abschaffen, dafür aber die Bedingungen verbessern, unter denen auch weniger privilegierte Menschen ihre Neigung ausleben und hart arbeiten können - auch wenn sie keinen Vater haben wie Mozart, der mit ihnen durch die Welt reist, keinen Coach wie Tiger Woods oder keine Mutter wie Bill Gates, die ihm einen Computer kaufte.
Welche Faktoren entscheiden über das Fortkommen im Unternehmen?
Sorry, mein Buch enthält dazu keine Tipps. Aber vielleicht wird es die Leser dazu bringen, toleranter mit "Versagern" im Betrieb umzugehen. Wenn überhaupt, hat ihr Versagen soziale Gründe. In meinem Buch erzähle ich von der Fluglinie Korean Air, deren Piloten sehr oft Abstürze verursachten. Es kam heraus, dass ein Grund dafür die hierarchische koreanische Gesellschaft ist, die sich in der Sprache widerspiegelt. Die Crew im Cockpit traute sich nicht, Kollegen oder Lotsen klar vor Gefahren zu warnen. Korean Air hat dann seine Ausbildung völlig umgekrempelt und ist heute eine der sichersten Linien der Welt. Daran können sich alle Arbeitgeber ein Beispiel nehmen.
Sie zerstören die Erfolgsgeschichten von Wunderkindern wie Barack Obama oder Bill Gates. Brauchen wir solche Geschichten nicht als Ansporn und Inspiration?
Natürlich sollte eine Gesellschaft individuelle Erfolge feiern, aber wir sollen sie nicht als Einzelleistung idealisieren. Es hilft uns nicht weiter, Mythen zu pflegen, zum Beispiel dass im Leistungssport nur die Leistung zählt. Man kann Barack Obama als politisches Genie feiern. Aber man kann ihn auch als das sehen, was er ist: ein schlauer schwarzer Junge, der eine gute Ausbildung genossen hat, hart gearbeitet hat, jede Menge Unterstützer fand und auch ein bisschen Glück hatte.
Zur Person
Seine eigene Geschichte erzählt Malcolm Gladwell gleich mit in seinem Buch „Überflieger - Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht“ (Campus): Ein Kapitel widmet er seiner jamaikanischen Mutter. Sie verdanke ihre Bildung und die Begegnung mit ihrem Ehemann, einem britischen Mathematiker, auch mehreren Zufällen. Gladwell kam 1963 auf die Welt und wuchs in Kanada auf, wo er ein erfolgreicher Langstreckenläufer war. Nach dem Geschichtsstudium arbeitete er für die „Washington Post“, wechselte 1996 zu der Zeitschrift „The New Yorker“ und arbeitet heute als Autor, und als Unternehmensberater. Sein Buch „Tipping Point“ über kleine Auslöser großer Trends machte ihn berühmt.