03.07.2009 · In der Chemiefirma Merck sind einige hundert Mitarbeiter mit Umweltschutzaufgaben betraut. In diesem Querschnittsbereich ist Platz für Akademiker aus unterschiedlichsten Fachgebieten.
Von Lisa BeckerDer Arbeitsplatz von Wolfgang Prinz befindet sich zwischen Kläranlage und Abfalldeponie. Die Kläranlage liegt nur einen kurzen Spaziergang von seinem Büro entfernt; auf die Deponie blickt er, wenn er aus dem Fenster schaut. Nun darf man sich aber nicht vorstellen, dass er auf einen stinkenden Berg blickt.
Das genaue Gegenteil ist der Fall. Wüsste man nicht, dass sich unter der Grasschicht Industrieabfälle verbergen, dann glaubte man, auf einen von der Natur geschaffenen Hügel zu blicken - der allerdings auf dem ansonsten platten Werksgelände des Chemie- und Pharmaunternehmens Merck KGaA recht ungewöhnlich anmutet. Auch der „Schönungsteich“ vor dem Bürogebäude will nicht so recht auf das Industriegelände passen. Auf ihm ziehen Schwäne und Enten ihre Kreise. Darin wird das in der Kläranlage gesäuberte Wasser gesammelt, bis es in den Bach und so in die Natur zurückfließt.
Die Deponie ist in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden. In den siebziger Jahren kam dann das Abfallrecht, und damit wurde immer restriktiver gehandhabt, was in welchem Zustand hier abgeladen werden konnte. Seitdem seien immer mehr Regeln hinzugekommen, erklärt Prinz. 2005 wurde die Deponie stillgelegt. Damit landete sie im Zuständigkeitsbereich von Prinz, der bei Merck in Darmstadt die Abteilung Genehmigungen und Umwelt leitet. Der Chemieingenieur wirkt nun daran mit, die Deponie „für die Ewigkeit vorzubereiten“. Sehr genau kann er erklären, wie tief in die Erde hinein eine Dichtwand um die Deponie gezogen wurde, damit nichts mehr nach außen dringt, vor allem nicht ins Grundwasser. Jedes Jahr schickt er dem Regierungspräsidium einen Bericht über den Zustand der Halde.
„10.000 Regeln“
„Was uns alle hier besonders beschäftigt, sind der Umweltschutz und die vielen Regeln, die dahinterstehen“, fasst Prinz zusammen. Die Umweltregeln, mit denen sich Unternehmen befassen müssen, nehmen ständig zu und werden immer komplexer. Sie kommen von den europäischen Institutionen, vom Bund, von den Ländern, den Kommunen und aus den Unternehmen selbst. Wer in einem Betrieb die Einhaltung dieser Regeln sicherstellt, muss deshalb nicht nur viel über die technischen Abläufe wissen. Er oder sie darf auf keinen Fall eine Abneigung gegen Jura haben. „Es gibt rund 10.000 Regeln, die uns hier betreffen“, sagt Prinz. Die müsse man nicht alle kennen; aber man müsse sich in den Gesetzesbüchern zurechtfinden.
Die juristische Lage ist in einem Chemie- und Pharmaunternehmen, dessen Produktion viele Gefahren für die Umwelt birgt, freilich besonders komplex. Das führt zu einem engen Kontakt mit den Beamten in den Behörden, die die Einhaltung der Regeln überwachen. „Wir telefonieren täglich oder schreiben E-Mails“, sagt Prinz. Der Informationsaustausch verläuft aber auf Augenhöhe, denn in den Behörden sitzen Menschen mit den gleichen Berufsausbildungen wie in dem Unternehmen: Chemiker, Chemieingenieure, Ingenieure für Verfahrenstechnik, Bauingenieure, Biologen, Geowissenschaftler und auch Juristen.
Am Merck-Standort Darmstadt, wo rund 8600 Menschen arbeiten, wurden mehrere hundert Mitarbeiter für Umweltschutzaufgaben abgestellt. Ihre genaue Zahl lässt sich nur schwer beziffern, weil Umwelt eine Querschnittsaufgabe ist, die in viele Bereiche hineinwirkt. Gut 250 Angestellte arbeiten im Bereich Sicherheit, Umwelt und Gesundheit. Sie kümmern sich um behördliche Genehmigungen, beraten Kollegen in der Produktion in Umwelt- und Sicherheitsfragen, sind Umweltschutzbeauftragte oder Fachkräfte für Arbeitssicherheit. Auch die werkärztliche Betreuung gehört zu diesem Bereich.
Vom Naturwissenschaftler bis zum Feuerwehrmann
Darüber hinaus erfüllen einige hundert Mitarbeiter Umweltschutzaufgaben im operativen Bereich. Sie kümmern sich zum Beispiel um Abfallentsorgung, Abwasserreinigung und Umweltanalytik. „Sie müssen aufpassen, dass die Produktionsanlagen umweltschonend arbeiten“, erläutert Prinz. Andere reinigen die Behälter oder sind im Brandschutz beschäftigt; allein bei der Betriebsfeuerwehr arbeiten 180 Menschen - aber wenige Akademiker. Besonders viele Naturwissenschaftler und Ingenieure findet man dort, wo es um Genehmigungen und die Beratung der Anlagenbetreiber geht.
Akademisch gebildet sind auch die Umweltbeauftragten. Von einer bestimmten Größe an sind Unternehmen verpflichtet, solche Beauftragte einzusetzen. Diese schauen sich regelmäßig auf dem Fabrikgelände um, inspizieren die Produktionsanlagen und berichten auch direkt an den Vorstand, was sie festgestellt haben. Monika Zimmer ist Immissionsschutzbeauftragte und Abfallbeauftragte. Neben ihr gibt es Beauftragte für Gewässerschutz, für Gefahrgut und für Störfälle. Als Abfallbeauftragte achtet Zimmer darauf, dass der Abfall ordentlich gelagert, gesammelt und abtransportiert wird. „Ölgetränkte Lappen aus der Reparatur von Pumpen gehören beispielsweise nicht in den Hausmüll“, erklärt sie.
Keine geschützte Berufsbezeichnung
In Münster hat Zimmer Lebensmittelchemie studiert, aber rasch nach dem Studium gemerkt, dass sie lieber im Umweltschutz arbeiten möchte. In einem von der Europäischen Union geförderten Projekt hat sie sich zur Umweltberaterin ausbilden lassen. Solche Fortbildungen gibt es viele. „Das Problem ist, dass die Berufsbezeichnung Umweltberater nicht geschützt ist“, sagt die 45 Jahre alte Naturwissenschaftlerin.
Der 46 Jahre alte Wolfgang Prinz konnte sich immerhin schon in seinem Chemieingenieurstudium mit Abwasserreinigung beschäftigen. Eine Zeitlang beriet er Unternehmen in der Abfallentsorgung. Später plante er Abfall- und Verbrennungsanlagen, schließlich heuerte er in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft an und ließ sich zum Umweltgutachter ausbilden. 2002 stieg er bei Merck ein.
Die Lebensläufe von Zimmer und Prinz sind auch mit Blick auf ihre Kollegen typisch. „Wir haben keine reinen Umweltingenieure hier“, sagt Prinz. Die Querschnittsaufgabe Umwelt erfordere viele verschiedene Qualifikationen. Einige Mitarbeiter hätten nach ihrem Fachstudium noch eine Zusatzqualifikation im Umweltbereich erworben. „Und bei heutigen Bewerbern schätze ich schon, wenn aus dem Lebenslauf ein Interesse an Umweltschutz zu erkennen ist“, sagt Prinz. Die hier benötigten Umweltschutzaufgaben lerne man aber „on the job“ und in Fortbildungen.
Routine? Fehlanzeige!
Ihren Arbeitsalltag finden Zimmer und Prinz spannend. Routine könne sich nicht einschleichen, weil sich das Recht ständig ändere und Produktionsprozesse sich ständig weiterentwickelten. „Hier sind Leute gefragt, die mitdenken, die autark sind. Dann kann man sich fachlich entfalten und etwas bewegen“, sagt Prinz. Jeden Tag habe sie mit fünf bis zehn Leuten Besprechungen, im Büro oder vor Ort in der Produktion, erzählt Zimmer. „Da ist man abends gerädert.“ Man müsse mit unterschiedlichsten Menschen auf unterschiedlichem Wissensniveau kommunizieren können. „Man muss nicht sehr extrovertiert sein; aber Angst vor Menschen darf man keinesfalls haben.“
Nun ist es Zeit für Prinz, seinen Schreibtisch für die nächste Inspektion zu verlassen. Er ist nicht nur Abteilungsleiter, sondern auch Gewässerschutzbeauftragter. Zu seinen Aufgaben gehört die Überwachung der Kläranlage. Auf die ist man bei Merck besonders stolz. Das Abwasser wird rund um die Uhr vollautomatisch auf mehr als 50 Inhaltsstoffe analysiert. So lasse sich die Anlage je nach Zusammensetzung des Abwassers optimal steuern, heißt es. Prinz nimmt eine Probe, das Wasser ist klar und riecht nicht. Prinz ist zufrieden.