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Veröffentlicht: 09.02.2007, 01:00 Uhr

Humankapital Was sind Ihre Leute wert?

Mitarbeiter verursachen Kosten. Dass sie aber auch einen Wert darstellen, wird bei vielen Entscheidungen in den Unternehmen gerne unterschlagen. Die Saarbrücker Formel soll Abhilfe schaffen können. Doch es hagelt Kritik.

von Ralf Nöcker
© F.A.Z.- Cyprian Koscielniak

Marketing- und Personalabteilungen haben ein gemeinsames Problem: Sie können nur schwer nachweisen, welchen Wert sie eigentlich schaffen. Und deshalb wird in Zeiten, in denen es nicht so gut läuft, gerade hier zuerst der Rotstift angesetzt. Die Saarbrücker Formel kommt da gerade recht, macht sie doch den Wert des Humankapitals sichtbar, ganz konkret, in einer einzigen Zahl, in Euro. Erdacht hat sie Professor Christian Scholz am Lehrstuhl für Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, womit die Herkunft des Namens schon einmal geklärt wäre. Die Formel selbst zu erklären, nimmt etwas mehr Raum ein.

Wichtig ist zunächst festzustellen, dass nicht einzelne Mitarbeiter, sondern Beschäftigungsgruppen bewertet werden. "Einzelbewertungen wären mit keinem Betriebsrat der Welt zu machen", sagt Formel-Erfinder Scholz. Die Ergebnisse dieser Bewertungen werden über alle Beschäftigungsgruppen aufsummiert und ergeben so den Wert der jeweiligen Gesamtbelegschaft. "FTE" steht für "Full Time Equivalents". Das heißt, sämtliche Mitarbeiter, also auch Teilzeitkräfte, werden in Ganztagsangestellte umgerechnet. Die so ermittelte Kopfzahl wird mit dem branchenüblichen Durchschnittsgehalt ("l") multipliziert. Und warum nicht mit den tatsächlich gezahlten Gehältern? "Weil dadurch die Vergleichbarkeit leiden würde", sagt Scholz. "Außerdem würde man Firmen fälschlicherweise belohnen, die ein schlechtes Arbeitgeberimage haben und deshalb deutlich mehr zahlen müssten." Damit hätte man schon einmal die Personalkosten bestimmt. Es folgt der Bruch "Wi" geteilt durch "bi". Darin soll näherungsweise eine Abschreibung auf das Humankapital zum Ausdruck kommen. Mit "Wi" wird die von Scholz Wissensrelevanzzeit genannte Aktualität des Wissens der Mitarbeiter bezeichnet, bi steht für die Betriebszugehörigkeit. Verdienen also 100 Mitarbeiter je 25.000 Euro und ihr Wissen ist 10 Jahre aktuell, ergibt sich bei 15 Jahren Betriebszugehörigkeit ein Wissensverlust in Höhe von 833.333 Euro. Dem stehen Personalentwicklungsmaßnahmen gegenüber, die den Wissensverlust aufhalten mögen. Also wird der Wert dieser Maßnahmen addiert ("PEi"). Das alles wird gewichtet mit dem sogenannten Motivationsindex ("Mi"), der Werte zwischen null und zwei annehmen kann. Hinter ihm stehen Werte für die Fluktuation ("Retention"), die Leistungsbereitschaft ("Commitment") sowie das Arbeitsumfeld ("Context"). Das klingt nach aufwendiger Recherche. "Ist es aber nicht", betont Scholz. "Jedes SAP-Personalsystem stellt nahezu alle Daten sofort zur Verfügung."

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„Wir müssen weg von Ratespielchen“

Die Formel gibt es, weil die bisher gängigen Verfahren zur Bewertung des Humankapitals aus Sicht des Saarbrücker Personalexperten allesamt gravierende Schwächen aufweisen. Ohne hier auf Details eingehen zu wollen: Der Methoden-Mainstream arbeitet nach einer Gewinnverteilungslogik, das heißt, ein mit einer der üblichen Discounted-Cash-Flow-Methoden ermittelter Gewinn wird nach einem bestimmten Schlüssel auf die verschiedenen Faktoren (etwa Patente, Marke und eben Personal) verteilt, die den Gewinn verursacht haben. Und wenn es einen Verlust gab, dann ist der Wert des Humankapitals eben mal negativ. Beispiel Telekom: Nach der Gewinnverteilungslogik schwankt der Wert des Humankapitals zwischen 1,25 Millionen Euro (Jahr 2000) und minus 26 600 Euro (2002), und zwar unabhängig von der Güte des Personalmanagement. Von dieser Logik wollte Scholz nichts wissen. Die Kosten der Ressource Personal, der Wert dieser Ressource und der daraus möglicherweise resultierende Wettbewerbsvorteil seien drei verschiedene Dinge, die auseinandergehalten werden müssten, was nach der Gewinnverteilungslogik aber genau nicht geschehe. Auch die von Finanzanalysten praktizierten Bewertungen, die sich je nach betrachteter Firma methodisch deutlich voneinander unterscheiden können, lehnt der Professor ab. "Wir müssen weg von einzelfallspezifischen Ratespielchen." Ihm gehe es dabei nicht allein um die Zahl, die am Ende herauskommt: "Mir geht es darum, die Logik eines modernen Personalmanagements in einer Formel abzubilden", erläutert Scholz. Interessant wird es, wenn Scholz mit seiner Formel die Folgen von Entlassungen vorrechnet. Regelmäßig zeigt sich dabei, dass damit nicht nur Kosten gesenkt, sondern auch Humankapital vernichtet wird. "Der Kosten-Effekt ist nicht besonders groß, verglichen mit dem Effekt, den Entlassungen auf den Motivationsindex haben", fasst Scholz die Ergebnisse von Modellrechnungen zusammen.

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