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Veröffentlicht: 22.04.2016, 06:25 Uhr

Kranker Manager „Ich arbeite gerne, aber es hat mich erwischt“

Schwäche zeigen gilt in Chefetagen als Tabu. Der 59 Jahre alte Manager Gerold Linzbach, Vorstandsvorsitzender bei Heideldruck, möchte es brechen. Hier spricht er erstmals über Ursachen und Folgen seiner schweren Erkrankung.

© Setzer, Claus Wieder der Alte? Heideldruck-Chef Gerold Linzbach kehrt nach achtmonatiger Zwangspause an seinen Arbeitsplatz in Heidelberg zurück.

Herr Linzbach, wie geht es Ihnen?

Danke, den Umständen entsprechend gut, wie man so sagt. Es wird von Tag zu Tag besser.

Wie lange werden Sie noch auf den Rollstuhl angewiesen sein?

Noch ein paar Wochen, aber nicht mehr lange. Wie gesagt, es geht spürbar aufwärts. Operativ bin ich ohnehin schon wieder voll dabei.

Sie waren acht Monate ausgefallen. Was hat Sie denn außer Gefecht gesetzt?

Zwei verschleppte Lungenentzündungen, ein astronomisch hoher Blutdruck, da ist viel zusammengekommen. Irgendwann ging gar nichts mehr.

Verspürten Sie keine Warnzeichen?

Sie meinen, weil ich schon seit langem zu schwer bin? Nein, da funktioniert die selektive männliche Ignoranz ganz gut. Ich hab mich nicht schlecht gefühlt und wenn es mal zwickte, eben ein Medikament eingeworfen. Ich bin selbst Kind einer Arztfamilie - richtig krank sein, da gehörte bei uns schon was dazu.

 
Über ihre Krankheiten schweigen Manager meist. Nicht so Gerold Linzbach. Ein ungewöhnliches Interview.

Hat der Manageralltag Ihren Zusammenbruch verursacht?

Nein, so etwas kann jedem passieren. Allerdings ist der Stress in dieser Phase der strategischen Neuausrichtung schon hoch. Die vielen Kurzreisen, gerade in einem Unternehmen, das reorganisiert werden muss, belasten, keine Frage. Zwei Tage Peking, dann zwei Tage São Paulo, das geht jenseits der 50 nicht so ohne weiteres aus den Knochen.

Wird in Ihrem Job zu viel verlangt?

Nein, im Großen und Ganzen sicher nicht. Die Erwartungen an die Führung eines Unternehmens sind nach meiner Beobachtung insgesamt nicht mehr ganz so hoch.

Was meinen Sie damit?

Die Erwartungen, dass Spitzenmanager auch in ihrer Freizeit auf die Zugspitze zu klettern haben, beispielsweise. Auch das Credo von der Vierundzwanzig-Stunden-Erreichbarkeit war vor einigen Jahren noch stärker. Heute akzeptieren viele Unternehmen, wenn das Handy nach Dienstschluss ausgeschaltet bleibt, einige fordern dies sogar. Das Bild vom Vorstandsvorsitzenden als Führungsfigur, die in jeder Lage präsent ist und ihren Mann steht, gibt es zwar nach wie vor. Aber dieses Ideal wird häufiger in Frage gestellt - zumindest ein bisschen, und das ist gut so.

Jetzt sind Sie wieder da, zurück auf dem Posten. Warum tut sich ein Manager das eigentlich an? In den meisten Fällen hat er doch genug verdient. Ist es das Ego, das Sie zur Rückkehr in den Chefsessel drängt?

Nein, mit Eitelkeit hat das nichts zu tun. Ich arbeite einfach sehr gern, und es ist auch das Pflichtgefühl, eine begonnene Aufgabe zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. Arbeit ist zudem eine interessante Art, den Tag zu füllen. Sie zwingt einen dazu, sich nicht nur mit sich selbst zu beschäftigen, und lenkt bisweilen von persönlichen Problemen ab. Sie bringt also Struktur ins Leben und sorgt zudem für ein regelmäßiges Familieneinkommen. Arbeit ist Erfüllung, wenn Sie so wollen. Aber Arbeit sollte kein Selbstzweck sein.

Warum nicht?

Wenn der Beruf auch das private Leben dominiert und vor allem für die soziale Anerkennung sorgt, dann stimmt etwas nicht. Und diese Unwucht im Leben wäre dem persönlichen Befinden sicher nicht zuträglich. Die Abhängigkeit vom Beruf wäre viel zu groß. Dafür bin ich auch viel zu sehr Familienmensch. Ich persönlich habe Privat- und Berufsleben immer getrennt. Ich werde also nicht mit achtzig Jahren noch in Unternehmen ungebetene Ratschläge erteilen.

Acht Monate sind eine lange Zeit für den Ausfall an der Unternehmensspitze. Wie waren die Reaktionen im Aufsichtsrat und im Unternehmen?

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Mein Glück war, dass ich nicht geistig beeinträchtigt war. Wenige Tage nach meinem Vorfall wurde ich von Kollegen und Mitarbeitern in die Kategorie „komplizierter Skiunfall“ eingestuft - was zwar eine längere Rekonvaleszenz nach sich zieht, aber nicht meine Rückkehr ins Büro in Frage stellte. Dass die Genesung dann etwas länger gedauert hat, war nicht mehr wesentlich. Ich war aber schon sehr frühzeitig in alle wichtigen Entscheidungen eingebunden, ohne physisch präsent zu sein. Die Reaktion im Unternehmen war vorbildlich. Mit dem Aufsichtsrat stand ich regelmäßig in Kontakt. Und seit ich wieder zurück bin, wird mir geholfen, wo es nur geht. Manche Kollegen machen mir die Tür auf, damit ich mit meinem Rollstuhl reinfahren kann, andere entlasten mich bei Pflichtterminen. In meinem Büro steht sogar eine Rüttelplatte für die Physiotherapie. Ich erfahre eine ganze Menge Loyalität, Rücksicht und Verständnis.

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