Die Krise hat auch Norbert Heck einen Strich durch die Rechnung gemacht. Einige Kunden sind kurzfristig wieder abgesprungen, berichtet der 43 Jahre alte Jungunternehmer. Nun heißt es zusätzlich Klinkenputzen und neue Aufträge an Land ziehen. Dabei ist der Netzwerkadministrator mit seiner Firma „Drucker IT Service“, kurz DIS, aus dem südhessischen Lampertheim gerade mal seit ein paar Tagen am Markt. Im vergangenen Sommer hatte der gelernte Dreher seinen langgehegten Wunsch wahr gemacht und die relativ sichere Festanstellung in einem regionalen IT-Unternehmen gegen die vage Freiheit des Existenzgründers eingetauscht. Ende März lief die Kündigungsfrist aus, am 1. Mai ging DIS an den Start.
„Der Entscheidung ist schon die eine oder andere durchdiskutierte Nacht mit meiner Frau vorausgegangen“, berichtet der Familienvater. Denn natürlich müsse seine Gattin die Idee voll mittragen, schon weil sie aus Kostengründen zunächst einmal den Telefondienst übernimmt, während Heck zu den Kunden fährt. „Wären die realen Folgen der Finanzkrise schon Mitte 2008 absehbar gewesen, dann wäre unsere Entscheidung vielleicht auch anders ausgegangen“, räumt Heck ehrlich ein. Doch trotz der ungünstigen Startbedingungen ist er zuversichtlich. Die Auslastung für das kommende Vierteljahr sei schon gesichert, und für Anschlussaufträge sieht er gute Chancen. „Sonst könnte ich das hier ja gleich wieder sein lassen.“
Die Krise als Anstoß
In den kommenden Monaten werden viele Menschen vor einer ähnlichen Entscheidung stehen wie Norbert Heck. Denn die Rezession wird tiefe Spuren am deutschen Arbeitsmarkt hinterlassen: Wenn auch die Kurzarbeit die Unterbeschäftigung nicht mehr kaschieren kann, werden Entlassungen und Einstellungsstopps nach Einschätzung von Bundesregierung und Wirtschaftsforschern die Arbeitslosenzahlen wieder in Richtung der 5-Millionen-Marke hieven. So mancher Beschäftigte wird da einer möglichen Kündigung zuvorkommen und – eventuell durch eine üppige Abfindung versüßt – wie IT-Spezialist Heck die Anstellung aus freien Stücken gegen die Selbständigkeit eintauschen.
Dass es einen Zusammenhang zwischen der konjunkturellen Entwicklung und dem Gründungsgeschehen gibt, bestätigt Vera Tchouvakhina. Die Volkswirtin der staatlichen KfW-Bankengruppe spricht von gegenläufigen Trends: Zwar beurteilten potentielle Gründer ihre Chancen am Markt in wirtschaftlich schweren Zeiten naturgemäß eher schlechter, viele nutzten die Krise aber auch als Anstoß von außen zu einer eigentlich schon länger erwünschten Veränderung. „Diese Leute werden durch die Krise ein bisschen zu ihrem Glück gezwungen“, sagt Tchouvakhina. Welcher Effekt überwiege, lasse sich pauschal nicht sagen. Nachdem im zurückliegenden Aufschwung das Beschäftigungsverhältnis aber deutlich an Attraktivität gewonnen hat, während die Gründerquote laut dem KfW-Gründungsmonitor deutlich sank, rechnet Tchouvakhina nun damit, dass die Zahl der Selbständigen in den kommenden Jahren wieder deutlich steigen wird.
„Das Unternehmertum ist cool geworden“
Damit würde Deutschland im internationalen Trend liegen. Rund um den Globus bauen sich immer mehr Menschen ihre eigene Existenz auf und werden zu „Entrepreneurs“, so die international gängige Bezeichnung. „Das Unternehmertum ist cool geworden“, urteilt die britische Zeitschrift „The Economist“. Die steigende Attraktivität liegt zum einen daran, dass sich die Rahmenbedingungen in den meisten Ländern permanent verbessern, wie der jährliche Bericht der Weltbank „Doing Business“ feststellt. Deutschland nimmt auf der Rangliste von 180 Ländern dabei Platz 25 ein. Am einfachsten sind Unternehmensgründungen demnach in Singapur, Neuseeland und den Vereinigten Staaten.
Zum anderen sind die Anforderungen deutlich geringer geworden. In Deutschland entfallen vier von fünf Gründungen mittlerweile auf Dienstleistungsbranchen. Dafür genügen häufig wie im Falle von Norbert Heck ein Handy, ein Auto und ein Computer, hohe Anfangsinvestitionen sind nicht nötig. Laut KfW benötigt nur jeder vierte Gründer einen Kredit, davon haben 80 Prozent ein Volumen von weniger als 25.000 Euro. Häufig genügt der Gründerzuschuss der Bundesagentur für Arbeit, um im ersten halben Jahr die Lebenshaltungskosten und die Sozialversicherungsbeiträge zu stemmen.
Das Sicherheitsbedürfnis deutscher Gründer ist hoch
„Nie waren die Bedingungen, eigene Ideen erfolgreich umzusetzen, so günstig wie heute“, findet Günter Faltin. Der Ökonom von der FU Berlin und Buchautor hat selbst ohne jegliche Branchenkenntnis das nach eigenen Angaben größte Teeversandhaus Deutschlands aufgebaut. Ihre Flexibilität und hohe Innovationsgeschwindigkeit lassen kleine oder Ein-Personen-Unternehmen oft besser und schneller auf neue Anforderungen reagieren als Großunternehmen, behauptet Faltin. Den Trend zur Soloselbständigkeit stellen Gründungsforscher hierzulande schon seit zwei Jahrzehnten fest.
Udo Brixy vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vermutet, dass diese risikoarmen Unternehmungen dem erhöhten Sicherheitsbedürfnis deutscher Gründer entgegenkommen. Denn während etwa in den Niederlanden nur jeder vierte Jungunternehmer Angst vor dem Scheitern habe, plagten in Deutschland jeden zweiten solche Nöte. Dementsprechend hoch fällt in Deutschland auch der Anteil von Gründungen aus einer wirtschaftlichen Notsituation aus; unter arbeitslosen Gründern beträgt er zwei Drittel. „Wir befinden uns fast auf dem Niveau von Schwellenländern“, sagt Brixy.
Bei der Ursachenforschung nennt Brixy die Kultur im Umgang mit dem Unternehmertum. In Holland sei es etwa üblich, dass an den Schulen regelmäßig der Kontakt mit Selbständigen gepflegt werde. Die Jugendlichen bekämen auf diese Weise die Distanz zu dem Thema genommen. Vorbilder, ob aus der Familie oder dem Bekanntenkreis, spielen laut Brixy eine entscheidende Rolle für die spätere Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen.
„Das schaffen wir schon“
Britta Kroker hatte gleich mehrere dieser Vorbilder. Da war einerseits die Mutter als Geschäftsführerin des elterlichen Textilhandels. Mit Gesprächen über unternehmerische Risiken am Abendbrottisch ist sie groß geworden, erzählt die heute 44 Jahre alte Unternehmerin. Hängen geblieben sei aber auch, dass solche Gespräche stets mit einem „Das schaffen wir schon“ beendet wurden. Prägend sei auch eine Begegnung Ende der neunziger Jahre mit dem damals noch weitgehend unbekannten Jeff Bezos während eines Amerika-Aufenthaltes gewesen. Dessen revolutionäre Idee des Online-Buchladens Amazon hat die Verlagsmitarbeiterin nicht mehr losgelassen. Mit 40 Jahren beschloss sie dann, ihren Posten nach mittlerweile fünf Jahren in der Verlagsleitung des renommierten Campus-Verlags aufzugeben. Die Geschäftsführung glaubte nicht an ihre Expanionspläne im Internet. Dann mache ich es eben selbst, sagte sich Britta Kroker und rief mit Managementbuch.de ihr eigenes Amazon ins Leben.
Drei Jahre später ist Kroker gut im Geschäft, vier festangestellte Mitarbeiter und eine Handvoll freier Redakteure halten das vom fränkischen Miltenberg aus gesteuerte Portal am Laufen. Dass Unternehmertum bedeutet, dass sie morgen schon auch ohne eigenes Verschulden alles verlieren kann, dessen ist sich Britta Kroker bewusst. „Aber hätte ich diesen Schritt nicht getan, hätte ich es ewig bereut.“
