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Globalisierung Der Fortschritt frisst die Mittelschicht

16.01.2009 ·  Menschen in den Industrieländern sorgen sich stets : darum, dass die Ungleichheit wächst. Denn technische Neuerungen haben ihren Preis: Sie kosten die Facharbeiter ihre Jobs. Nur Bildung hilft gegen Bedrohungen der Globalisierung.

Von Patrick Bernau
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Im Aufschwung und in der Rezession - um eines sorgen sich die Menschen in den Industrieländern zu jeder Zeit: darum, dass die Ungleichheit wächst. Einerseits verdienen reiche Menschen immer mehr, und zwar nicht nur die Topmanager. Der Trend gilt sogar für Berufsanfänger: Wo die Einstiegsgehälter früher schon gut waren, sind sie zuletzt kräftig gewachsen. Einige Firmen zahlen mehr als 100.000 Euro - wenn die Kandidaten an der Universität ein gutes Examen gemacht haben.

Auf der anderen Seite aber müssen viele Menschen damit zurechtkommen, dass ihre Gehälter kaum noch steigen. Einige werden arbeitslos und müssen sich mit schlecht bezahlten Jobs durchschlagen, zum Beispiel im Schnellrestaurant. Das trifft sogar Leute, die früher zur Mittelschicht gehörten.

Die Mittelschicht schrumpft

Während also die Reichen immer mehr verdienen, kommen viele Menschen in der Mittelschicht unter Druck - und die Mittelschicht schrumpft. Das geht nicht nur Deutschland so, sondern vielen Industrieländern. Und zwar schon mindestens seit den 90er Jahren (lesen Sie Einkommensverteilung: Die Mittelschicht schrumpft)

Daran ist die Gier der Reichen schuld, sagen viele Linke. Das überrascht Ökonomen noch nicht, schließlich bekommt jeder gern mehr Geld. Warum aber können die Reichen, gut Ausgebildeten sich mit ihrem Wunsch durchsetzen und die ärmeren, mäßig ausgebildeten Menschen nicht? Dafür gibt es zwei Erklärungen - und welche davon die wichtigere ist, darüber herrscht Streit.

Die eine Erklärung setzt an der Globalisierung an. Einfach gesagt, müssen durch den internationalen Handel jetzt viele schlecht und normal gebildete Menschen in den Industrieländern mit den Arbeitern in China und Kambodscha konkurrieren. Das macht ihre Stellen unsicherer und drückt aufs Gehalt. Dagegen gibt es in Entwicklungs- und Schwellenländern nur wenige gut ausgebildete Leute. Die gut Gebildeten und ihre Produkte sind also auf der ganzen Welt gefragt, zum Beispiel die Maschinen, die deutsche Ingenieure entwickelt haben - darum steigen ihre Gehälter.

Druck nicht nur aus den Schwellenländern

Doch es sind nicht nur die Schwellenländer, die Druck auf die Mittelschicht ausüben. Sondern auch der Fortschritt - und hier setzt die zweite Erklärung an. Denn viele einfache Arbeiten, die früher von schlecht oder mäßig ausgebildeten Menschen gemacht worden wären, lassen sich inzwischen per Maschine erledigen. Diese Maschinen müssen aber von jemandem entwickelt werden. Also steigt der Bedarf an Leuten, die dafür qualifiziert genug sind. Dabei kann der Fortschritt nicht nur im Maschinenbau wirken, er wirkt sogar unter den Juristen. Vor allem die Verträge zwischen Firmen werden immer komplizierter, so dass nur noch die besten Juristen durchblicken. Die haben jetzt viel Arbeit und werden gut bezahlt. Der Rest hat es umso schwerer.

Beide Entwicklungen bringen die Mittelschicht unter Druck, das steht außer Frage. Aber welche wie wichtig ist, das ist auch nach Jahren theoretischer Überlegungen und praktischer Daten-Analyse noch umstritten. Dabei wäre eine klare Antwort sehr wichtig. Schließlich hängt von dieser Antwort ab, was die Politik gegen diesen Effekt tun kann. Wenn zum Beispiel der Fortschritt der wichtigste Grund für die steigende Ungleichheit ist, dann ist es langfristig sinnvoll, möglichst viele Menschen möglichst gut auszubilden - wenn die Globalisierung der wichtigste Grund ist, hilft Bildung vielleicht nur so lange, bis auch die Schwellenländer ihre Bildung verbessert haben.

Im vergangenen Jahr hat Nobelpreisträger Paul Krugman in einer Analyse betont, dass die Globalisierung wichtiger sein könnte als bislang angenommen, und die Forscher auf die Suche nach neuen Antworten geschickt: "Wir brauchen ein viel besseres Verständnis des differenzierten Wesens von internationaler Arbeitsteilung und Handel."

Paradebeispiel: Callcenter-Agenten

Dieses Verständnis verbessert nun eine neue Studie von Alan Manning an der renommierten London School of Economics und seinen Forscherkollegen Maarten Goos und Anna Salomons von der Universität in Leuven, die gerade auf der Jahrestagung amerikanischer Ökonomen vorgestellt worden ist. Die drei Forscher haben eine ziemlich einfache Überlegung angestellt: nämlich die, dass nicht alle Berufe gleichermaßen von Globalisierung und Fortschritt betroffen sind. Am einfachsten wird das an den Callcenter-Agenten deutlich, die Computer-Hotlines besetzen. Diese Aufgabe kann im Prinzip auch von deutschsprachigen Mitarbeitern in Indien erledigt werden - einige Firmen lassen das derzeit schon tun. Wenn also die Globalisierung der wichtigere Faktor ist, muss die Zahl solcher Stellen tendenziell sinken. Ist aber der technische Fortschritt wichtiger, dann muss deren Zahl steigen. Schließlich gibt es ja grundsätzlich immer mehr Computer zu betreuen. In dieser Weise hängt jede Berufsgruppe unterschiedlich vom technischen Fortschritt und der Globalisierung ab.

Also untersuchten die Forscher die Entwicklungen in 21 unterschiedlichen Berufsgruppen, von "Firmenmanager" bis "Einfache Tätigkeiten in Handel und Dienstleistungen". Erst untersuchten sie, wie sehr jede dieser Berufsgruppen vom Fortschritt und von der Globalisierung abhängt. Dann werteten sie aus, welche Berufsgruppen zwischen 1993 und 2006 wichtiger und welche weniger wichtig geworden sind, und zwar in 16 verschiedenen west- und mitteleuropäischen Ländern.

Die Ungleichheit wächst

Zuerst stellten die Forscher so fest, dass die Ungleichheit fast in ganz West- und Mitteleuropa zunimmt: Sowohl in den bestbezahlten Berufsgruppen als auch in den besonders schlecht honorierten wurden 2006 deutlich mehr Arbeitsstunden geleistet als 1993, die Mitte dagegen verlor an Bedeutung. Dabei zeigten sich die Auswirkungen des technischen Fortschritts signifikant in der Entwicklung der unterschiedlichen Berufsgruppen, die Wirkung der Globalisierung war deutlich schwächer - und nicht signifikant.

Auch das ist noch lange kein Beweis dafür, dass die Globalisierung überhaupt keine Rolle spielt. Einiges ist noch nicht geklärt. Dass ein Zusammenhang nicht signifikant ist, bedeutet nicht, dass es ihn nicht gibt. Die 21 Berufsgruppen zum Beispiel sind recht grob, möglicherweise zu grob, um die Globalisierung sinnvoll zu erfassen.

Trotzdem ist die neue Studie der drei Wissenschaftler ein wichtiges Indiz dafür, dass der Fortschritt zumindest ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Gehälter sich auseinanderentwickeln. Und das bedeutet, dass eine bessere Bildung für mehr Menschen tatsächlich auch langfristig gegen die Ungleichheit helfen kann.

Paul Krugman: „Trade and Wages, Reconsidered“, Manuskript (Februar 2008)

Alan Manning, Maarten Goos und Anna Salomons: „Job Polarization in Europe“, Studie für das AEA Meeting 2009

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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