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Aktualisiert: 15.09.2014, 05:00 Uhr

Jugendforscher Klaus Hurrelmann „Sie sind angepasst, aber das ist ihr Vorteil“

Verwöhnt, konfliktscheu, opportunistisch und als Führungskräfte unbrauchbar: Das sind die Vorurteile über die derzeit Jungen. Das ist unfair, findet der Soziologe Klaus Hurrelmann.

von Eva Heidenfelder
© Bloomberg Lebst du noch oder arbeitest du schon? In der derzeit jungen Generation verschwimmen die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit immer mehr.

Herr Hurrelmann, die sogenannte Generation Y sei angepasst und furchtbar unpolitisch, sagen viele. Sie bezeichnen die derzeit 15- bis 30-Jährigen in Ihrem Buch „Die heimlichen Revolutionäre“ hingegen als genau das: Eine Generation, die Bildungswesen und Berufsleben nicht mit Krawall umkrempelt, sondern eher unbemerkt. Warum?

Es gibt ein Muster, das durch die 68er, zu denen ich ja selbst gehöre, in unseren Köpfen steckt: Eine junge Generation ist dadurch gekennzeichnet dass sie aufmuckt, dass sie alles in Frage stellt, was die Vorgängergeneration auf die Beine gestellt hat. Doch das ist bei den derzeit Jungen nicht der Fall. Deshalb ziehen viele den Schluss: Die sind aber angepasst. Das sind sie in gewissem Sinne auch. Denn indem sie quasi von Geburt an mit den sehr komplexen Veränderungen durch die fortschreitende Technisierung der letzten zehn Jahre zurechtkommen mussten, indem sie in einer sehr unsicheren Zeit vor dem Hintergrund der Terroranschläge in New York, Umweltkatastrophen wie in Fukushima und der Wirtschaftskrise sozialisiert wurden, haben sie gelernt: Alles ist im Fluss, nichts ist mehr sicher, am allerwenigsten ein Arbeitsplatz. Deshalb passen sie sich dem System an, optimieren ihre Ausgangslage. Sie fragen sich: Was brauche ich, was bringt mich weiter? Sie gehen ihr Leben taktisch an, richten sich ganz stromlinienförmig auf den Erfolg aus.

Wo bleibt da der Idealismus?

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Woher soll in dieser Generation Idealismus kommen, was soll ihnen Idealismus bringen? Es geht in erster Linie darum, der Gefahr zu entgehen, zu den etwa 20 Prozent jedes Jahrgangs zu gehören, die gar nicht in Ausbildung und Beruf kommen. Das müssen sie auch, um in dieser unsicheren Welt zu überleben. Das heißt jedoch nicht, dass sie immer mit dem Strom schwimmen. Die derzeit Jungen verändern vieles, aber eben zu ihren Gunsten und Bedingungen, nicht unbedingt nur aus idealistischen Gründen wie manche Generation vor ihnen. Ich würde sagen, sie sind pragmatische Idealisten. Sie scheinen zu spüren, wenn ich das System von außen angreife, werden sich die Fronten verhärten, und es wird viel schwieriger, etwas zu verändern. Sie versuchen, das System von innen heraus zu unterwandern. Und das ist das eigentlich Revolutionäre an dieser Generation.

Die derzeit Jungen verändern das System also eher von innen als von außen. Ist das vielleicht ein Grund, warum viele von ihnen in den Staatsdienst wollen?

Wer das beobachtet, beruft sich auf Umfragen, in denen ein Wunschszenario vorgegeben wird: Wo würde ich gerne arbeiten, wenn ich die freie Wahl hätte? Und in diesen Umfragen schneiden alle Berufe mit Beamtenstatus überdurchschnittlich gut ab. Das wird meiner Meinung nach überbewertet. Selbstverständlich wählt eine Generation, die in der prägenden Zeit der Pubertät mit der derzeit herrschenden Unsicherheit konfrontiert ist, ob sie überhaupt in den Beruf hineinkommt, einen sicheren Arbeitsplatz. Denn sie weiß ja auch, dass etwa 40 Prozent der Arbeitsverträge von Berufsanfängern befristet sind, da wünscht man sich doch natürlich, dass man zu den unbefristeten Arbeitnehmern gehört. Aber meine Recherchen haben auch ergeben, dass sich die sehr gut Qualifizierten auch sehr gut überlegen, ob sie in eine solche Position, also zum Beispiel in die eines Beamten, überhaupt gehen, in der sie möglicherweise gar nichts gestalten können - was sie ja aber durchaus wollen, wie wir festgestellt haben. Dann nehmen sie lieber eine unsichere Stelle und setzen darauf, dass sie gut genug sind, um den Arbeitgeber zu wechseln, wenn sie unzufrieden sind.

Wo machen sich die Veränderungen schon bemerkbar, die diese Generation Ihrer Ansicht nach einläutet?

30963605 © Hertie School of Governance Vergrößern Der Soziologe und Jugendforscher Klaus Hurrelmann findet die derzeit Jungen „ganz erstaunlich“.

Bislang vor allem im Bildungsbereich. 70 Prozent der Eltern wünschen sich, dass ihr Kind Abitur macht. Diesen Anspruch haben ihre Kinder übernommen und investieren viel in ihre Bildung, vor allem Mädchen und junge Frauen sind überdurchschnittlich gut gebildet. Schulen und Lehrern gegenüber haben die Jungen eine Art pädagogischen Dienstleistungsanspruch. So ist das Gymnasium in den letzten Jahren von einer eher obrigkeitshörigen, etwas verstaubten Anstalt mit einer Friss-oder-stirb-Mentalität zu einer Art Serviceinstitution geworden.

Und wie gefällt das den Lehrern?

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