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Veröffentlicht: 12.06.2013, 06:00 Uhr

Generation Y An der langen Leine

Die jüngeren Arbeitnehmer wollen überall mitreden und mitentscheiden, Anweisungen sind ihnen ein Graus. Kein Wunder: So wurden sie schließlich auch erzogen.

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© IMAGO Das Leben, ein Spieleparadies

Welche Regeln es bei uns zu Hause früher gab?“ Gertrud Heidenfelder muss überlegen. So richtig will ihr nichts einfallen. „Ich habe meine Kinder immer an der langen Leine gelassen“, sagt die 62 Jahre alte Lehrerin aus einer unterfränkischen Kleinstadt bezüglich ihrer Tochter Eva (29 Jahre, Journalistin) und ihres Sohns Jonas (26 Jahre, Student der Luft- und Raumfahrttechnik). „Natürlich gab es mal Verbote, aber dann eher situationsbezogen.“ Keine festen Zubettgehzeiten, kein Zwang, morgens das Frühstücksgeschirr wegzuräumen, keine Hausaufgabenkontrollen. „Meine eigene Mutter hat damals in ihrer Erziehung viel stärker darauf geachtet, was andere Leute über unsere Familie denken würden, wie die Dinge nach außen wirken“, erinnert sich Heidenfelder. „Das wollte ich bei meinen Kindern nicht wiederholen.“

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Gut angekommen ist das Verhalten bei den Kindern obendrein. „Wir haben sie dafür respektiert“, erinnert sich Heidenfelders Tochter. „Wenn sie um Hilfe im Haushalt gebeten hat, haben wir das eigentlich immer gerne gemacht. Und mein Bruder kann schon immer selbst seine Wäsche waschen.“

Viele Freiheiten, viel Partnerschaft

Ein solcher Erziehungsstil sei typisch für die Eltern der Generation Y, sagt der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Doch nicht immer wirke die „lange Leine“ so positiv, insbesondere dann nicht, wenn die Eltern ihre Kinder gleichzeitig allzu sehr verwöhnten. Vielen der nach 1980 Geborenen sei das Leben auf dem Silbertablett serviert worden, glaubt Wunsch. „Sie haben selten die Konsequenzen ihres Verhaltens voll zu spüren bekommen. Bei einer Faulheits-Fünf in Mathe gab es im Zweifel keine Auseinandersetzung oder klare Lernzielvereinbarung, sondern lieber eine elterlich finanzierte Nachhilfe.“ Das sei auch mit ein Grund dafür, dass die jungen Menschen viel Wert auf Work-Life-Balance legten: „Sie kennen es nicht anders, halten ein anstrengungsloses Leben für selbstverständlich.“ Eine große Rolle spiele dabei auch der hohe Stellenwert, den Freizeitaktivitäten schon in der Kindheit gehabt hätten, glaubt Wunsch. „Es gehörte zum guten Ton unter Eltern, die Kinder zum Ballett, zum Judo oder zum Kletterpark zu kutschieren.“

Auch Gertrud Heidenfelder war es wichtig, dass ihre Kinder in der Freizeit „etwas Vernünftiges taten“, wie sie es ausdrückt. „Ich habe sie viel umhergefahren“, berichtet sie. Die Kinder gingen in den Turnverein, sie waren Ministranten in der Kirche und Mitglieder in einer Jugendgruppe. Und sie konnten selbst entscheiden, welchen Hobbys sie nachgehen wollten. Die Mutter habe sie jedoch immer auch zu Konsequenz angehalten, erinnert sich Tochter Eva. „Wenn du dich irgendwo angemeldet hast und man dort auf dich wartet, dann musst du auch hingehen - so hieß es zu Hause immer.“ Beide Seiten berichten insgesamt von einer liebevollen und vor allem partnerschaftlichen Erziehung. „Mir war immer wichtig, dass die Kinder mitreden dürfen“, sagt Gertrud Heidenfelder. Bloß nicht bevormunden, lautete die Devise.

Kinder als ebenbürtig zu behandeln, sie bestmöglich einzubeziehen, ihnen früh eine Stimme zu geben - auch das charakterisiere die Eltern der Generation Y, sagt Erziehungswissenschaftler Wunsch. Doch auch hier fänden nicht alle ein solch vernünftiges Maß wie Familie Heidenfelder. Etliche Eltern hätten unterwegs vergessen, die Kinder in eine altersgemäße Selbständigkeit zu führen oder auch loslassen zu können. Das berichten viele Studien- und Berufsberater. Die Eltern wollten zunehmend dabei sein, wenn der Nachwuchs an die Uni geht, besuchen den Elternkongress auf der Berufsmesse oder den Elterninformationstag auf dem Hochschulcampus. So mancher Uni-Mitarbeiter spricht da in genervtem Ton von den „Helicopter-Parents“, die wie Hubschrauber über ihrem zum Teil schon erwachsenen Nachwuchs kreisen und alles immer noch eine Spur genauer wissen wollen.

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Personalfachleute sehen bereits die Auswirkungen dieses Verhaltens. Dass die Generation Y heute im Beruf so extrem hungrig nach Feedback sei, sei auch die Folge einer extrem partnerschaftlichen Erziehung, in der Mama und Papa für Sohn oder Tochter am liebsten beste Kumpels sein wollten, sagt der Coach Ralf Overbeck, der sich auf das Thema Generationen im Unternehmen spezialisiert hat.

Trotz aller Partnerschaft: Eine gewisse Auflehnung der Generation Y gegen den Lebensstil ihrer Eltern haben Fachleute dennoch ausgemacht. Die nach 1980 Geborenen wuchsen zwar sehr behütet auf. Doch seien sie oft Zeugen davon geworden, wie ihre Eltern sich förmlich „kaputtschufteten“, glaubt Wunsch. „Viele Eltern waren zu karriereorientiert. Wenn das Nobelauto vor dem Häuschen im Grünen stand, war ihnen das nicht genug. Es ging um mehr Ansehen, nicht allein ums Materielle.“ Auf diesem Weg sei bei vielen die Gesundheit oder die Ehe auf der Strecke geblieben. Die Jüngeren wollen das anders machen. Coach Ralf Overbeck ist aber nicht der Meinung, dass dies dazu führe, dass die Generation Y nun weniger arbeitsbereit oder gar faul sei. „Es geht mehr darum, die Arbeit anders aufzuteilen“, sagt er. „Diese Generation ist immer online, immer erreichbar. Sie sichten nach Feierabend ihre Dienst-E-Mails und fahren auch mal abends auf dem Sofa den Laptop hoch. Im Gegenzug verlassen sie ab und zu das Büro etwas früher.“ Häufig übrigens, um nach Feierabend noch etwas Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, weiß Albert Wunsch. „Studien wie die Shell Jugendstudie zeigen, dass die Mehrheit der jungen Erwachsenen sich gewünscht hätte, mehr Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Ein Punkt, den sie bei der Erziehung ihrer Kinder definitiv anders machen wollen.“

Quelle: F.A.Z.

 

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