Und wie vom Teufel besessen, holte er aus und warf das Tintenfass an die Wand seines Arbeitszimmers ... An der Wartburg prangt bis heute ein Fleck, der dem Reformator Martin Luther und seiner Neigung zum Jähzorn zugeschrieben wird. Die Herkunft des Wandflecks ist umstritten. Von zerbrochenen Bürotassen, zertretenen Handys und vom Schreibtisch gefegten Monitoren kann dafür fast jeder im Laufe seiner Karriere berichten.
Wenn Wutausbrüche öffentlich stattfinden, sorgen sie bei Außenstehenden für Erheiterung, hohe Einschaltquoten und enorme Klickraten im Internet. So wurde beispielsweise der Zornesausbruch des spanischen Königs Juan Carlos gegenüber dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavéz beim Iberoamerikanischen Gipfel in Chile („Warum hältst du nicht den Mund?“) als Handy-Klingelton in Spanien zum Hit und mehr als 500 000 Mal auf YouTube angeschaut. Wer allerdings im Alltag mit Tobsuchtsanfällen von Vorgesetzten oder Kollegen zu kämpfen hat, ist darüber in der Regel wenig amüsiert.
Eine Zeitlang tolerant
Heike Mettmann hatte hohe Erwartungen, als sie ihren Job als Projektassistentin in einer Stiftung anfing. Eine Zeitlang tolerierte sie deshalb das aggressive Auftreten ihrer Chefin. In Stressphasen liegen die Nerven eben blank, dachte sie. Als der Druck zunahm, die Beschimpfungen persönlich wurden, hatte Mettmann bereits mehrere Arzttermine hinter sich. „Ich habe seit Jahren Neurodermitis, aber in diesen Monaten wurde es unerträglich.“ Ins Büro ging sie nur noch mit gesenktem Kopf. „Augen zu und durch – so habe ich mich durch die Woche geschlagen. Mein Selbstvertrauen war komplett am Boden. Das Absurde ist, dass ich mich nicht geschlagen geben wollte, ich habe bis zuletzt gehofft, dass es besser wird – dass ich die Situation verbessern kann.“ An den Wochenenden päppelten Freunde und Familie sie wieder auf. Eine Kollegin riet ihr schließlich, einen Coach aufzusuchen.
„Wenn die Betroffenen zu mir kommen, ist in der Regel schon viel angebrannt“, sagt Claudia König. Die Kommunikations- und Erziehungswissenschaftlerin arbeitet seit zehn Jahren als Coach. „Die meisten versuchen, zunächst die Dinge selbst in den Griff zu kriegen“, sagt König. Viele holen Einschätzungen von Freunden und Familie ein, weil sie der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen. „Sie fragen sich: Bin ich jetzt bescheuert, oder er?“ Erst wenn es nicht mehr auszuhalten ist, suchten sie Rat und Verstärkung.
„Man erwartet das einfach nicht in dieser Heftigkeit“, sagt Bernd Cornelsen, Mitarbeiter eines Automobilkonzerns. „Am Anfang sucht man noch nach Gründen, nach dem Sinn hinter den Ausbrüchen, man fragt sich: Was mache ich falsch? Und natürlich macht man dann eher Fehler. Das ist ein absurder Teufelskreis.“ Spätestens als sein Vorgesetzter sich bei einem Faustschlag auf den Schreibtisch einen Knöchel brach, war klar, wer das Problem hatte. In der Fachwelt wird die fehlende Impulskontrolle als „Störung mit intermittierend auftretender Reizbarkeit“ beschrieben.
Wenn der Verstand aussetzt
Wenn der Verstand aussetzt, hilft nur Gelassenheit, Humor und Schokolade – beispielhaft vorgeführt von Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ mit Klaus Kinski: Während eines Tobsuchtsanfalls des Schauspielers kehrt der Regisseur sich seelenruhig von dem zeternden Kinski ab, holt aus den kargen Vorräten des Filmteams das letzte Stück Schokolade und isst es vor den Augen des fassungslosen Kinski, der daraufhin verstummt und geht. Die Szene gehört zu den Glanzstücken des Dokumentarfilms „Mein liebster Feind“ über die Zusammenarbeit der beiden Künstler.
„Choleriker sind relativ gut einschätzbar“, sagt Coach Claudia König. „Es gibt plötzlich auftretende aggressive Gefühlsausbrüche, die relativ schnell wieder abkühlen. Man kann lernen, mit diesem Verhalten umzugehen.“ Es gehe im besten Sinne darum, die Luft anzuhalten, abzuwarten. „Egal, was man sagt, man liefert nur neue Munition.“ Anstelle der üblichen Abwehrreaktionen – besänftigen, argumentieren, zurückbrüllen – sei es effektiver, den Hörer aufzulegen oder den Raum zu verlassen. „Nach wenigen Minuten hören die Schimpftiraden in der Regel von alleine auf.“
Fachleute warnen davor, Wutanfälle persönlich zu nehmen. König räumt jedoch ein, dass die Persönlichkeit eine Rolle spielt: „Wer selbst nur schlecht in der Lage ist, Grenzen zu ziehen, läuft eher Gefahr, dass ein Gegenüber Grenzen überschreitet.“ Sie ermutigt ihre Kunden dazu, den Vorfall zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu thematisieren. Im Rahmen des Coachings bringt König zuweilen alle Beteiligten an einen Tisch. Die größte Hürde bestehe darin, das Problem offen anzusprechen. „Wenn das geschafft ist und sich alle zu einem Gespräch bereit erklären, sind meist auch Lösungen zu finden. Auch Choleriker sind lernfähig.“
Ausbrüche kommen unvorhergesehen
Extrem schwierig im Umgang mit Cholerikern bleibt jedoch, dass die Ausbrüche unvorhergesehen kommen. „Du erwartest eigentlich ständig, dass irgendetwas kommt, aus heiterem Himmel heraus“, erzählt Angestellte Heike Mettmann. „Es ist wahnsinnig schwer, davon unberührt zu bleiben, auch wenn man weiß, dass man keine Schuld trägt.“
Spannungen und emotionale Aussetzer treten vor allem in Branchen auf, in denen entweder der Stressfaktor besonders hoch ist oder aber Unterforderung herrscht. „Ich bin eigentlich überhaupt kein aufbrausender Typ“, sagt Markus Keller, der als Client Service Director bei einer Werbeagentur arbeitet. Trotzdem platzte auch ihm schon mal der Kragen. „Es war einer dieser Tage, an denen zehn Leute gleichzeitig mit Fragen auf einen einstürmen, eine Deadline drängt und der Computer hängt.“ Kellers Stress entlud sich bei einer ahnungslosen Kollegin: „Halt doch endlich mal dein Maul!“ „Als es raus war, tat es mir schon leid, aber da war es zu spät. Meinen Chef anzuschreien, dafür wäre ich zu feige gewesen – oder zu klug, wie mans nimmt.“ Das gibt es jedoch auch: die Fälle, in denen Vorgesetzte mit den Launen ihrer Mitarbeiter zu kämpfen haben. Laut König kommt dies vor allem dann vor, wenn von oben ein besonders kollegiales, hierarchiefreies Verhältnis angestrebt wird.
Wer wiederholt schreit, beschimpft, Türen schlägt, Dinge herumwirft oder beschädigt, kann dafür abgemahnt und schließlich sogar gekündigt werden. Wobei die Ansprüche der deutschen Justiz sehr hoch sind: „Die Rechtsprechung verlangt, dass eine nachweisbare gesundheitliche oder psychische Beeinträchtigung vorliegt“, sagt Rechtsanwalt Michael Felser. „Erst wenn ein bestimmtes Maß erreicht ist, kann man von Belästigung sprechen. Zu dem Zeitpunkt sind die Betroffenen aber schon so angeschossen, dass sie nicht mehr die Kraft haben, gegen die Angriffe anzukämpfen.“
Dokumentieren wie es die Gerichte haben wollen
Wer rechtliche Schritte in Betracht zieht, sollte frühzeitig damit beginnen, die Situation zu dokumentieren. Und zwar über einen längeren Zeitraum und so, wie die Gerichte es haben wollen: faktenorientiert. Die deutsche Rechtsprechung nennt Anwalt Felser in diesem Bezug allerdings „skandalös“ und zitiert einen Richter mit den Worten: „Bei mir gibt es kein Mobbing, bei mir gibt es nur Weicheier.“ Die Gerichte gingen häufig davon aus, cholerische Menschen seien unfähig, ihre Affekte zu zügeln. „So wie man früher annahm, Schürzenjäger könnten nicht anders, als ihren Trieben zu folgen“, spottet Felser.
In der Affektsituation denkt der Einzelne nicht über sein Verhalten und die Konsequenzen nach. Er ist im besten Sinne vorübergehend außer sich, er verliert die Kontrolle. Selbstkontrolle kann man jedoch lernen. Bevor man sich einer Verhaltenstherapie unterzieht oder zu Medikamenten greift, sollte man es mit regelmäßigem Sport versuchen. Im Fachjargon spricht man von Ärgerkontrolle. Antiaggressionskurse folgen unterschiedlichen Methoden. Ebenso wie die Psychologie unterschiedliche Erklärungsansätze für die Neigung zu Wutausbrüchen liefert.
Fest steht jedoch, dass wiederkehrende Wutanfälle auch den Wüterich krank machen können. In der Regel leiden Choleriker unter Bluthochdruck und haben damit ein erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko, außerdem ist das Herz-Kreislauf-System gefährdet. Anwalt Felser plädiert auch im Sinne des wirtschaftlichen Profits für einen respektvollen Umgang: „Es sollte jedem klar sein, dass es nichts bringt, Mitarbeiter zur Schnecke zu machen. Schnecken sind langsame, schleimige Tiere. Wer will denn solche Mitarbeiter haben?“
Ein Interview mit dem Psychologen Theodor Itten über das Phänomen Jähzorn lesen Sie im Internet auf fazjob.net.
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