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Frauen an der Spitze „Unsere Unternehmenskultur ist immer noch männlich“

27.04.2007 ·  Nicht nur die großen Bosse der meisten Unternehmen sind Männer, auch in der Beraterbranche trifft man selten eine weibliche Führungskraft. Ein Gespräch mit der Unternehmensberaterin Anne von Loeben.

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Nicht nur die großen Bosse der meisten Unternehmen sind Männer, auch in der Beraterbranche trifft man selten eine weibliche Führungskraft.

Frau vonLoeben, wir haben unlängst in der F.A.Z. über die Schwierigkeiten von Juristinnen berichtet, in Großkanzleien ganz an die Spitze zu kommen. Daraufhin bekam ich den Anruf eines Wirtschaftsprüfers, der sagte, in Anwaltskanzleien hätten es Frauen ja noch vergleichsweise leicht, richtig schwer sei es in den großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirmen. Sie aber haben sich dort durchgesetzt. Sie sind Wirtschaftsprüferin, Steuerberaterin, Rechtsanwältin und Partnerin bei PriceWaterhouseCoopers in Köln. Sind Sie eine Ausnahme?

Bei PWC gibt es in ganz Deutschland über dreihundertfünfzig Partner. Höchstens zehn Prozent davon sind Frauen. Und es gibt 22 Vorstände, lauter Männer. Richtig viele Frauen sitzen also nicht in Führungspositionen.

Warum ist das so?

Ich war vor einiger Zeit auf einer Konferenz in Köln. Da haben sich vielleicht einhundert Frauen getroffen, ausnahmslos Spitzenmanagerinnen, auch aus großen Unternehmen, Ford, IBM, den Banken. Und wir haben uns dieselbe Frage gestellt: Warum sind wir so wenige? Es herrschte ziemliche Einigkeit, dass es dafür vor allem drei Gründe gibt. Der erste ist schlicht Angst. Das Schlagwort heißt "risk aversion". Oder mangelndes Selbstvertrauen. Frauen bekommen Angst, wenn sie kurz vor dem Sprung nach ganz oben stehen. Das geht Männern genauso, aber die wissen ihre Angst besser zu überwinden.

Ist Ihnen Angst fremd?

Ich bin jedenfalls kein ängstlicher Typ. Ich bin auf einem Bauernhof mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen, die ständig Unsinn gemacht, alles Mögliche ausgefressen haben und damit fast immer durchgekommen sind. Hinterher haben sie sich sogar noch besser gefühlt. Das hat vielleicht auf mich abgefärbt. Gleich nach dem Studium haben mein jüngster Bruder und ich eine Fachwerk-Ruine geerbt, die wir in dreißig Wohnungen umbauen mussten. Weil ich nach dem Examen gerade Zeit hatte, habe ich mich darum gekümmert, ein Jahr lang, um die Finanzierung, den Umbau, die Vermarktung. Andere wären daran vielleicht verzweifelt, mir hat es Spaß gemacht. Risikoscheu ist daher nicht mein Problem. Das ist ein Riesenvorteil, auch bei der Arbeit mit Mandanten. Die merken, wenn man angstfrei ist, ruhig bleibt und überzeugend erklären kann, wir finden schon eine Lösung.

Furchtlosigkeit allein aber genügt nicht.

Natürlich nicht. Entscheidend ist die Leistung. Da haben Frauen nach meiner Erfahrung sogar zwei Vorteile: Sie arbeiten gründlich, häufig gründlicher als Männer, und sind meist sehr fleißig. Oft kommt hinzu, dass sie sozial kompetenter sind, sachorientierter und deshalb bei den Mandanten besser ankommen. Viele unserer Mandanten sind ja selbst Männer, und viele von ihnen empfinden es nach meinem persönlichen Eindruck als angenehmer, in Krisensituationen mit Frauen zusammenarbeiten. Eigene Fehler oder Missstände Männern gegenüber einzuräumen fällt ihnen schwer. Frauen dagegen kann man derlei gewissermaßen mütterlich anvertrauen.

Immer wieder aber heißt es von Anwälten oder Beratern, gerade die Mandanten wünschten, von Männern beraten zu werden, weil die kühler und rationaler argumentierten. Frauen hingegen neigten zu emotionalen Reaktionen.

Mag sein, dass es solche Wünsche gibt. Aber nach meinen Erfahrungen zerstreiten sich Männer häufig viel schneller als Frauen in Vertragsverhandlungen, und nicht selten habe ich es erlebt, dass dann ausgerechnet mir die Aufgabe zufiel, zu beruhigen, zu schlichten und zur Sache zurückzukommen.

Trotzdem bleiben Frauen in Spitzenpositionen eine Seltenheit.

Ja. In der Beratungsbranche fangen auf der Einstiegsebene etwa ebenso viele Männer wie Frauen an. Aber vorwiegend Männer steigen auf. Der zweite der drei Gründe für diese Entwicklung, darüber waren sich auf der Konferenz in Köln alle Kolleginnen einig, ist das "old boys network", zu dem Frauen keinen Zugang haben. Vielleicht hat Ursula von der Leyen Zugang, aber da mag ihr Vater eine Rolle spielen. Ich gebe zu, ich schaue nicht selten neidisch auf meine Kollegen und deren Kontakte. Sich selbst diese Netzwerke aufzubauen ist ungeheuer anstrengend und zeitraubend.

Wie funktioniert das System? Wo entstehen die Kontakte? Beim Fußball, in der Sauna, in Studentenverbindungen?

Ja, ganz früh fängt es bestimmt beim Fußball an. Als ich klein war, gab es noch keinen Fußball für Mädchen, das immerhin hat sich jetzt geändert. Dann kommen, sehr wichtig, die Studentenverbindungen, die in den entsprechenden Berufen den Austausch ganz gezielt fördern. Nicht dass wir uns missverstehen: Ich meine nicht die Geselligkeit, die Trinkgelage. Entscheidend ist die Möglichkeit, hier jemanden anzurufen, dort einen Bekannten in den entscheidenden Positionen zu haben. So etwas haben Frauen noch lange nicht. Schließlich: die Väter. Da können sich die Söhne dranhängen. Selbst wenn die Väter es selbst nicht aktiv unterstützen. Aber wenn man sagen kann: Schöne Grüße von meinem Vater, da gehen schon manche Türen auf, die mir verschlossen bleiben. Das alles zusammengenommen ist ein enormes Hindernis für Frauen, die Karriere machen wollen.

Und das dritte Problem?

Uns Frauen fehlt der "top level support". Wir werden ab einer bestimmten Karrierestufe nicht mehr unterstützt. Wer sich durchgebissen hat, eine bestimmte Ebene erreicht hat - der wird plötzlich alleingelassen. Da bräuchten sie dann Mentoren, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Externe Beratung kann ich mir natürlich einkaufen, aber man braucht Ratgeber in den Unternehmen, in den entscheidenden Kreisen. Ohne solche Mentoren, das ist meine Erfahrung, ist es nicht zu schaffen. Und das ist wirklich verheerend. Da haben sie diese gutausgebildeten, erfahrenen Frauen mit eindrucksvollen Erfolgsgeschichten, auch mit einer individuellen "Leidensgeschichte", die wirklich etwas bewegen können, auch für die kommenden Generationen, und die gehen mit Anfang, Mitte vierzig in die Knie, weil ihnen die Unterstützung fehlt. Weil sie sagen, ich schaffe das nicht mehr allein, ich komme nicht voran. Das war jüngst auf der Konferenz ein Riesenthema. Darüber wird in den Unternehmen noch gar nicht nachgedacht. Oder man ist ganz froh darüber, denn so können die Männer an der Spitze unter sich bleiben.

Aber hat dieses Ausbleiben von Unterstützung tatsächlich mit dem Geschlecht zu tun? Oder ist es nicht vielmehr ein Organisationsproblem?

Am Ende ist es eine Machtfrage. Wenn einer - oder eine - zu viel Macht bekommt, weckt das immer Widerstände. Männer erleben wahrscheinlich ab einer bestimmten Ebene Ähnliches. Aber Frauen kann man leichter fernhalten von der Spitze, bei ihnen gibt es eben noch bessere Unterdrückungsmechanismen.

Welche?

Zum Beispiel die Behauptung, es sei unmöglich, mit Kindern Karriere zu machen. Das ist eine systematische Einschüchterung aller Frauen, die es versuchen wollen.

Haben Sie Kinder?

Nein.

Aber Kinder ließen sich mit Ihrer Position vereinbaren?

Mit dem entsprechenden Mann und einer guten Organisation der Kinderbetreuung auf jeden Fall. Das ist absolut möglich. Es ist in Deutschland umständlicher als etwa in Frankreich, aber es ist alles machbar. Es ist ja mittlerweile auch gesellschaftlich anerkannt und wird politisch intensiv diskutiert, dass die Kinderbetreuung kein Hindernis bei der Karriere sein darf. Bei ganz großen Mandaten, wenn der Auftraggeber alle halbe Stunde anruft, da muss vielleicht Dauerpräsenz sein, aber das ist doch gar nicht die Regel.

Was können Frauen tun, um ihre Chancen zu verbessern? Frauennetzwerke bilden?

Frauennetzwerke helfen so lange nicht, wie Frauen nicht viel stärker in den obersten Etagen sitzen. Wahrscheinlich ist die einzige Möglichkeit, sich ganz allein durchzubeißen. Oder sich mit den vernünftigen Männern zusammenzuschließen, vernünftig natürlich in Anführungsstrichen. Ohne Kampf jedenfalls wird es nicht gehen.

Frau von Loeben ist Rechtsanwältin, Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers AG

Die Fragen stellte Heinrich Wefing

Quelle: F.A.Z., 27.04.2007, Nr. 98 / Seite 48
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