15.06.2007 · Von der geleisteten Arbeit mal abgesehen: In Verträgen wurden über Jahrzehnte kürzere Arbeitszeiten vereinbart. Diese Tendenz hat sich umgekehrt. Zeitkonten setzen sich durch - mit Vorteilen für alle Beteiligten.
Von Pia BlankenburgFlexibilität seitens der Mitarbeiter wird heute in der Arbeitswelt vorausgesetzt. Während die Unternehmen flexible Arbeitszeiten mit einer besseren Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit verbinden, besteht auf Seiten der Beschäftigten oft der Wunsch nach mehr Zeitsouveränität, um Beruf und Privatleben besser vereinbaren zu können. In Deutschland ging der Trend über mehrere Jahrzehnte zur Verkürzung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit. Doch diese Tendenz hat sich mittlerweile umgekehrt.
Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist in den Unternehmen von 39,1 Stunden im Jahr 2004 auf 39,4 Stunden im Jahr 2006 gestiegen. Dies zeigt das aktuelle Betriebspanel 2006 des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), für das rund 16.000 Betriebe befragt wurden. Diese moderate Arbeitszeiterhöhung betrifft allerdings alle Branchen - mit Ausnahme des Kredit- und Versicherungsgewerbes, dessen Wochenarbeitszeit um durchschnittlich 30 Minuten sank. Mit 60 Minuten am deutlichsten wurde die Arbeitszeit in den Branchen Verkehr und Kommunikation erhöht - Bahn, Speditionen, Telekom- und Mobilfunk, Post. Es folgen Verbände und der Öffentliche Dienst (42 Minuten) sowie das Verarbeitende Gewerbe (36 Minuten).
Mehr Teilzeit
Parallel dazu ist laut IAB-Forschungsbericht auch die Teilzeitbeschäftigung angestiegen. Während im Jahr 1996 rund 21 Prozent der westdeutschen Beschäftigten in Teilzeit arbeiteten (Ost: 12 Prozent), waren dies 2006 rund 26 Prozent (Ost: 22 Prozent). Dieser Anstieg gilt auch für den Anteil der Unternehmen, die Teilzeitarbeit anbieten: 1999 beschäftigten 59 Prozent der Betriebe Teilzeitmitarbeiter, 2006 taten dies bereits 72 Prozent. Damit arbeitet heute nur noch gut jedes vierte Unternehmen in Deutschland ausschließlich mit Vollzeitkräften. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei der Teilzeitarbeit mit auf den vordersten Rängen. Nur in den Niederlanden und Schweden beschäftigten mehr Betriebe Teilzeitmitarbeiter. Dies belegt eine Befragung, die 2004/2005 in 21 Ländern der Europäischen Union durchgeführt wurde.
Die Studie weist auch auf die Problematik beim Wechsel von Voll- auf Teilzeit in Deutschland hin: Ein im EU-Vergleich deutlich überdurchschnittlicher Anteil der befragten deutschen Personalleiter gab an, die Umstellung von Vollzeit auf Teilzeit sei in ihrem Unternehmen nur ausnahmsweise oder sogar überhaupt nicht möglich.
Produktiver mit Arbeitszeitkonten
Die erhöhte Arbeitswochenzeit zeigt sich auch in den geleisteten Überstunden der Beschäftigten. Im Jahr 2005 wurden zufolge der Untersuchung in 44 Prozent der Unternehmen Überstunden erbracht. Der Ausgleich der Überstunden wird dabei zunehmend in Form von Freizeit abgegolten. 54 Prozent der Betriebe gaben an, die im Jahr 2005 angefallene Mehrarbeit grundsätzlich mit Freizeit ausgeglichen zu haben. Nur neun Prozent der Unternehmen zahlten Überstunden aus. Während 28 Prozent der Unternehmen beide Formen praktizierten, fand bei neun Prozent dagegen keinerlei Ausgleich für die Überstunden statt. Für Mitarbeiter mit Arbeitszeitkonten zeigt sich hier ein eindeutiger Vorteil, sie können anhand der angesparten Überstunden ihre Arbeitszeit flexibler gestalten und eher ihren eigenen Bedürfnissen anpassen. Erfahrungsgemäß arbeiten Beschäftigte, die bei der Verteilung und Dauer ihrer Arbeitszeit mitbestimmen können, auch motivierter und somit produktiver.
Nach Angaben der IAB-Forscher stellt der zunehmende Freizeitausgleich von Überstunden bereits eine Vorform der Arbeitszeitkonten dar, die nicht nur bei den Arbeitnehmern, sondern auch bei den Arbeitgebern sehr beliebt sind. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Für die Unternehmen ermöglichen Arbeitszeitkonten kostengünstig auf Auftragsschwankungen zu reagieren, die Mitarbeiter können entsprechend der Auftragslage eingesetzt werden, Kündigungen und Neueinstellungen sowie die damit erforderliche Einarbeitung entfallen.
Deutschland vorne in Europa
Auch wenn sich die Anzahl der Unternehmen mit Arbeitszeitkonten seit 2004 nicht weiter erhöht hat, liegt Deutschland im europäischen Vergleich an dritter Stelle. Im EU-Durchschnitt nutzt etwa jeder dritte Betrieb ab zehn Mitarbeitern Arbeitszeitkonten, in Deutschland fast jedes zweite Unternehmen. Lediglich in Finnland und Schweden sind sie noch weiter verbreitet. Auch der innerbetriebliche Verbreitungsgrad der Arbeitszeitkonten ist zufolge der IAB-Untersuchung in Deutschland sehr hoch: In rund 60 Prozent der Unternehmen mit Arbeitszeitkonten stehen sie der gesamten Belegschaft zur Verfügung, in den restlichen 40 Prozent nehmen durchschnittlich 61 Prozent der Beschäftigten dieses Arbeitszeitmodell in Anspruch. Je größer das Unternehmen, desto mehr sind Zeitkonten mit Ansparmöglichkeiten verbreitet. Während nur jeder siebte Kleinstbetrieb mit weniger als zehn Mitarbeitern flexible Arbeitszeitmodelle nutzt, ist es in den Kleinunternehmen mit bis zu 49 Beschäftigten bereits jedes dritte und in den Mittel- und Großbetrieben weit mehr als die Hälfte (60 bzw. 74 Prozent).
Langzeitkonten für längere Freistellungen sind hingegen weniger verbreitet: Insgesamt bieten nur zwei Prozent der befragten deutschen Unternehmen ihren Mitarbeitern dieses Arbeitszeitmodell an. Die Verbreitung ist wiederum von der Unternehmensgröße abhängig: Während im Jahr 2006 nur drei Prozent der Kleinbetriebe Langzeitkonten anboten, waren es bei den Mittel- und Großbetrieben immerhin sechs und zwölf Prozent.