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Firmenhymnen Trällern für den Teamgeist

 ·  Firmenhymnen sollen Mitarbeiter bei Laune halten und deren Leistungen steigern. Der Nutzen der meist seichten Liedchen ist umstritten. Dringen sie an die Öffentlichkeit, wird viel gelästert.

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Zwei Wochen vor Abgabe setzt sich Thomas Hettwer ans Klavier, summt die Silbenzahl, die ihm seine Texter vorgegeben haben und probiert aus, welcher Rhythmus richtig ins Blut geht. Der Professor für Klavierimprovisation an der Musikhochschule Hamburg produziert Firmenhymnen, unter anderen für die Edeka Gruppe. Das Jubiläumslied „Wir leben“ zum 100-jährigen Bestehen des Lebensmittelhändlers geht ebenso auf sein Konto wie der Song „Wir lieben Lebensmittel“, der heute noch die Telefonwarteschleife im Unternehmen füllt.

„Ja, das müssten wir eigentlich mal ändern“, sagt Nicole Wefers, Eventmanagerin in der Edeka Zentrale. „Die Musik ist ja nicht mehr zeitgemäß.“ Sieben Jahre ist das Stück alt, das ursprünglich nur für den internen Gebrauch gedacht war. „Aber weil es erfolgreich war, hat es bald seinen Weg ins Netz gefunden.“ Edeka machte aus der Not eine Tugend, kaufte die Rechte und verwertete den Jingle für die Werbung sowie die Musik für die Warteschleife.

Dabei gäbe es inzwischen genug andere Lieder mit dem Zeug zum Ohrwurm: Jedes Jahr komponiert Hettwer einen neuen Popsong für den Lebensmittelkonzern, arrangiert und choreographiert ihn. Die Texte lässt er von befreundeten Songwritern schreiben: „Ich gebe dafür nach Absprache mit dem Unternehmen die Richtung vor“, sagt Hettwer.

In diesem Jahr stünden Nachhaltigkeit und der Schutz der Umwelt obenan. Wie er das mit professionellen Sängern umsetzt und auf der Jahrestagung vor Hunderten von Marktleitern, selbständigen Unternehmern und Nachwuchskräften präsentiert, darf der Produzent und Komponist aber nicht verraten: „Das ist ein internes Show-Programm für unsere Führungskräfte“, sagt Nicole Wefers.

Es geht vor allem um die Motivation der Mitarbeiter

So ist es mit den meisten Firmenliedern: Sie werden von oben beauftragt, von außen professionell komponiert und sind nach innen gerichtet. Wie viele Unternehmen eigene Hymnen haben und ob es mehr werden, sei nicht genau auszumachen, sagt Rudi Maier. Er ist empirischer Kulturwissenschaftler und sammelt Firmenhymnen. Schon 280 Exemplare, viel Pop, kaum Punk, finden sich in seinem Ludwigsburger Büro. Imagesongs, die eher nach außen gerichtet sind, seien auch darunter. In der Mehrheit handele es sich aber um Motivationsstücke für die Mitarbeiter: „Firmenhymnen zielen auf das Wir-Gefühl ab, Firmenlieder auf den Einzelnen.“

Als Beispiel führt Maier das Kaufland-Lied von 2003 an: „Doch ohne dich ist nichts zu machen, bist sehr wichtig sogar. Wir brauchen dich, mach mit, sag einfach ja! Dann sind wir die Nummer eins, bei unseren Kunden, ist doch klar.“ Diese Strophe stehe für die Subjektivierung der Arbeit, so der Kulturwissenschaftler: „Kundenorientierung und Selbstopferung werden gefordert, die Anforderungen an den Einzelnen steigen.“

Eine Hymne zum Mitsingen ist dagegen der VW-Refrain: „Wir bei VW, wir bei VW, sind echt okay, sind echt okay. Ein echtes Super-Team, das fest zusammenhält.“

„Gehirnwäsche“ oder nur „rausgeschmissenes Geld“?

Wie es die Firmenhymnen von der internen Kommunikation nach außen schaffen, ist nicht immer ganz klar. Maier vermutet, dass frustrierte Beschäftigte die Mitschnitte als kleine Rache anonym ins Netz stellen. Da ist die Außenwirkung bisweilen verheerend: Zwar findet das Kaufland-Lied, Version 2003 bei Youtube mehr Zustimmung (“gefällt mir“) als Ablehnung, aber die Kommentatoren lästern über „Gehirnwäsche“, „Parodie“ oder „rausgeschmissenes Geld“ und diskutieren über Mitarbeiterausbeutung. „Die Leute spüren, wenn etwas behauptet wird, das mit der Realität nichts zu tun hat“, so Maier.

In seinem Fundus findet sich schon die neue Version des Kaufland-Songs: „Ein Land, Deine Welt, in der der Mensch noch zählt, ein Lächeln, Dich gewinnt und alle freundlich sind. Ein Land, Deine Welt, Verantwortung, die zählt“, singen in unterschiedlichen Versionen, mal Schnulze, mal Hip-Hop, mal Englisch, mal Deutsch vier Mitarbeiter. Es sind die Gewinner des „Kaufland-Castings“, eines firmenweiten Wettbewerbs um Gesangstalente.

Der Text wurde nach Vorgaben der Geschäftsleitung geschrieben, Musik und Aufnahme übernahm die Hamburger Produktionsfirma music ’n’motion und die CD ging als Weihnachtsgeschenk an alle Mitarbeiter.

Lob für den Einzelnen, statt Schüttelreime für alle

Mitarbeiterbindung ist das Ziel jeder Firmenhymne, aber nicht immer wird es auch erreicht. Wenn ausgewählte Beschäftigte den zweitägigen Workshop „Firmenhymnen komponieren“ der Hamburger Agentur Maus & Möller besuchen, kommt da zwar meistens eine Teambildung, aber nicht immer eine Hymne heraus. Wenn Geschäftsführer Songs in Auftrag geben, mag noch lange nicht jeder Mitarbeiter mitsingen: „Das passt nicht in die deutsche Unternehmenskultur, das ist doch eher eine japanische oder amerikanische Tradition“, urteilt Führungskräftetrainerin Jacqueline Groher.

Die Betriebswirtin wünscht sich von den Leitbildern „Ecken und Kanten“ anstelle der „Weichspülersongs“: „Wenn die Mitarbeiter keine emotionale Heimat in ihrem Unternehmen finden, kann man das nicht durch irgendwelche Personalführungsinstrumente erzwingen“, sagt Groher. Vielmehr müsse die Führungskraft sich selbst ändern, auch mal die Brille der Mitarbeiter aufsetzen, Sinn stiften und Leistungen anerkennen: „Ein spezifisches Lob, warum und für wen eine Arbeit nützlich war, ist viel motivierender als Schüttelreime für alle.“

„Emotionale Bindung steht und fällt mit dem direkten Vorgesetzten“

Folgt man einer Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup, ist es in der Tat nicht gut bestellt um die emotionale Bindung deutscher Mitarbeiter: Demnach waren 2011 gerade mal 14 Prozent der Beschäftigten bereit, sich für die Ziele ihres Arbeitgebers einzusetzen. Stolze 63 Prozent machen Dienst nach Vorschrift. Eine wachsende Gruppe (23 Prozent) hat innerlich schon gekündigt – „2001 lag ihr Anteil noch bei 15 Prozent“, betont Anke Pfeifer, Marketingberaterin am Standort Berlin.

Das Erstaunliche an der Umfrage: Die Zufriedenheit mit der Arbeit hat sogar zugenommen und betrug zuletzt 92 Prozent. „Emotionale Bindung steht und fällt mit den direkten Vorgesetzten und hat mit Zufriedenheit nichts zu tun“, erklärt Pfeifer. So fühlten sich Mitarbeiter ohne emotionale Bindung nicht als Person geachtet, anerkannt und in der persönlichen Entwicklung gefördert. Wer das ändern will, müsse für eine offene Feedbackkultur und andere Vorgesetzte sorgen, sagt Pfeifer: „Es wird zu sehr nach Lebenslauf eingestellt, meistens Fach- statt Führungskräfte.“

Was den Rollenwechsel ausmacht, bringt der Berliner Unternehmensberater Jens Alexander Hartmann auf den Punkt: „Nur die Führungskraft schafft es auch in unsicheren Zeiten, klare Strukturen zu schaffen. Manager versuchen hingegen, Veränderungen zu vermeiden.“ Hartmann führt als Beispiel ein Unternehmen im Gesundheitswesen an, bei dem, bedingt durch eine bevorstehende Fusion, die Gerüchteküche nur so brodelte. Die Führungskraft nahm das Bild wörtlich, baute im Flur eine improvisierte Küche auf und buk den Mitarbeitern Pfannkuchen. Bei der individuellen Zubereitung wurde jeder Mitarbeiter nicht nur nach seiner Lieblingsrezeptur befragt, sondern auch nach seiner derzeitigen Befindlichkeit.

“Mitarbeiterbindung muss nicht immer teuer sein, es geht auch kreativ“, schlussfolgert Hartmann. Auf jeden Fall nicht so teuer wie eine Hymne, die zwischen 3000 und 30 000 Euro kosten kann und zudem schwerer unter Verschluss zu halten ist. Jedenfalls ist das auch Edeka mit der Jubiläumshymne nicht ganz gelungen.

So singen Sie richtig

Der Kulturwissenschaftler Rudi Maier sieht drei wichtige Funktionen, die Firmenlieder erfüllen sollen:

Motivation und Teambildung stehen ganz obenan: „Wir bei Heldt, sind die allerstärkste Truppe dieser Welt. Hier bei Heldt, bist du niemals auf dich allein gestellt (...). Wir bei Heldt, sind ein Team, das echt zusammenhält. Hier bei Heldt, ist Solidarität was wirklich zählt“, singt die Belegschaft der Herbert Heldt KG, ein Großhändler für Gebäudetechnik.

An zweiter Stelle stehen Kreativität und die Aufforderung zur permanenten Innovation: „Die Gedanken stehen nie still, wenn man Träume wahr machen will. An die Zukunft glauben wir, in jedem steckt ein Pionier. Wir sehen nach vorn, heute für morgen – grenzenlos!“ Das ist ein Ausschnitt aus der Henkel Unternehmenshymne, die 2005 den amerikanischen International Business Award gewann. Inzwischen wurde der Song entfernt, aber der Gedanke, gemeinsam die Welt zu verändern, ist geblieben.

Er findet sich auch in dem Lied des Mischkonzern 3M Deutschland wieder: „Mit dieser Idee und jedem Gedanken, du und ich sind das, was zählt. Du und ich, wir beide gemeinsam, und mit jedem Pulsschlag verändern wir die Welt.“

Als drittes Element nennt Maier Kundenorientierung und zitiert aus dem Jubiläumssong Kaisers/Tengelmann von 2005: „Seit 125 Jahren gibt´s bei uns feine Waren, ob Kaffee, Bohnen oder Fertiggerichte, wir alle schreiben Geschichte. Wir haben die Frische jeden Tag, unser Service macht uns stark, wir bieten mehr als nur Discount, das stimmt die Kunden gut gelaunt. Wir sind Kaisers Tengelmann, wir sind Kaisers Tengelmann, und in unserer Familie kommt´s auf jeden von uns an.“

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