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Veröffentlicht: 03.05.2017, 09:47 Uhr

Projekt auf Sylt Flucht auf die Insel

Hotelfachmann oder Koch will kaum einer mehr werden. Das trifft auch die Insel Sylt mit ihren vielen Touristen. Ein Flüchtlingsprojekt soll jetzt Abhilfe schaffen.

© dpa Flüchtlinge aus Albanien und Eritrea im Dorfhotel in Rantum auf Sylt.

Besteck klappert gegen Porzellan. Abräumen, aufräumen, eindecken: Nach dem Frühstück ist vor der nächsten Mahlzeit. Dritan, der tatsächlich anders heißt, trägt kariertes Hemd, beige Schürze - und kümmert sich als Praktikant im Dorfhotel in Rantum um die Hinterlassenschaften Hunderter Gäste. Der 23-Jährige kam 2015 als Flüchtling aus Albanien über Griechenland nach Deutschland und schließlich nach Sylt.

„In meinem Heimatland gibt es viel Korruption und keine Arbeit. Ich bin nicht sicher“, erzählt Dritan. Im Dorfhotel auf der Luxusinsel fragt er nun Urlauber, was sie trinken wollen. Im September will er dort im Programm „Festmachen auf Sylt“ eine Ausbildung beginnen. Es bietet derzeit rund 20 Migranten eine Perspektive - und könnte den Hotels und Restaurants ersehnte Fachkräfte bescheren.

 
Abräumen, aufräumen, eindecken: Jobs im Hotel sind unbeliebt. Auf Sylt gibt’s nun ein Flüchtlingsprojekt.

„Die machen das richtig gut“, lobt Gabor Hnizdo, Direktor des mit gut 500 Betten größten Hotels auf Sylt. Dritan und ein weiterer „Festmacher“ arbeiten bei ihm im Haus. „Sie werden von uns völlig gleich behandelt“, sagt er über das Projekt, das Industrie- und Handelskammer (IHK), Berufsschule, Arbeitsagentur, die Gemeinde sowie Hoteliers und Gastronomen gemeinsam stemmen.

„Auf der einstigen Insel der Reichen und Schönen“, sagt Hnizdo, sei es „schön, so ein Projekt zu unterstützen“. Er weiß aber auch: „Es ist um Auszubildende in dem Gewerbe schlecht bestellt.“ Und schuld daran sei die Gastronomie selbst.

„Arbeitszeiten sind nicht eingehalten worden, menschlich wurde das nicht anerkannt. Erst in den letzten Jahren hat sich das gewandelt“, sagt Hnizdo. „Inzwischen ist das schon mehr ein Geben und Nehmen. Doch der Markt ist leergefegt.“ Die Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), Sandra Warden, nennt die gute Konjunktur, sinkende Schülerzahlen sowie den Trend zum Studium als weitere Gründe.

Köche und Hotelfachleute sind Mangelware

Die Bundesagentur für Arbeit bestätigt diesen Trend. Im März 2017 seien bundesweit knapp 38.826 offene Stellen im Bereich Gastgewerbe und Hotellerie gemeldet gewesen. Das sind 1542 oder 4,1 Prozent mehr als noch im März 2016 (37.284). In Schleswig-Holstein zählen Koch (Platz 6) und Hotelfachmann (Platz 8) zu den Top Ten der unbesetzten Ausbildungsplätze. „Die Besetzung der Stellen ist nicht immer einfach. Hier müssen alle Wege genutzt werden“, sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur. Flüchtlinge seien ein Potenzial, das „gehoben werden kann“. Doch die Hürden, eine Ausbildung zu beginnen, sind für sie hoch.

Zwar sei das Gastgewerbe „die Branche der Chance“, so Dehoga-Chefin Warden. Bundesweit könnten Flüchtlinge aber nur „mittelfristig einen kleinen Baustein zur Fachkräftesicherung darstellen.“ Noch fehle es an Qualifikation - vor allem Sprachkenntnissen. Auf Sylt arbeiten Berufsschule und Gemeinde dagegen gemeinsam an. Die Inselverwaltung zahlt zusätzliche Deutschkurse - unabhängig von Herkunftsland oder Aufenthaltsstatus. Selbst Besonderheiten Nordfrieslands würden vermittelt: „Der Tagesgruß hier oben ist nun mal Moin“, sagt Dritans Berufsschulleiter Finn Brandt.

„Hier bin ich sicher und kann etwas tun, für meine Zukunft“, sagt Dritan, der in seiner Freizeit im Team Sylt III Fußball spielt. Gemeinsam mit seinen Kollegen isst er mittags in der Personalkantine Würstchen. Doch eine bedeutende Sache unterscheidet ihn: Sein Asylantrag wurde abgelehnt.

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„Das normale Prozedere ist, dass nun von der kommunalen Ausländerbehörde geprüft wird, ob ein Abschiebehemmnis vorliegt“, sagt Catharina Nies, die das Programm bei der IHK Flensburg koordiniert. Während des Praktikums kann er laut Landesinnenministerium eine Duldung erhalten, als Lehrling hat er auch Anspruch auf sie - für drei Jahre Ausbildung und zwei weitere Jahre. „Für uns ist es ein klassischer 3+2-Fall“, sagt Nies.

„Ich weiß nicht, was kommt“

„Ich muss hier bleiben“, sagt Dritan. „Bis jetzt habe ich diesen Vertrag, aber ich weiß nicht, was kommt.“ Unter anderem wegen dieser Unsicherheit auch für Firmen fordert die IHK, bei der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt nachzubessern. Das Ermessen der Behörden vor der eigentlichen Ausbildung sei zu groß, Firmen müssten mehr unterstützt werden - und die Wohnsitzauflage wegfallen, heißt es auch in einem gemeinsamen Papier der IHKs in Schleswig-Holstein.

Eine Sprecherin von Landesinnenminister Stefan Studt (SPD) verteidigt die Praxis gegen die Kritik. Sie verweist auf einen geplanten Erlass, wonach Asylbewerber für einen Ausbildungs- oder Studienplatz umziehen können sollen. Sie betont aber auch den Unterschied zwischen Ausbildung und der vorangestellten Einstiegsqualifizierung wie bei Dritan. Und für Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land Asyl beantragt haben (Dublin-Fälle), gelte die Norm nicht.

„Wir wollen mit dem Projekt wachsen“, sagt Hotel-Chef Hnizdo zu den Regeln des Ausländerrechts. „Menschlich sind sie höchst willkommen, juristisch nicht.“ Inzwischen sei sein Haus mit knapp 90 Mitarbeitern für die anstehende Saison gerüstet. Für Sylt nicht selbstverständlich: Die Abgelegenheit der Insel und die hohen Mieten erschweren die Suche nach Fachkräften und Azubis zusätzlich.

„Wir würden auch gern Kleidung einkaufen, aber es ist etwas teuer für uns“, erzählt ein anderer „Festmacher“ aus Eritrea. Der 21-Jährige ist das erste Mal auf einer Insel: „Ich kann nicht einfach in eine andere Stadt gehen.“ Hnizdo zahlt seinen Beschäftigten daher längst mehr als Tarif - und stellt 60 Betten in einem Personalhotel sowie Zugang zu Schwimmbad und Spa. „Wir haben elf Nationalitäten im Haus. Das ist Arbeit, aber das funktioniert schon“, sagt er. Auch Dritan möchte dort einziehen.

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