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Veröffentlicht: 16.10.2013, 06:09 Uhr

Fehlende Englischkenntnisse „Hällo, sis is Dieter koling!“


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Ein Englischmanko in Deutschland erkennt auch Wolfgang Fauck, der Leiter des Sprachbereichs der Internationalen Berufsakademie in Berlin, die zum Beispiel Sprachkurse für Unternehmen anbietet. Gründe dafür gibt es viele: Nach Einschätzung von Fauk liegt einer gewichtiger darin, dass Deutsche im Alltag weniger mit Englisch in Berührung kommen als etwa Holländer oder auch Skandinavier, weil hierzulande englischsprachige Filme und Fernsehshows üblicherweise in synchronisierter Version gezeigt werden, während sie in anderen Ländern in der Originalfassung mit Untertiteln laufen. Auch eine zweisprachige Erziehung gilt in Deutschland noch wahlweise als prätentiös oder als Hindernis für die Sprachentwicklung und weniger als Selbstverständlichkeit wie in einem Großteil der Welt.

Auch Top-Manager sprechen schlecht oder mit starkem Akzent

Hinzu kommt: Die englische Sprache ist keineswegs so trivial, wie viele denken. Sprachbuchenglisch vom Format „How do you do?“ geht Novizen locker von den Lippen, aber in die Untiefen der nuancierten Konversation dringen viele erst nach jahrelanger Übung ein. Da hilft auch die Schulbildung wenig, die Fauck zudem für uneinheitlich hält. „Es hängt oft vom Lehrer ab. Viele Gymnasiasten können gut Englisch, weil sie Lehrer haben, die sie zum Sprechen animieren. Das ist gerade bei älteren Lehrern oft nicht der Fall.“ In Real- und Hauptschulen gebe es noch weniger Lehrer, die es verstehen, Schüler für Englisch zu begeistern. „Die können zum Beispiel nicht vermitteln, wie schön es sein kann, Filme auch einmal in englischer Sprache anzusehen.“ Trotzdem meint Fauck, dass zumindest Absolventen höherer Schulen heute bessere Englischkenntnisse haben als etwa vor zwanzig oder dreißig Jahren. Die Generation, die heute 50 Jahre und älter ist, sei allgemein nicht so gut in Englisch ausgebildet worden. Das erkläre auch, warum es noch immer viele deutsche Politiker und Top-Manager gibt, die Englisch schlecht oder mit starkem Akzent sprechen.

Der Trost dabei: Auch andere Staaten sitzen mit den Deutschen in einem Boot. Ob Italiener, Franzosen oder Spanier - kaum eine stolze Nation mit traditionsreicher Geschichte hat den reibungslosen Übergang in die englischsprachige Business-Kultur geschafft. Erst kürzlich verkündete der japanische Finanzminister Taro Aso nicht ohne Stolz, die mangelnden Sprachkenntnisse seiner Landsleute aus dem Bankenbereich hätten in der Finanzkrise das Schlimmste verhindert. Sie hätten das englische Kauderwelsch der Wall Street ohnehin nicht verstanden. Das Grauen ist so allgegenwärtig, dass es schon seit Jahren einen festen Begriff dafür gibt: bad simple english (bse) gibt es nicht nur in Deutschland.

„Planification“ und „to precise“

Besondere Blüten treibt es übrigens dort, wo sich Ausländer aus vielen Nationen auf die Universalsprache Englisch einigen müssen: in Brüssel. Im Schmelztiegel der Europäischen Union nehmen die sprachlichen Abwandlungen solch bizarre Züge an, dass sich ein verzweifelter Muttersprachler vom Europäischen Rechnungshof, Jeremy Gardner, einmal die Mühe gemacht hat, diese zusammenzutragen. Herausgekommen ist mit 58 Seiten eine „kurze“ Liste von falsch genutzten englischen Begriffen in europäischen Veröffentlichungen. Dem Einfallsreichtum der Brüsseler Beamten scheinen dabei nur wenig Grenzen gesetzt. Selbst eigentlich nicht existente Worte nutzten sie mit größter Selbstverständlichkeit: Englische Wortkreationen wie „planification“ - statt dem richtigen „planning“ - kommen eigentlich aus dem Französischen und klingen zumindest für den Nicht-Muttersprachler auch noch professionell. Nur leider ist der Begriff ebenso wenig existent wie die Transformation des schönen deutschen Wortes präzisieren in „to precise“.

Eine Rechtfertigung für das in Schriftform gegossene Kauderwelsch gibt es keineswegs - für die mündliche Variante allerdings schon. Schließlich gibt es immer noch vor allem einen Weg, wie man eine Fremdsprache effektiv lernt: durchs Sprechen. Dass dabei Fehler passieren, muss man hinnehmen - am besten ohne Millionenpublikum.

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