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Familie und Beruf Zwischen Krippe und Visite

08.12.2010 ·  Ärztinnen finden im Gesundheitswesen selten ein familienfreundliches Arbeitsumfeld vor. Dabei gerade ist in den Kliniken die Personalnot groß. Doch flexible Dienstpläne, Teilzeitarbeit und Kita-Plätze sind Mangelware.

Von Andreas Mihm
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Nach der Geburt der Zwillinge ist Wiebke Lauterbach erst einmal zu Hause geblieben. Die Ärztin wollte sich um Grietje Marie und Gesche Helen kümmern, zumal der Vater viel unterwegs war. Von Anfang an war aber klar, dass sie nach einem Jahr wieder arbeiten gehen wollte. Das gestaltete sich schwieriger als erwartet. Zwar bot die Personalabteilung ihres Krankenhauses eine Halbtagsstelle an. Doch war das nicht das, was die Frau mit Anfang dreißig sich unter familien- und kinderfreundlich vorgestellt hatte: Statt einen halben Tag sollte die junge Ärztin jeweils einen halben Monat am Stück arbeiten.

Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) erzählt diese Geschichte oft. Besonders gern erzählt er sie, wenn er vor Krankenhausmanagern referiert, die darüber wehklagen, dass sie 5500 freie Arztstellen nicht besetzen könnten. Denn Rösler kennt den Fall Lauterbach in allen Facetten. Wiebke Lauterbach ist seine Frau. Der Arzt und ehemalige Sanitätsoffizier Rösler weiß, dass flexible Dienstpläne, Teilzeitarbeit und Kita-Plätze in vielen Krankenhäusern Mangelware sind. Viele Ärztinnen stünden vor der schwierigen Entscheidung, den Kinderwunsch aufzuschieben oder ihre berufliche Tätigkeit aufzugeben. Über Kind und Karriere in der Medizin wird auf Ärztetagen und Kongressen viel geredet - fast so viel wie über den drohenden Ärztemangel, die Alterung der Gesellschaft, die Abwanderung approbierter Mediziner in die Industrie, die wachsende Feminisierung der Medizin - sechs von zehn Studenten sind Frauen, Tendenz steigend.

Die Spitzenpositionen in der Medizin besetzen die Männer

Das sei doch offensichtlich, dass sich alle Beteiligten zusammentun müssten, um den Arztberuf und die Heil- und Pflegeberufe attraktiver zu machen, sagt Rösler. Dem Schluss würde sich auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft, welche die mehr als 2000 Krankenhäuser vertritt, nicht verweigern. Allerdings würde Hauptgeschäftsführer Georg Baum angesichts der Sparpolitik auch gerne wissen: „Was haben sich die Liberal-Konservativen eigentlich dabei gedacht, den Kliniken mehr als eine Milliarde zu nehmen und gleichzeitig Investitionen in attraktive Arbeitsplätze zu fordern?“ Familienministerin Kristina Schröder sagt voraus, Krankenhäuser und Arztpraxen könnten es sich bald nicht mehr leisten, „die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als reine Privatsache abzutun“. Sie und Rösler wollen im Frühjahr Vorschläge machen.

Wer so lange nicht warten kann, sollte sich mit einem gerade vorgelegten Handbuch der Bundesärztekammer („Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte, Lebensqualität in der Berufsausbildung“) befassen. Daraus erfährt man, dass deutsche Ärztinnen im EU-Vergleich weniger Führungspositionen einnehmen und außerhalb des Gehaltstarifs schlechter bezahlt werden als Männer. Mehr als neun von zehn Spitzenpositionen in der Medizin sind von Männern besetzt, aber Frauen stellen 40 Prozent des Personals. Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, sagt, in der Wirtschaft habe ein Umdenken zugunsten familienfreundlicher Stellen begonnen. „Im Gesundheitswesen dauert dieser Prozess offenbar etwas länger.“

Faustformel: Große Kliniken sind am familienfreundlichsten

Im Jahr 2008 hatten nur 40 Prozent der Krankenhäuser der Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen „eher oder teilweise hohen Stellenwert“ zugebilligt. Faustformel: Große Kliniken mit mehr als 600 Betten sind am familienfreundlichsten. 70 Prozent der Krankenhäuser sahen keine Kinderbetreuung vor. Aber die Liste der Häuser mit Ausnahmen davon reicht inzwischen vom Ameos Diakonie-Klinikum Ueckermünde bis zur Zentralklinik Bad Berka. Auch wenn das Angebot nicht überall so gut ist wie in der Unfallklinik Murnau. Dort können Eltern an 365 Tagen im Jahr ihre Sprösslinge, wenn nötig von halb fünf morgens bis halb zehn in der Nacht, betreuen lassen. Aber auch da, wo Kinderbetreuungsplätze existieren, kann es Wartelisten geben.

Kinderbetreuung ist wichtig, sie reicht aber längst nicht aus. An der Frankfurter Goethe-Universität läuft seit einem Jahr das Modellprojekt „Teilzeitstudium Medizin“. Damit soll jungen Eltern geholfen werden, Studium und Elternschaft unter einen Hut zu bekommen. An der Berliner Charité gibt es einen „Väterbeauftragten“. Dieser heißt Jakob Hein und sagt, er könne „gar nicht so viele Väter beraten, wie es eigentlich nötig wäre“. Die private Klinikkette Sana will alle ihre 41 Kliniken in „familienfreundliche Krankenhäuser“ umwandeln. „Um einen hohen Qualitätsstandard zu erreichen, werden alle Sana Krankenhäuser zertifiziert und unterziehen sich einem Audit für Familie und Beruf.“ Dafür würden Geschäftsführung, Chefärzte, Personalbereich und der Betriebsrat eng miteinander zusammenarbeiten.

„Eine reine Organisationsfrage“

Teilzeitarbeit im Praktischen Jahr, in dem ganztägige Anwesenheit Voraussetzung ist, oder eine Unterbrechung wegen Schwangerschaft und Elternzeit sind in den meisten Kliniken möglich, aber noch nicht die Regel. Der Wiedereinstieg in den Job kann eine weitere Hürde sein. Fachleute empfehlen, mit Vertretungen Kontakt zu Arbeitgeber, Kollegen und Arbeitsplatz zu halten, etwa als Urlaubsvertretung. Abgestufte Teilzeit, bei der Arbeitszeit schrittweise und flexibel - auch durch Abend- oder Nachtdienste - erhöht werden kann, können ein Mittel sein, wieder in den Job einzusteigen. Die Geschäftsführerin der Helios St. Elisabeth Klinik mit 158 Betten im osthessischen Hünfeld, Melanie Klingel, berichtet, fast die Hälfte ihrer Ärzte seien Frauen und 12 von 14 hätten Kinder, 11 arbeiteten in flexiblen Arbeitszeitmodellen. „Es ist eine reine Organisationsfrage.“

Gerade für junge Ärztinnen stellt sich oft die Frage nach Teilzeit und Gleitzeit. Letztere ist allerdings in deutschen Krankenhäusern die Ausnahme. Teilzeitarbeit will aber gerade auch im Krankenhaus gut überlegt sein. Denn sie bedeutet nicht nur finanzielle Einbußen, sondern auch längere Weiterbildungszeiten auf dem Weg von der Assistenz- zur Fachärztin. Ärztinnen, die in Teilzeit arbeiten wollten, sollten sich deshalb in ihrem Krankenhaus schon laufende oder geplante Arbeitszeitmodelle ansehen „und dann entscheiden, ob und gegebenenfalls in welchem Ausmaß eine Arbeitszeitreduzierung notwendig und sinnvoll ist“, empfiehlt Magdalena Benemann von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund.

Wiebke Lauterbach hat das getan. Sie hat eine passende Teilzeitstelle gefunden.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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