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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Fahrradschule für Migrantinnen Fahrt in die Freiheit

22.01.2010 ·  In Braunschweig gibt es eine Fahrradschule für Migrantinnen. Viele machen dort wichtige Schritte zur Integration. Auch zur Emanzipation können die Kurse beitragen, sagen Fachleute: „Auf dem Fahrrad trägt man eher Hosen, lange Kleider bleiben in der Kette hängen.“

Von Tonio Postel
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Auf einem abgelegenen Schotterweg im Braunschweiger Westen haben sich sechs Frauen getroffen, um ihr Leben anzupacken. Blau, gelb und orange in der Sonne schimmernde Damenfahrräder sollen sie dabei unterstützen. Seit 2003 gibt es in der niedersächsischen Stadt das soziale Projekt „Ladies on tour“, innerhalb von zwei Monaten sollen die Teilnehmerinnen dabei das Radfahren lernen. Viele von ihnen kennen in Braunschweig bisher nur den Weg zur besten Freundin. Jetzt wollen sie ein neues Stück Freiheit kosten, ihr Selbstbewusstsein stärken, unabhängiger werden.

„Das ist für Migrantinnen keine Selbstverständlichkeit“, betont eine der Projektleiterinnen, Yesim Cil, eine rundliche Frau mit ansteckendem Lachen. Ob man als Kind Rad zu fahren lernen konnte, hänge oft vom Geld oder von der Herkunft ab. „Und manchmal auch vom Geschlecht.“ In Teilen der Türkei und vielen anderen islamischen Ländern etwa sei es unüblich, dass Frauen aufs Rad steigen. Getragen wird das Braunschweiger Projekt vom Stadtentwicklungsbüro „Plankontor“ und dem Büro für Migrationsfragen des örtlichen Sozialreferats. Da viele der Teilnehmerinnen von Hartz IV leben, hat der Kurs auch einen ganz pragmatischen Anreiz: Sie möchten das Geld für die öffentlichen Verkehrsmittel sparen.

Deutschkurse, Kurse zur Familienbildung, Integration und Orientierung - es gibt viele Hilfsangebote für Migranten. Aber Rad fahren? Klaus Bade, der Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, hält den Ansatz für eine „sinnvolle, amüsante und lebenspraktische Idee“. Er sieht darin auch einen Beitrag zur Emanzipation. „Auf dem Fahrrad trägt man eher Hosen, lange Kleider bleiben in der Kette hängen.“

„Ich bin euer Airbag“

Doch am Anfang steht die Überwindung. Denn Erwachsene tun sich beim Radfahren viel schwerer als Kinder. Hacer, Gülcan, Maria und Anna müssen also ihren Mut sammeln und ihre Ängste überwinden. Manchen gelingt der Balanceakt schon beim zweiten Versuch ganz ordentlich: Sie radeln gemächlich über den schwarzen Schotter, umkurven in aufrechter Haltung die Hütchen der Verkehrswacht. Unterbrochen wird ihre Fahrt nur von Zwischenrufen der beiden Kursleiterinnen - oder einer Gefühlsregung. Dann erklingt ein langes „Ahhhh“ oder „Hilfeeee!“, falls die Fahrt abrupt in den Büschen endet.

Ernsthaft verletzt hat sich dabei noch niemand, kleinere Schürfwunden oder Schrammen kommen aber vor. „Das Schwerste ist das Bremsen“, berichtet Anna Hantner, eine 36 Jahre alte Kenianerin, die seit sechs Jahren in Deutschland lebt. Hacer Kuskaya aus der Türkei ist noch nicht so weit. Die 49 Jahre alte Küchenkraft tut sich schwerer als ihre Mitschülerinnen, muss noch beidseitig von den Kursleiterinnen gestützt und angeschoben werden. Gerade für muslimische Frauen wie sie ist es wichtig, dass Frauen sie anleiten; eine Berührung von einem Mann könnten sie als unsittlich ansehen.

„Ich bin euer Airbag“, flachst derweil Yesim Cil. Auch Hacer Kuskaya nimmt es mit Humor. „Im Dorf, wo ich herkomme, gibt es keine Fahrräder“, sagt sie in gebrochenem Deutsch, obwohl sie schon 20 Jahre hier lebt. Unbedingt möchte sie nun das Radfahren lernen. „Weil ich meine Tochter zum Sport bringen will.“ Mann und Tochter radeln schon, sie will nicht länger warten. Und Yesim Cil gibt sie nicht auf. Ihr Tagesziel: „Wir müssen Hacer hinbekommen!“

„Als Nächstes möchte ich einen Deutschkurs machen“

Gülcan Mavitas ist 26 Jahre alt und trägt als Einzige im Kurs ein schwarz-weiß gemustertes Kopftuch. Sie kommt aus Gaziantep in Anatolien. Dass es manchen Männern dort ungehörig vorkommt, wenn Frauen Rad fahren, stört die inzwischen seit vier Jahren in Deutschland lebende Hausfrau nicht. Stolz thront sie auf ihrem Rad. „Ich wollte schon in der Türkei fahren lernen, ich genieße das sehr!“, sagt sie und strahlt. „Als Nächstes“, lässt sie Yesim Cil übersetzen, „möchte ich einen Deutschkurs machen.“

Für den Radfahrkurs interessieren sich nicht nur Migrantinnen. Die Hälfte der Teilnehmerinnen seien zuletzt Deutsche gewesen, berichtet Yesim Cil. Maria Rychlik etwa: Die Fünfzigjährige ist als Kind vom Rad gefallen und hat seither nie wieder eins angerührt - bis heute. „Wir fahren jedes Jahr nach Sylt, da wollen wir Rad fahren“, beschreibt die Frisörin ihre Motivation. „Etwas zu lernen ist ein tolles Gefühl. Ich bin stolz darauf und stehe dazu!“

Alle Frauen - ihr Alter reicht bisher von 18 bis 68 Jahre - müssen zunächst unterschreiben, dass sie stets motiviert, regelmäßig und auf eigene Gefahr an den zehn Doppelstunden teilnehmen wollen. Nach einer Einführung in die Regelkunde lernen sie dann auf einem Erwachsenen-Roller, wie man das Gleichgewicht hält, machen motorische Übungen, proben das Auf- und Absteigen. Nach fünf Stunden sollten sie fahren können, beim elften Termin steht die Prüfung vor den Augen eines Verkehrspolizisten an. Dann gilt es durch eine Pfütze zu fahren und einen Gegenstand während der Fahrt festzuhalten.

Vorher sollten alle einen Hindernisparcours meistern, zielgerichtet bremsen und ihr Rad durch schmale Gassen und Kurven manövrieren können. Durchfallen sei die Ausnahme, berichtet Yesim Cil, bislang habe erst eine Teilnehmerin den Kurs wiederholen müssen. Und zur Belohnung steht nach der Prüfung eine gemeinsame Abschlussfahrt auf dem Programm - im Sommer führte sie zu einer Erdbeerplantage.

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