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Existenzgründung Goldwäscher in Schleswig

12.09.2008 ·  Wissenschaft und Wirtschaft sind zwei verschiedene Welten. Ein Gründerworkshop in Norddeutschland versucht den Brückenschlag. Wie Biologen und Ingenieure auf das Geschäftsleben vorbereitet werden.

Von Anna Loll
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Das Feedback nach der Projektpräsentation lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. "Du bist pleite, bevor du anfängst", tönt es von einem der in U-Form angeordneten Kunststofftische. Wie man darauf reagiert, hängt vom eigenen Selbstbewusstsein ab. "Ich kann nicht ausschließen, in ein paar Jahren so weit zu sein wie Einstein", sagt der Mann, dem gerade vorgehalten worden ist, dass sein Geschäftsplan nicht funktionieren werde.

Nein, für sensible Seelen ist die "Entrepreneur's Innovation Summer School" (EISS) nichts. Aber die Anwesenden - zehn Gründerteams aus Norddeutschland - sind ja auch nicht für drei Tage Strandurlaub nach Schleswig gekommen, sondern um sich in einem Hotel am Waldrand auf die harte Realität des Geschäftslebens vorzubereiten. Entweder wollen sie ein Unternehmen gründen, oder sie haben es vor kurzem getan - mit Produkten vom Computerchip bis zum Grünkohlpräparat.

Potential, etwas Innovatives zu schaffen

Gemeinsam ist allen, dass sie aus der Wissenschaft kommen. Genau diese Menschen aus den Universitäten und Forschungseinrichtungen bringen das Potential mit, wirklich etwas Innovatives zu schaffen, davon ist Professor Achim Walter, der an der Kieler Christian-Albrechts-Universität Gründungs- und Innovationsmanagement lehrt, überzeugt. "Die Produkte hier finden Sie in keinem Regal", lobt er die Ideen. Erste Ergebnisse internationaler Studien zu Ausgründungen aus der Wissenschaft zeigten überdies, dass akademische Spin-offs, gemessen am Umsatz und an der Zahl qualifizierter Arbeitsplätze, kräftiger als andere Gründungen wüchsen - sofern sie ihre erste Lernphase am Markt überlebten. "Was wir hier machen, ist Goldwaschen", sagt Walter deshalb.

Der Professor hat noch ein anderes Bild auf Lager, um die Aufgabe zu verdeutlichen. "Die Wissenschaftler haben etwas gekocht. Jetzt muss man sehen, wem es schmeckt", sagt er. Eine überlegene Technik allein reiche als Basis einer Unternehmensgründung nicht aus. Wer wie ein Kind in das Spielzeug in seine eigene Idee vernarrt sei, wirke zwar authentisch, verliere aber oft mögliche Industriekunden und ihre Probleme aus dem Blick und scheitere deshalb auf der freien Wildbahn der Marktwirtschaft.

Alles andere als Abziehbilder

Die Teilnehmer an der Sommerschule allerdings sehen zumindest auf den ersten Blick weder wie vernarrte Kinder noch wie revolutionäre Erfinder aus. Freundlich und eher zurückhaltend treten sie auf, die Männer mit grauen Schläfen und Karohemden, die ungeschminkten Frauen in lockeren Businessanzügen. Auch dem Abziehbild des durchsetzungsfähigen Managers gleicht hier, in entspannter akademischer Atmosphäre, keiner. In der Welt der Wissenschaft gelten andere Spielregeln als in der Wirtschaft, und so verschieden sind auch die Eigenschaften, die man für den Erfolg braucht. "Betriebswirte sind die mit den Dollarzeichen in den Augen", sagt etwa Dorothee Dähnhardt, während sie ihren acht Monate alten Sohn auf den Knien hin und her schaukelt. "Der Wissenschaftler aber, als eher selbstverliebter und naiver Typ, ist einfach nur begeistert von seiner Idee. Dass die nicht so leicht an den Kunden zu bringen sein könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn."

Wegen des betriebswirtschaftlichen Wissens ist die 33 Jahre alte Frau mit ihrem Partner Stephan Pfeiffer nach Schleswig gekommen. Mit ihrem im April gegründeten Unternehmen Microscopy Services scheinen die beiden auf eine Marktlücke gestoßen zu sein. Zumindest sind sie ohne Marketingbemühungen schon jetzt so ausgelastet, dass sie gar keine Zeit haben, um weitere Akquise zu betreiben. Sie wollen solide wachsen, fühlen sich aber vom eigenen Erfolg überrannt. "Das biologische und ingenieurwissenschaftliche Know-how haben wir. Was wir brauchen, sind geballte BWL-Kenntnisse. Die finden wir hier", sagt die Diplom-Biologin.

"Die Synthese aus Wirtschaft und Wissenschaft ist eine prima Sache", sagt Heinz Kreft, der seinem "Tresorchip" beste Chancen zuschreibt. Der Chip soll Informationen auf kleinstem Raum verschließen können und so Plagiate verhindern. "Die Wahrscheinlichkeit ist fast gleich null, dass mein Geschäftsmodell nicht funktioniert", sagt der 47 Jahre alte Wissenschaftler. Verkauft hat er von seinem Produkt zwar noch nichts, räumt er ein. Aber er beruft sich auf Verluste von rund 200 Milliarden Euro, die Plagiate Jahr für Jahr in aller Welt verursachen, und strotzt deshalb geradezu vor Zuversicht.

In Schleswig sucht er nach Kontakten und vielleicht auch nach Finanziers für sein Projekt: Auch Vertreter einiger Banken und Wirtschaftsförderer sitzen hier mit am Tisch. Von der Atmosphäre der Tagung ist Kreft begeistert, sie sei eine Gelegenheit, sich selbst in den anderen wiederzuerkennen und so die eigenen Probleme von außen zu betrachten. Außerdem seien die Teilnehmer weder resigniert noch abgedrängt. "Vielleicht sind wir die Generation, die Google 2 schafft", orakelt er.

Prozess des Lernens, Scheitern inklusive

Achim Walter sagt, er wolle die Gründer vor allem zum Reflektieren bringen. Eine Unternehmensgründung sei ein Prozess des Lernens, Scheitern inklusive. Um solche Prozesse zu begleiten, hat er vor fünf Jahren die Idee zum EISS-Workshop entwickelt. Er soll nicht nur Walters eigene Forschung und Lehre vorantreiben, sondern auch den Transfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft fördern. Wer in Kiel Betriebswirtschaft studiert, dem vermittelt Walters Lehrstuhl ein Praktikum in einem der Gründerunternehmen. Für die Gründer selbst ermöglichen diese Praktika die Anbindung an die Universität und eine intensive Betreuung.

Die Agrarwissenschaftlerin Susanne Stricker, die das Internetportal Questen.net gegründet hat, ist überzeugt, davon zu profitieren. "Sonst schauen die Leute auf das Projekt und sagen immer nur: Superidee", berichtet sie. Jetzt aber werde alles auf Herz und Nieren geprüft. Wichtig für sie und ihren Partner Michael Clasen sei beispielsweise die Erkenntnis gewesen, die Zielgruppe für ihr Produkt genauer definieren zu müssen, um sich nicht zu verzetteln. Von Einsichten wie dieser hört Achim Walter gerne. Er versucht, den Gründern immer wieder ihre bunte Lieblingsrassel, die eigene Erfindung, aus der Hand zu nehmen. Stattdessen konfrontiert er sie mit betriebwirtschaftlichen Überlegungen. "Die werden dann manchmal ein bisschen ungehalten", räumt der Professor augenzwinkernd ein. "Aber es bringt was."

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