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Entspannen nach der Arbeit Nur noch an Bass und Ton denken

 ·  Feierabend, nur raus aus dem Büro. Aber wohin? Die Redaktion von „Beruf und Chance“ testet Freizeit- möglichkeiten für geplagte Berufstätige. Teil 7: Trommeln.

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Mein Leben als Musikerin beginnt mit 44 Jahren und es beginnt mit Bass, Pause, Ton, Ton. Ich sitze mit acht anderen Trommelanfängern im Dachgeschoss des Musikgeschäfts André in Offenbach am Main und habe eine Djembe vor mir. Eine Djembe sieht so aus, wie man sich eine afrikanische Trommel vorstellt. Sie hat einen kelchförmigen Korpus aus glattem Holz, dessen obere Öffnung mit einem Fell bespannt ist. Schlägt die Hand auf die Mitte des Fells, dann erschallt ein satter Bass, trifft sie den Rand, dann klingt es heller - dieser Laut wird als Ton bezeichnet. In den nächsten Stunden werden wir versuchen, Bass und Ton so zu kombinieren, dass es nach Rhythmus, nach Musik klingt. Wir beginnen mit Bass, Pause, Ton, Ton. Viel mehr wird an diesem Tag nicht dazukommen, allein noch Bass, Pause, Ton, Pause. Und es wird ein klein wenig nach Rhythmus klingen, nach Musik noch nicht.

Daddy Bahmani leitet den Workshop. Daddy ist 31 Jahre alt, kommt aus Iran und lebt schon länger in Deutschland. Er macht gerade sein Diplom in Grafikdesign an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Daddy tritt in Clubs auf und bringt dort mit Techno-, House- und orientalischen Rhythmen das Publikum zum Tanzen. Außerdem reist er ab und zu mit dem iranischen Popstar Mansour um die Welt: als Percussionist in dessen Band. Daddy hat seine dunklen Haare milimeterkurz rasiert; er trägt eine coole schwarzgerahmte Ray-Ban-Brille, ein cooles T-Shirt und Jeans. Er selbst ist - zum Glück - überhaupt nicht cool; freundlich ist er und unprätentiös. Unprätentiös ist auch der Raum, in dem wir uns befinden. Eine ausrangierte Couchgarnitur, ein Klavier, ein Keyboard, Laminatfußboden. Hier hat keiner vorher aufgeräumt, und das ist auch gut so.

Daddy gibt uns eine kleine Kostprobe seines Könnens. Mit hoher Geschwindigkeit fliegen seine Hände auf und ab. Der Rhythmus hört sich toll an. Wir zucken mit den Oberkörpern. Daddy sagt, so könnte es sich irgendwann einmal anhören. Doch ich ahne, dass dies einige Jahre Übung braucht.

Hocker, Tisch oder Trommel?

Das macht aber nichts. Auch Bass, Pause, Ton, Ton machen schon erstaunlich viel Spaß. Zunächst spielt sich alles im Kopf ab. Irgendwann aber überlässt das Gehirn dem Gehör die Führung - einfach so. Dann spürt man den Rhythmus angenehm im Körper. Man bekommt eine erste Ahnung, wie es sein kann, getragen vom Rhythmus auf die Trommel zu schlagen - ohne zu viel Gehirn eingeschaltet zu haben. Ein gutes Gefühl für eine Kopfarbeiterin, wie ich es bin. Zu lange gelingt das einer Anfängerin aber nicht. Irgendwann komme ich aus dem Rhythmus und ich muss wieder den Kopf einschalten. Schon lange habe ich mir gewünscht, ein Musikinstrument zu spielen. Als Kind galt ich als sportlich, aber nicht als musikalisch. So übte ich allerlei Sportarten aus, ein Instrument erlernte ich nicht. Ich kann mich aber noch gut erinnern, wie ich mir mit acht oder neun Jahren aus Töpfen, Tellern, Tassen und Gläsern ein Schlagzeug baute und mit zwei Holzlöffeln drauflosklopfte. Das war toll!

Mit dem Ende des Djembe-Workshops durfte meine musikalische Karriere auf keinen Fall schon wieder vorbei sein. Daddy sagte, seine Djembe-Kurse seien leider schon zu weit voraus. Aber ich könne in eine Cajon-Gruppe wechseln, die erst seit kurzem zusammen spiele. Ich war nur halb begeistert. Eine Cajon sieht überhaupt nicht aus, wie ich mir eine Trommel oder ein Percussion-Instrument vorstelle. Auf den ersten Blick könnte man sie für ein Möbelstück halten. Aber welches? Ein Hocker? Ein Tisch? Optisch sprach mich diese „Kistentrommel“ aus Peru gar nicht an; ich war skeptisch. Doch dann setzte sich Daddy auf die Cajon und ließ die Hände auf und nieder fliegen. Es hörte sich cool an. Ich wollte lernen, Cajon zu spielen. Was mich außerdem motivierte: Technisch sei sie leicht zu spielen, sagte Daddy, anders als zum Beispiel eine Konga. Und: Auch beim Cajonspielen setzen sich die Rhythmen aus Bass und Ton zusammen. Das kannte ich ja schon.

Gutes Gruppengefühl

Einmal in der Woche fahre ich nun am Abend nach Offenbach. Ich schleppe meine Cajon vorbei an Nuris Kiosk, dem Württemberger Hof und dem El Toro Grillhaus. Ich betrete ein unauffälliges Haus und gehe in den Keller in einen fast leeren Raum mit einem blauen Teppichboden, einer Schrankwand aus grauem Kunststoff, ein paar Hockern und einem gelben Ikea-Lacktisch mit ein paar Musikzeitschriften darauf. Der Raum füllt sich rasch mit acht Schülern, einem Lehrer und neun Cajons. Manchmal bin ich müde auf dem Weg dorthin. Doch wenn wir dann gemeinsam unsere Rhythmen klopfen, werde ich wach. „Das Trommeln in der Gruppe gibt Power“, sagt Daddy. Entspannt es auch? Ja, letztlich schon. Man muss zwar hochkonzentriert sein, denn die Rhythmen wechseln oft. Doch - und das ist angenehm - man kann garantiert an nichts anderes denken als ans Trommeln. Nicht der klitzekleinste Gedanke an die Arbeit hat auch nur die geringste Chance, Beachtung zu finden.

Die anderen, mit denen ich nun schon seit einigen Wochen trommle, habe ich noch nicht wirklich kennengelernt. Zumindest haben wir noch kaum miteinander gesprochen. Und doch hat sich schon ein gutes Gruppengefühl eingestellt. Einmal kam eine andere Gruppe dazu und das Zusammenspiel funktionierte gar nicht gut. Beim nächsten Mal waren wir, das war deutlich zu spüren, froh, wieder unter uns zu sein. Links neben mir sitzt immer Andreas. Manchmal hat er Bereitschaftsdienst im Krankenhaus, dann liegt sein Handy neben den Notenblättern auf dem Boden. Mehr weiß ich nicht von ihm - bisher. Sollten wir länger gemeinsam trommeln, wird sich das ändern. Da bin ich mir sicher; deshalb hat es keine Eile.

Doch nun konzentrieren wir uns auf unsere Rhythmen. Bass, Pause, Ton, Ton spielen wir schon fast wie im Schlaf. Wir stehen nun vor ganz anderen Herausforderungen. Zum Beispiel vor Ton, Ton, Ton, Pause, Ton, Ton, Ton, Pause, Bass, Pause, Bass, Pause, Ton, Pause, Pause, Pause, Bass, Pause, Ton, Ton, Ton, Ton, Ton, Pause, Bass, Pause, Bass, Pause, Ton, Pause, Pause, Pause. Und das ist nur einer von vielen neuen Rhythmen, die wir inzwischen spielen. Noch während ich dies aufschreibe, bekomme ich große Lust, mich auf meine Cajon zu setzen und zu üben.

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In dieser Reihe erscheinen: Malen, Kickboxen, Stricken, Gartenarbeit, Yoga, Grillen, Trommeln, After-work-Party.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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